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Merkel bekennt sich zu ihrer wohl kniffligsten Kandidatur: Sie macht’s noch mal

Von Sie will dann doch Kanzlerin bleiben, so lange im Amt sein wie Helmut Kohl. Aber Angela Merkel weiß wohl: Ihre alternativlose Zeit ist vorbei.
Es geht um Deutschland: Die Kanzlerin tritt mit ihrer erneuten Kandidatur in die Fußstapfen Konrad Adenauers. Foto: imago stock&people Es geht um Deutschland: Die Kanzlerin tritt mit ihrer erneuten Kandidatur in die Fußstapfen Konrad Adenauers.
Berlin. 

Natürlich kann man das Ganze für Theater halten. Dann ist der Auftritt von Angela Merkel, wenigstens teilweise, einer ihrer besseren. Man kann aber auch das Vorher und Drumherum und Hin und Her einfach mal abziehen. Dann bleibt da eine Kanzlerin, die – für ihre Verhältnisse – fast schon eine Art Einblick in ihr Inneres gewährt. „Wie viel Neugierde hast du auf die nächsten vier Jahre?“ – wer sich diese Frage stellt, der kennt Ermüdungserscheinungen, mindestens. Und wenn ausgerechnet Angela Merkel diese Frage aus dem stillen Kämmerlein nach draußen trägt und ausstellt: Hat sie dann vielleicht verstanden, dass kühle Klugheit allein zu wenig sein könnte, um auch eine vierte Kanzlerin-Wahl zu gewinnen?

Sie will das. Sie tritt noch einmal an. Allerdings war das schon nachmittags kurz vor zwei Uhr klar. In Zeiten von Smartphones und Tablets ist eine solche Nachricht nur noch so lange unter Verschluss zu halten, wie es dauert, „sie macht es“ zu tippen. Und ohnehin hatte die Republik es ja schon seit Freitagnachmittag erwartet. Wenn Merkel einen Presseauftritt gewährt, Sonntagabend auch noch – was anderes sollte der Grund sein als dass der 20. November 2016, 19 Uhr, der „gegebene Zeitpunkt“ ist, den sie seit Monaten verheißen hat.

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Auf Nummer sicher

Angela Merkel macht auf Helmut Kohl. Wenn sie auch nach der nächsten Bundestagswahl Regierungschefin bleibt (und die Legislatur beendet), wäre sie wie der Pfälzer 16 Jahre im Kanzleramt.

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Es ist nicht allzu viel politische Intuition nötig, um zu wissen: Ein Verkündigungsdatum hatte Merkel nie – allenfalls eine Deadline, aber auch die nur so ungefähr. Sie musste schneller sein als die SPD – und sie durfte die eigenen Leute nicht zu lange im Ungewissen lassen. Das Wichtigste aber war, auf einen günstigen Moment zu hoffen – und ihn, sollte er sich bieten, nicht zu verpassen.

Am Mittwoch, 9. November, 8.47 Uhr Berliner Zeit, war er da. Im fernen New York trat Donald Trump auf die Bühne im „Hilton Midtown“ – als President-elect, als gewählter künftiger Präsident der USA. Und falls irgendjemand über all der Aufregung übersehen, überhört, übergangen haben sollte, eventuell auch einfach nicht wissen wollte, was Trumps Sieg für die deutsche Kanzlerin bedeutet: dem gab Barack Obama Bescheid. Wenn er Deutscher wäre und hier wählen dürfte, „dann“, sagte Obama eine gute Woche darauf bei seinem Abschiedsbesuch im Kanzleramt in die Kameras, „würde ich für sie stimmen; ich wäre ihr Fan“.

Zwei Tage zuvor hatte die „New York Times“ (NYT) – die stärkste linksliberale Zeitungsstimme der USA – Merkel „die letzte Verteidigerin des liberalen Westens“ genannt, „die letzte Verteidigerin Europas und des transatlantischen Bündnisses“. Der sehr ausführliche Artikel begann mit dem Satz: „Und dann war da nur noch Eine.“

Übersetzt bedeutet das: Wenn Europa und das transatlantische Bündnis so weit sind, dass sie der Verteidigung bedürfen, und wenn dafür nur Merkel in Frage kommt, dann geht es um Rettung aus höchster Gefahr. Und dann gibt es kein Zaudern. Aber genau das ist Merkels allerbeste und allererfolgreichste Disziplin. Abwarten – am liebsten, bis sich die Dinge von selbst lösen oder wenigstens die Aussichten klar sind. Und in der Zwischenzeit: schweigen.

Genau deshalb hat sich die K-Frage ja überhaupt ergeben. Und weil die CSU, verkörpert durch Horst Seehofer, einen Sommer lang Zweifel schürte an einem 67 bundesrepublikanische Jahre lang geltenden Automatismus: Wer Kanzler ist, führt in die kommende Wahl, SPD wie Union. Nichts allerdings sagte Seehofer darüber, wer Merkel ersetzen solle. Dürfe. Könne.

Das Können wird, so viel einzig ist sicher, im Herbst 2017 die wahl-entscheidende Kategorie sein. Auch Merkel hat es begriffen. Sie sei „bereit, einen Wahlkampf zu führen, der sehr anders ist“. Ihr altes „Sie kennen mich“ würden die „Merkel-muss-weg!“-Populisten aller Richtungen mit einem zwischen Johlen und Wut changierenden „Eben drum!“ quittieren. Andererseits: Wen auch immer die SPD als Herausforderer aufbietet – so wie Deutschland tickt, wird die Amtsinhaberin im Vorteil sein. Am Ende wird hier nach dem Waschmittel-Reklame-Prinzip gewählt: „Da weiß man, was man hat. Guten Abend.“

Auch Merkel aber weiß, was sie hat – mit der Kanzlerschaft. Außer viel Macht auch jede Menge Verantwortung. Probleme in immer schnellerer Folge mit immer stärkerem Entscheidungsdruck. Dazu eine Gesellschaft in Spaltung und partiellem Aufruhr. Weshalb hätte sie sich – und der Republik – nach zwölf anstrengenden Jahren nicht sagen sollen: Es reicht.

Wenn aus ihrem Umfeld zur K-Frage überhaupt etwas nach draußen drang, dann lautete, zusammengenommen, die Botschaft im Sommer stets: fifty-fifty. Das hatte etwas von Lust und Pflicht in gleichen Anteilen.

Nun sagt sie: „Ich brauche lange, und die Entscheidungen fallen spät. Dann steh’ ich aber auch dazu.“ Ausbrennen im Amt wollte sie nie riskieren, erst recht nicht die Kündigung am Wahltag – wie Helmut Kohl. Indes: So einfach ist die Sache ja auch für die Wähler nicht. Vielleicht hat da mancher die Bundeskanzlerin über – nicht aber, seit dem Brexit vielleicht, die Europa- und, seit der Wahl von Trump, die Weltkanzlerin.

Man muss nicht glauben, dass Hymnen wie die aus der „NYT“ ihr gefielen. Sie arbeitet aus der Defensive, sie mag es, unterschätzt zu werden, sie will, das vielleicht vor allem anderen, nicht durchschaut werden. Im Welt-Kontext ist das möglicherweise zuträglich. Aber daheim, in der plötzlich so groß gehandelten Republik? „Ich steh’ ja vor Ihnen hier ganz munter.“ Das ist so das Merkel’sche Emotions-Maximum. Bislang hat es genügt.

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