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Viren-Experten aus der Mainmetropole sind gefragt: Seuchen-Übung: „Frankfurt, bitte kommen!“

Von Wenn der Sonder-Rettungswagen der Frankfurter Feuerwache 3 sich auf den Weg macht, um einen Patienten auf die Sonderisolierstation der Uniklinik zu bringen, haben es die Einsatzkräfte mit hochansteckenden, lebensbedrohlichen Erkrankungen zu tun. Dann darf kein Fehler passieren. Das will geübt sein.
Auf der Sonderisolierstation übernimmt das Team der Frankfurter Uniklinik die Patientin von den Rettungskräften, die sie aus Saarbrücken in die Mainmetropole gebracht haben. Auf den Rücken geschnallt tragen sie Beatmungsgeräte. Diese filtern die Luft um zu verhindern, dass sich Ärzte und Pflegekräfte mit den gefährlichen Lassa-Viren infizieren. Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA Auf der Sonderisolierstation übernimmt das Team der Frankfurter Uniklinik die Patientin von den Rettungskräften, die sie aus Saarbrücken in die Mainmetropole gebracht haben. Auf den Rücken geschnallt tragen sie Beatmungsgeräte. Diese filtern die Luft um zu verhindern, dass sich Ärzte und Pflegekräfte mit den gefährlichen Lassa-Viren infizieren.
Frankfurt/Saarbrücken. 

Die Alarmierung aus Saarbrücken kommt gegen 7.30 Uhr. Dann geht es ganz schnell: Eine halbe Stunde später rollt der Sonder-Rettungswagen (S-RTW) vom Hof der Feuerwache 3 in Frankfurt-Nied. Gerade so, als hätte er auf diesen Einsatz gewartet.

Ein bisschen ist es auch so, denn es kommt nicht oft vor, dass die speziell geschulte Mannschaft der Berufsfeuerwehr einen Patienten mit einem hochansteckenden, lebensbedrohlichen Erreger transportieren muss. Heute schon.

Es ist nur eine Übung, doch die gefährlichsten Viren der Welt sind nur einen Linienflug entfernt. So ist es auch in diesem Fall: Am frühen Morgen spaziert die Patientin in Saarbrücken in die Notaufnahme. Sie fiebert, erbricht, ihr Kopf schmerzt. Einen Tag zuvor ist sie mit dem Flieger aus Westafrika nach Paris gereist und mit dem TGV weiter nach Saarbrücken. Den Ärzten schwant nichts Gutes. Lassa?

Frankfurt, bitte kommen!

Sie isolieren die Patientin, kramen die provisorischen Schutzanzüge hervor, die sie für den Ernstfall vorhalten müssen. Und sie rufen Frankfurt um Hilfe. Dort befindet sich das Kompetenzzentrum für hochpathogene Infektionserreger (KHPI) – kurz: Dort sitzen die Experten für gefährliche Erreger wie Lassa, Ebola oder SARS. Und sie sind nicht nur für Hessen und Rheinland-Pfalz zuständig, sondern auch für das Saarland.

Begleitet wird der 350 000 Euro teure S-RTW von einer Gruppe Beobachter. Sie kommen vom Bundeswehrinstitut für Mikrobiologie in München, vom Robert-Koch-Institut, vom hessischen Sozialministerium, vom Gesundheitsamt Baden-Württemberg, vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). Sie suchen die Fehler. Sie werden sie finden.

Mit Blaulicht geht es über die Autobahn, doch der Fahrer des silberfarbenen Audi Q 3 auf der linken Spur denkt gar nicht daran, Platz zu machen. Mario Di Gennaro, der am Steuer des Mannschaftsbusses sitzt, kennt das. „Das mit der Rettungsgasse funktioniert selten.“

Info: Lassa-Virus

Das Lassa-Virus zählt zu den hämorrhagischen Fiebern. Es wird über Körperflüssigkeiten übertragen, während der Hochphase der Erkrankung und engem Kontakt auch über die vom Infizierten ausgeatmete Luft.

