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Gespaltenes Deutschland?: So hat die AfD in Dorfchemnitz bei Freiberg und im Frankfurter Nordend abgeschnitten

Von Am Dienstag ist der Tag der Einheit. Dennoch hat man mitunter das Gefühl, das Land zerfalle immer noch in zwei Teile. Verstärkt wurde dieses Gefühl durch die Wahlerfolge der AfD im Osten. Wir präsentieren von dort eine Gemeinde, wo die Rechtspopulisten besonders viele Stimmen und einen Frankfurter Stadtteil, wo sie besonders wenige bekam.
Bunte Cafés wie hier an einer Ecke der Berger Straße prägen das Leben im östlichen Frankfurter Nordend. Bilder > Foto: BERNDKAMMERER@GMX.NET (Presse- und Wirtschaftsdienst) Bunte Cafés wie hier an einer Ecke der Berger Straße prägen das Leben im östlichen Frankfurter Nordend.
Frankfurt/Dorfchemnitz bei Freiberg. 

Jörg Harraschain stöhnt. Er möchte nicht schon wieder über die AfD reden. Auch negative Aufmerksamkeit sei Aufmerksamkeit, erklärt er. Der Mann, der wie kaum ein anderer als das Gesicht des Nordends gilt, sitzt auf dem Matthias-Beltz-Platz und legt die Stirn in Falten. Am liebsten würde der ehemalige Ortsvorsteher Probleme schon lösen, bevor sie entstehen und vielleicht ist das auch schon die erste Erklärung für das schlechte Abschneiden der Rechtspopulisten im Nordend. „Hier herrscht eine enorme Bereitschaft, Konflikte zu lösen“, erklärt der pensionierte Lehrer, Autor und Stadtteilhistoriker. Er ist natürlich ein Grüner, wie so viele hier im Nordend. Vor allem der östliche Teil ist ihre Hochburg, am 24. September fuhr die Partei 23,6 Prozent ein. Stolz ist ein Wort, das Harraschain nur ungern in den Mund nimmt, doch etwas Stolz schimmert durch, wenn er über die Bewohner des Nordends spricht.

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Wer verstehen will, wie das Nordend zu dem wurde, was es heute ist, der muss dessen Geschichte kennen. Noch in den 1970er Jahren galt der Stadtteil als Sanierungsfall. Die alten Häuserblocks aus der Gründerzeit waren heruntergekommen, so wollte nicht jeder wohnen. Für Künstler und Studenten aber waren die preiswerten Wohnungen mit Ölöfen und Stuck an der Decke willkommen. 68er-Promis wie Joschka Fischer hatten hier ihre Wohngemeinschaften. Künstler, Lehrer, Intellektuelle, Studenten, bunte Familien, immer wieder auch gut verdienende Juristen und Bänker – das Nordend entwickelte sich zum bunten, manchmal alternativen, gut situierten Kiez. „Auf der Straße kommunizieren die Menschen in vielen Sprachen, man hilft sich, man akzeptiert sich“, so Harraschain beseelt. „Wo wohnt man denn gerne in Frankfurt: im Nordend. Aber nicht, weil es hier keine Ausländer gibt, sondern weil es sie hier auch gibt.“ Dass es nicht alleine die Grünen-inspirierte Multikulti-Atmosphäre des Stadtteils ist, die die AfD in Schach hält, darüber machen sich die Stadtteilpolitiker keine Illusionen. Probleme, die in anderen Vierteln drängen, sind hier schlicht nicht zu finden. Große Flüchtlingseinrichtungen wurden nicht eröffnet. Und das ausländische Prekariat, über das anderswo gern gemeckert wird, ist im Nordend nicht zu finden. „Wir haben hier eine relativ gute Ausgangssituation, aber wir haben diese Chance auch genutzt“, betont Harraschain. Probleme würden angepackt, bevor sie dramatisch werden könnten.

Auch die jetzige grüne Ortsvorsteherin Karin Guder ist Feuer und Flamme für all die, die sich für ein konfliktfreies Zusammenleben im Stadtteil engagieren. Es komme nicht von ungefähr, dass die AfD in ihrem Stadtteil gar nicht erst viel plakatiert habe: „Die Bürgerschaft äußert sich hier sichtbar, die AfD hat hier keine Chance“, ist Guder überzeugt. „Das ist nichts Stabiles, dafür muss man immer wieder arbeiten“, fügt die Kommunalpolitikerin hinzu.

Aber auf den ersten Blick ist im Nordend viel Savoir vivre. Bei Sonnenschein gleicht die zentrale Berger Straße einer Modenschau. „Hier gibt es von allem etwas“, erzählt die 21-jährige Aylin und zählt auf: „Türkische Vegetarier, Russische Vegetarier, Deutsche Vegetarier, Arabische Vegetarier.“ Die junge Frau, die Kopftuch trägt, genießt das alternative Flair der Straße. Sie arbeitet als Aushilfe bei „Falafel & mehr“ – einem syrischen Spezialitäten-Imbiss. Viele Kunden seien im Stress, wenn sie in den Laden kommen, berichtet die junge Frau. Doch viele Gäste kämen auch am späten Vormittag und blieben entspannt weit bis in die Mittagsstunden auf den Bänken sitzen.

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„Wenn man einfach das Leben genießen will, dann kommt man in die Berger Straße“, pflichtet ihr Chef Mahmoud bei. Der 25 Jahre alte Syrer ist seit zwei Jahren in Deutschland – nicht als Flüchtling, sondern als Geschäftsmann. Vor zwei Jahren eröffnete er den Falafel-Laden und erfreut sich seitdem an der Offenherzigkeit der Menschen dort: „Die Deutschen haben immer sehr viele Fragen und sind sehr neugierig“, berichtet der Mann mit gepflegtem Bart und traditioneller Kopfbedeckung und eilt hinter die Theke. Die Kundschaft wartet.

Auf einer Parkbank auf dem Luisenplatz sitzt Johannes Mager und liest Zeitung. Eigentlich lebt der 36-Jährige in Bockenheim – aus beruflichen Gründen. Das Leben genießt er jedoch lieber im Nordend. Malerische Gebäude, weniger Autolärm, ein mediterranes Gefühl. Er glaubt zu wissen, was Wähler anderswo in die Arme von Populisten treibt: „Das Gefühl, dass die Welt sich verändert und man selbst kein Teil davon ist“. Hier im Nordend seien die Menschen selbst in Bewegung, Veränderung gehöre zur Vita eines Nordendlers einfach dazu. „Die Leute hier haben wenig Abstiegsängste“, erklärt Mager. Er ist sich sicher: Selbst wenn ein großes Flüchtlingsheim im Nordend entstehen würde, die Menschen hier hätten keine Ängste, sie wären solidarisch.

In keinem anderen Ort Sachsens schnitt die AfD so gut ab wie in Dorfchemnitz bei Freiberg. Ein Besuch in einem Dorf, das sich völlig zurückgelassen fühlt. Weiter auf Seite 2.

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