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Interview: Sozialwissenschaftler über den Konflikt zwischen Eintracht-Präsident Fischer und der AfD

Mit seinem verbalen Rundumschlag gegen AfD-Anhänger hat der Präsident der Frankfurter Eintracht, Peter Fischer, eine Menge Staub aufgewirbelt. Klaus Späne sprach mit Sozialwissenschaftler Nils Zurawski über politische Einmischung, die Glaubwürdigkeit des Sports und die Rolle von Vereinen.
Fans von Eintracht Frankfurt schwenken im Stadion Fahnen und halten Schals hoch. Bilder > Foto: Peter Schatz (imago sportfotodienst) Fans von Eintracht Frankfurt schwenken im Stadion Fahnen und halten Schals hoch.

Herr Zurawski, der Präsident der Frankfurter Eintracht will keine AfD-Wähler im Verein haben. Eine mutige Aussage oder eine unzulässige Ausgrenzung von Wählern einer Partei, die in zahlreichen Parlamenten sitzt?

NILS ZURAWSKI: Erst einmal ist es eine mutige Aussage. Das kann man tun als Vereinspräsident, damit will er sich positionieren. Ich sehe das so, dass er gar nicht mal etwas gegen eine parlamentarisch demokratische Partei hat. Die AfD ist aber auch eine Chiffre für den Rechtsruck in der Gesellschaft, für salonfähig werdende rechtsradikale Tendenzen, für tabuverletzende Aussagen. Die möchte er in seinem Verein nicht haben. Dem möchte er entgegenwirken.

Und was ist mit dem Aspekt unzulässige Ausgrenzung?

ZURAWSKI: Unzulässige Ausgrenzung – weiß ich nicht. Er ist gewählt, er darf für den Verein sprechen in gewissem Maße. Die Frage ist immer: Inwieweit darf ein Vereinspräsident politisch sein?

Was glauben Sie?

ZURAWSKI: Der Lackmustest kommt, wenn ihn einer verklagt, der sagt: „Ich bin Mitglied, aber dafür habe ich dich nicht gewählt. Dein Mandat ist, einen Verein zu führen, und ein Verein ist keine politische Partei“. Da gibt es, wie ich finde, einen großen Graubereich im Sinne von: Wie weit darf ein Sportverein, der nicht explizit politisch ist, solche politischen Antiparteienaussagen machen?

Sind Ihnen ähnliche Fälle bekannt, in denen sich Sportvereine in dieser Art politisch positioniert haben?

ZURAWSKI: Explizit auf eine Partei bezogen ist mir nichts bekannt. Ich weiß, dass es mal beim FC St. Pauli (Zurawski ist Mitglied der Rugbyabteilung des Hamburger Vereins, die Red.) eine große Diskussion um Olympia in der Stadt gab. Es wurde in den Abteilungen, aber auch im Präsidium des Gesamtvereins heftig darüber diskutiert, ob sich der Verein als solches positionieren darf. Er hat es nicht getan. Generell ist eine solche Aussage gegen die AfD, also eine Ausgrenzung in einem Verein, gewagt.

Sie meinen im Hinblick darauf, dass unter den Eintracht-Anhängern auch AfD-Sympathisanten sein dürften?

ZURAWSKI: Das Stadion in Frankfurt fasst um die 50 000 Menschen. Es ist somit eher anzunehmen, dass das Publikum ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Es dürften daher dort auch AfD-Wähler sitzen. Und Fußball ist auch kein ausschließlich linker Sport trotz Ultras und Politisierung in den letzten 30 Jahren.

Sie selbst haben in einem Interview gesagt, um wirklich glaubwürdig zu sein, müsste der Sport sich einmischen. Ist die Äußerung von Herrn Fischer in diesem Licht zu sehen?

ZURAWSKI: Meine Aussage war eher auf den Verbandssport sowie Olympia gemünzt als auf die Vereinsebene. Aber das trifft auch in kleinerem Maße auf Vereine zu, schließlich sind diese ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Da kann man nicht sagen: Wir spielen nur Fußball.

Viele dürften dieser Ansicht sein ...

ZURAWSKI: Das stimmt aber nicht. Gerade die Clubs der Bundesliga sind Teil einer großen Jugendbewegung. Sie binden viele Menschen, haben eine Reichweite, transportieren Werte. Solche politischen Botschaften zu versenden, gerade von großen Sportvereinen, ist wichtig, das macht sie glaubwürdig. Aber das, was gesagt werden darf, ist unheimlich schmal. Auch der DFB läuft mit Antirassismuskampagnen auf seinen Ärmeln rum. Da kann man nicht sagen, wir kleben uns das gerne an, aber wenn es ernst wird, dann schweigen wir.

Also hat Herr Fischer richtig gehandelt, sich so weit aus dem Fenster zu lehnen?

ZURAWSKI: Die Aussagen von Herrn Fischer werden Konsequenzen haben. Damit muss er umgehen, aber ich glaube, das kann er ganz gut. Wenn einer Präsident eines solch großen Sportvereins ist, ist er nicht zartbesaitet. Das ist ein Geschäft, das Härte verlangt und auch Stehvermögen in der Öffentlichkeit. Von daher kann man die Aussage machen. Er will für etwas stehen. Selbst wenn ihm das um die Ohren fliegt und er es zurücknehmen muss, ist es in der Welt. Ob diese jetzt günstig ist, weil sie auf eine einzelne Partei bezogen ist und diese in Bausch und Bogen verurteilt wird, das ist, wie ich finde, im Detail problematisch.

