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Interview mit Masoud Aqil über seine IS-Gefangenschaft: „Sie wollten mir den Hals abschneiden“

In seinem Buch „Mitten unter uns“ warnt der Videojournalist Masoud Aqil vor dem Einfluss der nach Deutschland geflüchteten Dschihadisten.
Der kurdische Journalist Masoud Aqil hat die Folter des IS überlebt und lebt nun in Deutschland. Seine Erfahrungen aus Gefangenschaft und Flucht hat er niedergeschrieben. Der kurdische Journalist Masoud Aqil hat die Folter des IS überlebt und lebt nun in Deutschland. Seine Erfahrungen aus Gefangenschaft und Flucht hat er niedergeschrieben.
Frankfurt. 

Der Kurde Masoud Aqil war in IS-Gefangenschaft und lebt nun als Asylbewerber in Deutschland. Im Interview mit unserem Reporter Dieter Hintermeier berichtet er über seine Erfahrungen im IS-Knast und darüber, wie sogenannte Schläfer auf der Flüchtlingsroute nach Deutschland geschleust werden. Am heutigen Montag erscheint Aqils Buch „Mitten unter uns“.

Herr Aqil, Sie sind Kurde. Wie sind Sie in die Fänge des IS gekommen?

MASOUD AQIL: Ich lebte und arbeitete damals in Qamishlo im Norden Syriens. Am 15. Dezember 2014 fuhr ich mit einem Kollegen, Farhad, zu einem Interview und war im Auto eingeschlafen. Irgendwann weckte er mich. Vor uns auf der Straße standen maskierte Männer mit Gewehren und Sprengstoffgürteln. Sie zwangen uns, anzuhalten. Das war im Kurden-Gebiet, zehn Kilometer vom IS-Land entfernt.

Wie ging es weiter?

AQIL: Einer der Männer kam an Farhads Fenster und fragte, wohin wir wollten. Es hatte keinen Zweck zu leugnen. Als er auf dem Rücksitz unsere Kameras sah und bemerkte, dass wir kurdische Journalisten sind, setzte er sich auf den Rücksitz und zwang Farhad, ihrem Pick-up zu folgen. Auf der Ladefläche standen weitere Männer mit Waffen. Als wir fragten, wer sie seien, sagte er: „Wir sind Soldaten des Kalifats.“ Da war uns klar, dass wir in großen Schwierigkeiten steckten.

Hatten Sie von diesem Zeitpunkt an Angst?

AQIL: Während wir ins IS-Land fuhren, fiel mir ein, was ich auf meinem Smartphone gespeichert hatte: Fotos und Videos von Interviews mit kurdischen Politikern und Militärs, die der IS hasst und fürchtet. Und Tweets auf Twitter. Der letzte ging so: „Der IS ist wie ein Ball aus schwarzem Schnee, und je weiter er rollt, desto größer wird er. Aber eines Tages wird das gelbe Licht der Sonne ihn schmelzen – für immer.“ Dafür musste ich später eine Menge Prügel einstecken.

Was kam alles in der Gefangenschaft auf Sie zu? Was mussten Sie erdulden?

AQIL: Es gab Prügel und Scheinhinrichtungen. Sie drohten, mir den Hals abzuschneiden. Und sie folterten uns, willkürlich und nahezu täglich. Am schlimmsten war ein Folterinstrument, das Balango heißt. Wir kannten das schon aus Assads Gefängnissen. Sie fesselten mich hinter dem Rücken und zogen mich mit einem Flaschenzug in die Höhe, bis meine Füße den Kontakt zum Boden verloren. Das Seil schnitt tief in meine Gelenke ein, meine Hände waren schnell taub, und meine Schultern schmerzten. Ich glaubte, sie könnten jeden Moment brechen. Dann schlugen sie mich. Solche Schmerzen wünscht niemand seinem größten Feind. Nach mir kam Farhad dran. Als er zurückkam, sprachen wir kein Wort. Erst nach einer Stunde brachte Farhad einen Satz heraus: „Ich habe dich noch nie so still erlebt.“

Beschreiben Sie einen „ganz normalen Tag“ in IS-Haft?

AQIL: Ich saß häufig in einer schmutzigen, dunklen Einzelzelle, die ich mit Flöhen und Filzläusen teilte. Da gab es nicht viel zu tun. Fünfmal beten, und das einzige Buch in der Zelle war der Koran. Wenn ich die Zelle mit anderen teilte, konnte man reden, was aber eigentlich verboten war. Morgens und abends gab es kümmerliche Rationen aus Reis, Kartoffeln, Suppe und Brot. Und regelmäßig schaute einer der Wärter herein, um uns zu prügeln oder damit zu drohen, uns den Hals abzuschneiden.

Haben Sie Gefangene sterben oder „verschwinden“ sehen?

AQIL: Ja, das habe ich. Es geschah meistens freitags, dass sie jemanden mitnahmen. Und es dauerte nicht lange, bis sie zurückkehrten und uns Bilder und Videos der Hinrichtung zeigten. Sie lachten dabei und drohten: „Bald seid ihr dran.“

Wie wurden die Menschen, die sterben sollten, ausgewählt?

AQIL: Die meisten waren durch einen Scharia-Richter zum Tod verurteilt worden. Unter ihnen waren „Ungläubige“ und auch IS-Mitglieder, die sich etwas zuschulden kommen lassen hatten. Wenn ihr Tag gekommen war, dann losten die Wächter unter sich aus, wer die Ehre hatte, das Urteil zu vollstrecken. Denn je mehr Köpfe sie abhacken, desto näher kommen sie Allah. Das jedenfalls glauben sie.

