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Studie: Soziale Spaltung in Deutschland nimmt zu

Von Frankfurts Planungsdezernent bezeichnet die Studie als „Warnschuss“. Wissenschaftler haben die „Ghettobildung“ in Städten untersucht und sehen im Osten schon amerikanische Verhältnisse. Und auch in Hessen nimmt die Tendenz zu sozialen Spaltungen zu.
Ein Obdachloser liegt am frühen Morgen auf einer Bank in einem Park. Foto: Paul Zinken (dpa) Ein Obdachloser liegt am frühen Morgen auf einer Bank in einem Park.
Frankfurt/Berlin. 

Arm und reich gehen in Deutschland immer öfter getrennte Wege. Und vor allem: Sie wohnen nicht Tür an Tür. Solche geografische Trennungen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten fördern die „Ghettobildung“ in deutschen Städten, haben Marcel Helbig und Stefanie Jähnen vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin in einer Studie herausgearbeitet.

Die Studie hat die „soziale Durchmischung“ in 74 deutschen Städten für die Jahre 2005 bis 2014 unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: In knapp 80 Prozent dieser Kommunen habe die „räumliche Ballung“ von Menschen zugenommen, die von staatlichen Sozialleistungen wie Hartz IV lebten.

Auch hessische Städte wie Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden, Offenbach und Kassel wurden in die Studie mit einbezogen. Interessanterweise schneidet hier die Universitäts- und Wissenschaftsstadt Darmstadt bei der „sozialen Segregation“ am schlechtesten ab.

Rund 30 Prozent der „armen Menschen“ leben hier in „geschlossenen“ Bezirken. In der Bankenmetropole Frankfurt liegt diese Zahl laut der Studie bei einem Viertel – und nimmt zu.

Politik will gegensteuern

Frankfurts Planungsdezernent, Mike Josef (SPD), betrachtet die Studie als einen „Warnschuss“. Er will dafür sorgen, dass in der Bankenmetropole soziale Ungleichheit beim Wohnen keine Chance habe. Bei neuen Wohnprojekten in Frankfurt will Josef auf die „soziale Durchmischung“ besonderes Augenmerk legen. „Krankenschwestern, Polizisten und junge Familien müssen sich in Frankfurt eine Wohnung leisten können. Diese mittelständischen Personengruppen sind ganz wichtig für die Stabilität eines Quartiers“, sagt der Planungsdezernent.

Was es mit Ghettos auf sich hat

Als Ghetto bezeichnet man auch zu früheren Zeiten ein abgesondertes Wohnviertel. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Italienischen und bedeutet Gießerei.

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Während in den „reichen“ Städten die „Ghettoisierung“ tendenziell zunimmt, geht sie in Kommunen wie Offenbach zurück. Aktuell leben dort zehn Prozent der Armen „unter sich“, wie die Studie herausfand. Dort ist die den Angaben zufolge die Tendenz stark fallend. Der Grund: In der „armen“ Stadt Offenbach gibt es nicht viele Wohnquartiere, wo sich der „Mittelstand“ separieren könnte, sagt Forscher Helbig.

Die Studie ist auch der Frage nachgegangen, wie viele Kinder von der sozialen Ungleichheit beim Wohnen betroffen sind. In dieser Hinsicht nimmt wieder Darmstadt mit rund 35 Prozent den hessischen Spitzenplatz ein. Gefolgt von Kassel (32 Prozent) und Frankfurt (25 Prozent). Die Forscher befürchten dennoch, dass Frankfurt in diesem Bereich im Laufe der nächsten Jahre noch „aufholen“ wird.

Große Probleme im Osten

In 36 deutschen Städten gibt es nach der Analyse des Wissenschaftszentrum inzwischen Quartiere, in denen sogar mehr als die Hälfte der Kinder von staatlichen Leistungen abhängig seien. „Diese Entwicklung kann sich negativ auf die Lebenschancen armer Kinder ausweiten“, sagt die Studien-Autorin Stefanie Jähnen und ergänzt: „Aus der Forschung wissen wir, dass die Nachbarschaft den Bildungserfolg beeinflusst.“

Unterdessen stellten die Forscher die höchsten Werte sozialer Ungleichheit beim Wohnen im Osten Deutschlands fest. Betroffen sind hier Rostock, Schwerin, Potsdam, Erfurt, Halle und Weimar. Stark betroffen seien aber auch einige Städte in Westdeutschland, darunter Kiel, Saarbrücken und Köln.

„Dieses Niveau kennen wir bisher nur von amerikanischen Städten“, sagt Forscher Helbig. Die Dynamik der Veränderung sei vor allem im Osten „historisch beispiellos“. Das habe auch gesellschaftliche Folgen: Wer die Probleme des Nachbarn mit wenig Geld nicht mehr hautnah erlebe, könne ein Stück Lebenswirklichkeit leichter ausblenden. Und wer im „Armen-Ghetto“ lebt, entwickelt demnach weniger Aufstiegswillen. Magdeburg, Dresden und Cottbus weisen im Gegensatz zu den anderen ostdeutschen Städten eine geringe Segregation auf – weil die Städte im Krieg großflächig zerstört wurden und sich Neu- und Plattenbauten ausgewogener verteilen.

Die Wissenschaftler verweisen darauf, dass die soziale Segregation seit Mitte der 1990er Jahre zunimmt. „Wir zeigen, dass sich die Entwicklung nach der Hartz-IV-Reform des Jahres 2005 fortsetzt.“ Übrigens leben nicht nur Arme und Reiche laut der Studie immer häufiger getrennt voneinander, sondern auch Altersgruppen. So beobachteten die Forscher, dass einerseits die 15- bis 29-Jährigen, andererseits auch die 65-Jährigen häufiger in getrennten Stadtteilen leben.

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