Leistungssport wird auch aus öffentlichen Kassen bezuschusst. Darf sich ein Verein da gegen eine Partei stellen, die, bei aller Skepsis gegenüber der AfD und vielen ihrer Positionen, derzeit zum demokratischen Spektrum gehört?

ZURAWSKI: Ja, eigentlich schon. Der Staat gibt zwar Geld an die Vereine, und es gibt Regeln und Bedingungen für die Zuschüsse, an die sich die Vereine halten müssen. Aber das ist ein offenes System, und die Zuschüsse werden per Gesetz und per Verteilungsschlüssel über Körperschaften wie Sportbund oder Sportjugend sowie andere vergeben. Bei aller Einflussnahme des Staates, können die Vereine jedoch auch Kritik üben. Aber ich glaube, wenn die AfD stärker in solchen Körperschaften verankert wäre wie andere Parteien, würde der eine oder andere meckern, die machen Parteipolitik, so geht das nicht.

Große Sportverbänden argumentieren gerne mit politischer Neutralität. Andererseits wird Sport immer wieder instrumentalisiert. Gibt es überhaupt so etwas wie unpolitischen Sport?

ZURAWSKI: Nein. Sport wurde schon immer von der Politik vereinnahmt. Wir brauchen nicht zu Leni Riefenstahl und 1936 gehen, denken Sie nur an den Kampf der Nationen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und heute besitzt Thomas Bach (der Präsident des IOC, die Red.) diplomatische Pässe, ausgestellt von der Bundesrepublik Deutschland. Natürlich ist da die Politik nah. Sobald einer eine Goldmedaille hat, werden die Sportler geehrt, wird deren Nähe gesucht. Wenn die Sportler allerdings den Mund aufmachen und selbst denken, dann sollen sie willfährig und stumm alles ertragen und die Staatsräson mittragen. Das passt nicht ins 21. Jahrhundert, in dem vom Athleten andererseits Mündigkeit gefordert wird. Das halte ich für weltfremd.

Ist also die Neutralität des Sports ein Trugschluss?

ZURAWSKI: Dass Sport politisch neutral ist, ist Humbug. Es gibt einen Sportausschuss im Bundestag, es gibt Sportreferenten, der Staat unterstützt das, die Kanzlerin reist zu Olympia. Internationale Wettkämpfe sind eine nationale Leistungsshow. Ganz wenige Sportarten haben sich davon organisatorisch verabschiedet.

Das heißt, auch ein Verein wie die Eintracht ist per se nicht unpolitisch?

ZURAWSKI: Die Eintracht ist zwar ein Sportverein, aber auch ein Player in der Öffentlichkeit und Riesenwirtschaftsunternehmen. Und bei letzteren sagt keiner etwas, wenn sie sich politisch äußern. Die Eintracht ist wichtig für Frankfurt, beschäftigt Leute, hat einen Effekt auf die Wirtschaft. Gerade Sponsoren wollen in einem bestimmten Licht gesehen werden, die Wirtschaft ist sehr empfindlich, vor allem was diese rechten Dinge angeht.

Von den Spielern der Eintracht gab es bisher keine Reaktion. Erwarten Sie da noch etwas?

ZURAWSKI: Die Fußballspieler dürfen auch bei der Eintracht den Mund nicht aufmachen. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Daran müsste Herr Fischer sich in Zukunft messen lassen – wie viel lässt er dann da an Offenheit und Diskussionskultur zu? Oder will er mit seiner Äußerung nur zeigen: „Ich bin beim Zeitgeist und bei der Kernwählerschaft oder der Kernbevölkerung, wo ich gut ankomme, wenn ich die AfD ächte.“ Ich weiß aber nicht, ob eine Auseinandersetzung mit dieser Partei nicht besser wäre, da habe ich kein Patentrezept.

Von vielen wird Fußball ja immer noch als die schönste Nebensache der Welt beschworen. Mit der Realität hat das offenbar wenig zu tun …

ZURAWSKI: Nein, gerade beim Fußball nicht. Das ist ein Millionengeschäft. Da spielt Verbandspolitik eine große Rolle. Das ist ein globalisierter Sport, der sich nicht um Politik scheren will. Vor allem die Fifa und die Uefa gucken da gerne mal weg, machen aber jeden Dreck mit und gehen mit jedem ins Bett, wenn es denn Geld bringt.

Unterdessen hat am Donnerstag der Eintracht-Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Streubling seinem Präsidenten im Konflikt mit der AfD den Rücken gestärkt - "Peter Fischer hat das Herz am rechten Fleck", erklärte Streubing am Donnerstag in Spanien.

Der Präsident des Sportvereins Eintracht Frankfurt, Peter Fischer.
Eintracht Frankfurt Eintracht und AfD: Fischer sagt bis Ende Januar nichts

Eintracht Frankfurts Präsident Peter Fischer will sich bis zur Mitgliederversammlung am 28. Januar nicht mehr zum Streit mit der AfD äußern.

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