Wie ist Ihnen die Flucht gelungen?

AQIL: Nachdem ich bei einem Gefangenenaustausch frei gekommen war, blieb ich nicht lange in Rojava. Das wäre zu gefährlich gewesen. Beim ersten Versuch, nach Deutschland zu gelangen, wären wir vor der türkischen Küste fast ertrunken. Die Flucht glückte über die sogenannte Balkanroute. Mitten im Winter. Es war eine Tortur.

Was ist Ihr Eindruck: Sind auch viele IS-Kämpfer während der Flüchtlingskrise nach Deutschland beziehungsweise nach Europa gekommen?

AQIL: Davon müssen wir ausgehen. Ich bin kein pessimistischer Mensch. Und ich will den Leuten keine Angst machen. Aber wer die arabische Sprache beherrscht wie ich, der kann sie sogar auf Facebook finden, wo sie sich offen zum IS und anderen Dschihadisten-Organisationen bekennen. Sie kamen mit den Flüchtlingen.

Hat man den Dschihadisten die Flucht vielleicht zu einfach gemacht? Oder wären die Dschihadisten auch ohne diese erleichterten Bedingungen nach Deutschland gekommen?

AQIL: Das war ja kaum aufzuhalten. Aber man hätte die Flüchtlinge intensiver befragen müssen. Vor allem jene, die aus den Hochburgen des IS kamen. Ich bin Deutschland sehr dankbar, dass es die Tür für eine fast unübersehbare Zahl von Flüchtlingen geöffnet und ihnen sehr schnell Aufenthalt gewährt hat.

War das richtig?

AQIL: Aber ich fürchte, es war ein Fehler, alle diese Menschen auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle weitgehend unkontrolliert in ein dann doch etwas überfordertes Land gelassen zu haben. Überfordert, weil die meisten anderen europäischen Staaten Deutschland damit allein gelassen haben. Wären sie diesem bemerkenswerten Beispiel an Humanität gefolgt und wären die Hilfesuchenden in ganz Europa verteilt worden, wären die Folgen sicher beherrschbarer gewesen – und vielleicht auch die Gefahren. Leider war und ist die Bereitschaft dazu gering. So, wie man die Jahre zuvor schon bereitwillig weggesehen hatte, wenn etwa vor Lampedusa oder der griechischen Küste Hunderte ertranken und Tausende die Ufer erreichten. Die übrigen Europäer betrachteten das weitgehend als italienisches oder griechisches Problem.

Wie hoch schätzen Sie die Zahl der
IS-Kämpfer in Deutschland?

AQIL: Der Verfassungsschutz spricht von rund 1000 Gefährdern und „relevanten Personen“, also Unterstützern. Darunter sind etwa 300 Deutsche, die aus dem IS-Land zurückgekehrt sind. Wir wissen nicht, wie viele IS-Männer unter den Geflüchteten sind. Ich schätze die Zahl auf 200 bis 300.

Mit welchem Auftrag sind diese gekommen?

AQIL: In den Gefängnissen drehten die Wärter ihre Radios laut auf, wenn Al-Adnani oder andere IS-Führer zu hören waren. Damals hörte ich, wie sie behaupteten, Leute nach Europa geschmuggelt zu haben, um Anschläge zu verüben. Damals glaubte ich kein Wort. Aber es stellte sich heraus, dass unter den Attentätern in Europa auch solche waren.

Haben Sie selbst eigene Erkenntnisse über diese IS-Kämpfer?

AQIL: Ich habe auf Facebook und Twitter mehrere Männer gefunden, die beim IS waren. Nun wissen wir nicht, ob diese Männer alle gekommen sind, um auch hier zu töten. Aber können wir davon ausgehen, dass ein Islamist sich hier an die Gesetze hält? Dass ein IS-Mann in Europa nicht mehr tötet? Dass ein IS-„Soldat“ in Europa keine Waffe mehr anfasst? Wäre schön, wenn es so wäre. Aber ich kann das nicht glauben. Diese Männer bleiben gefährlich.

Wie hoch schätzen Sie die Gefährlichkeit des IS nach dessen vielen Niederlagen in der letzten Zeit noch ein?

AQIL: Wenn der IS besiegt ist, heißt das noch lange nicht, dass ihre Ideologie verschwunden ist. Vielleicht ziehen die Dschihadisten dann nach Libyen oder nach Pakistan, um dort zu kämpfen. Und wenn es in Assads Interesse ist, zum Beispiel um die Kurden einzudämmen, kann er in Syrien wieder einen IS entstehen lassen. Tausende IS-Männer sitzen in den Gefängnissen des Regimes. Und wenn es opportun ist, kann Assad sie wie 2011 entlassen.

Wie können diese IS-Kämpfer in Deutschland bekämpft beziehungsweise entlarvt werden?

AQIL: Wer arabisch lesen kann, kann sie finden. Zum Beispiel auf Facebook und Twitter finde ich immer wieder Einträge mit IS-Propaganda von Dschihadisten in Deutschland wie diesen: „Heiliger Allah, lass den Islamischen Staat siegen!“. Sie warnen die Ungläubigen, den IS anzugreifen, dass sie Al-Raqqa niemals erobern werden. Sie äußern sich erfreut über jeden „gelungenen“ Anschlag. Ich habe Dutzende dieser Propagandisten in Deutschland gefunden. Ich beobachte solche Accounts. Diese Männer sind gefährlich. Ihre Tweets und Posts sind ernst zu nehmen.

 

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