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In seinem Bus sitzt auch Rainer Schmidt vom DRK Stuttgart. Was passiert, wenn tatsächlich mal ein Patient mit Lassa-Fieber irgendwo in einer Notaufnahme auftaucht, will er sich nicht ausmalen. „Dann ist die Katze schon den Baum rauf“, sagt Schmidt und spielt auf die vielen ungeschützten Kontakte mit Patienten und Klinikpersonal an. Nicht umsonst haben die Kameraden der Feuerwehr spezielle Schutzanzüge im Gepäck, als sie in Saarbrücken eintreffen. Lassa ist kein Kindergeburtstag.

Während sie kistenweise Material ausladen, setzen sich die Ärzte aus Frankfurt und Saarbrücken zur Lagebesprechung zusammen. Der Patientin geht es schlecht, sie wird beatmet, ist nicht ansprechbar.

Im gleichen Raum bereitet sich Andreas Schilling auf den Einsatz vor. Der Arzt lässt sich das Funkgerät umschnallen, setzt die Kopfhörer auf. Es raschelt, während er sich in den blauen Anzug helfen lässt. Die Füße steckt er in gelbe Gummistiefel. Dann noch die Haube auf den Kopf. Schon bläst sich der Anzug auf, drinnen herrscht jetzt Überdruck. Reißt er, strömt Luft nur nach draußen, nicht hinein, damit keine Erreger ins Innere gelangen.

Gemeinsam mit einem Kameraden verfrachtet er die Patientin in den S-RTW, dann geht es zurück nach Frankfurt, schnurstracks zur Sonderisolierstation, Haus 68 A der Frankfurter Uniklinik. Für 1,4 Millionen Euro hat das Land Hessen die Station vor 14 Jahren eingerichtet, genau für solche Fälle. Seitdem hatten sie dort SARS, sie hatten Ebola, sie hatten Lassa, nicht nur einmal. Sie wissen, wie es geht.

„Nein, ich bin nicht zufrieden“, grummelt derweil René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes. Wieder hat es bei der Kommunikation gehakt. „Das passiert bei jeder Übung“, schimpft er. Diesmal ist ein wichtiges Amt auf Betriebsausflug. Ausgerechnet. „Aber wir sind Profis, wir finden immer einen Weg“, sagt Gottschalk und ist eigentlich doch ganz zufrieden.

„Der erste große Bock“

In Frankfurt wird der Lassa-Transport schon erwartet. Das Team der Isolierstation ist bereits in die Schutzanzüge geschlüpft. Die Übergabe auf Station verläuft reibungslos. Fast. „Den ersten großen Bock hab’ ich schon bemerkt“, sagt Timo Wolf von der Infektiologie der Uniklinik. Niemand hat die Kollegen informiert, dass die Patientin intubiert ist und intensivmedizinisch betreut werden muss. Jetzt ist Improvisationstalent gefragt.

Draußen mischt Harald Breidert eine zweiprozentige Essigsäure-Lösung an. Die braucht er gleich, um die Kollegen zu dekontaminieren, um Viren abzutöten, die vielleicht noch auf dem Anzug haften.

Sobald die Männer die Isolierstation verlassen, empfängt sie Breidert in der Schleuse. Es stinkt bestialisch, als er Schillings Schutzanzug von oben bis unten mit Essigsäure einsprüht, ihn anschließend abschrubbt. Dann heißt es: Fünf Minuten warten. Fünf lange Minuten. Es ist stickig im Anzug. Seit zweieinhalb Stunden steckt Schilling da drin. Und in den Gummistiefeln. Er steht im eigenen Saft.

Endlich sind die fünf Minuten um. Einfach ausziehen kann Schilling den Anzug aber nicht. „Es darf kein Teil der Hülle mehr mit ihm in Kontakt kommen“, erklärt Leo Latasch vom Gesundheitsamt. „Jeder Handgriff ist festgelegt.“

Breidert schneidet den Anzug an der Rückseite auf, schält den Arzt nach und nach heraus, stülpt das Anzuginnere penibel nach außen. Dann ist es geschafft. Schilling ist frei. Die Haare kleben ihm am Kopf, die Kleidung trieft. Die Flasche Eistee, die ihm jemand in die Hand drückt, leert er in einem Zug.

Kurz darauf erklärt Übungsleiterin Marion Verg die Übung für beendet. Nur die Beobachter beraten noch, was gut, was nicht so gut gelaufen ist. Fehler sind heute okay – damit im Ernstfall alles glatt läuft.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, im Anzug herrsche Unterdruck. Das war falsch, im Schutzanzug herrscht Überdruck.

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