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Wohnungsmarkt im Rhein-Main-Gebiet: Sozialwohnungen dringend gesucht - auch in Frankfurt

Der Druck auf den Wohnungsmarkt im Rhein-Main-Gebiet steigt. Experten machen sich Gedanken über Lösungen, die Mietpreise nicht explodieren lassen. Dazu gehört auch die Forderung nach mehr Sozialwohnungen, die in den vergangenen Jahren Mangelware waren. Auch deshalb, weil die neuen Umwelt-Auflagen sie für Bauherren und Betreiber teurer und unrentabler machen.
Sozialwohnungen in Frankfurt-Niederrad Foto: Michael Faust Sozialwohnungen in Frankfurt-Niederrad
Frankfurt. 

Vor Jahren schon haben sich Land und Bund aus dem öffentlichen Wohnungsbau weitgehend verabschiedet. Auch in den Kommunen passierte nur noch wenig. Jetzt hat die Flüchtlingswelle und der Zuzug in die Großstädte zur Kehrtwende geführt. Angesichts des dramatischen Wohnungsmangels überbieten sich die politisch Verantwortlichen beinahe in Aktionismus.

Die für den Wohnungsbau zuständige Landesministerin Priska Hinz (Grüne) hat im Rhein-Main-Gebiet zur Aufholjagd geblasen. Dort müssten mindestens 37 000 Wohnungen jährlich gebaut werden, es sind aber derzeit weit weniger. Insgesamt will das Land bis Ende 2019 rund 1,2 Milliarden Euro an Fördermitteln für 12 000 Wohnungen zur Verfügung stellen.

„Jetzt muss schnell gebaut werden“, fordert der Geschäftsführer des Bundes Deutscher Architekten (BDA) in Hessen, Christian Holl. Auch die auslaufende Sozialbindung vieler Wohnungen müsse zum Thema werden.

Gerade in Frankfurt, das seit dem Jahr 2000 um bald 10 0 0000 Einwohner gewachsen ist, ist erschwinglicher Wohnraum Mangelware. Deshalb hat der neue Planungsdezernent Mike Josef (SPD) in nur wenigen Monaten den Schalter umgelegt.

Viele Schlupflöcher

Josef verfügte, dass bei neuen Wohnbauprojekten 30 Prozent des Wohnraums öffentlich gefördert sein muss – und zwar an Ort und Stelle. Bisher gab es diverse Lücken in der 30-Prozent-Regelung. Investoren konnten Sozialwohnungen und die ebenfalls subventionierten Wohnungen für mittlere Einkommen in weniger attraktiven Vierteln errichten. Wenn sie juristisch clever genug waren, konnten sie die Vorschrift ganz umgehen.

Mit dem Stopfen der Schlupflöcher will Josef nun dafür sorgen, dass das bei Mieten und Immobilien sündhaft teuer gewordene Frankfurt für einkommensschwache Kreise bezahlbar bleibt. Es geht nicht nur um die soziale Durchmischung von Vierteln, in denen derzeit die alte Einwohnerschaft von Gutverdienenden verdrängt wird („Gentrifizierung“). Es geht auch um die funktionale Arbeitsteilung: Arbeiten, Wohnen und Gewerbe soll zusammen möglich sein – gerade in Neubauvierteln. In den zuletzt gebauten Großquartieren Riedberg und Europaviertel ist das eher nicht der Fall.

Bis zum Sommer will Josef ein Stadtentwicklungskonzept vorlegen. Schon jetzt steht fest, dass er den Bau eines neuen Stadtviertels empfehlen wird. Der riesige Wohnungsbedarf sei nicht allein mit Nachverdichtung in der Stadt oder der Umwandlung von Bürobauten zu decken. Experten wie der Chef des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt (DAM), Peter Cachola Schmal, halten den Bau eines neuen Stadtviertels in Frankfurt ebenfalls für unumgänglich, weil es sonst nur noch exklusiven Wohnraum für die obere Mittelschicht und Oberschicht bietet.

Ende März hat die Stadtverwaltung reagiert und ein Großbauvorhaben verkündet: In zentraler Lage am Rebstockpark plant die Stadt ein neues Baugebiet für rund 2000 Wohnungen. Möglich wird das, weil das Busdepot der VGF und das Gelände des Polizeisportvereins verlagert werden. In etwa vier Jahren sollen die ersten der rund 5000 Bewohner einziehen. Entwickelt wird das Areal von der städtischen ABG Holding, die einen Anteil von 40 Prozent Sozialwohnungen ankündigt.

Die Stadt Darmstadt, die ebenfalls stetig wächst, geht in den Auflagen noch über Frankfurt hinaus: Nach dem Willen des Stadtparlaments sollen künftig sogar 45 Prozent des neu gebauten Wohnraums gefördert und damit „sozialverträglich“ sein. 25 Prozent sollen als Sozialwohnungen für untere Einkommensgruppen entstehen.

Wie in dieser Zeitung vor einigen Tagen berichtet, hängt der Wohnungsdruck auf Frankfurt auch mit der mangelhaften Kooperation in Rhein-Main zusammen.

Die 75 Kommunen der Metropolregion verfügen rein theoretisch über Reserveflächen von mehr als 2000 Hektar. Da wäre vieles machbar. Eines steht fest: Im Wohnungsbau ist langer Atem und deshalb kluge Planung gefragt. Von der Bauplanung bis zur Bebauung eines neuen Stadtviertels können viele Jahre vergehen.

Die gesamte Region wächst

Wenn man sich die vollen Pendlerzüge zwischen Frankfurt und Fulda oder Marburg anschaut, muss man die Metropolregion ohnehin größer als nur das Rhein-Main-Gebiet denken. Ein großes Marburger Bauunternehmen investiert deshalb in großem Stil in Frankfurt und Marburg, wo nach vielen Jahren des Bau-Stillstands der Wohnungsdruck so groß wurde, dass im Norden quasi ein neuer Stadtteil entsteht.

Davon, dass der Bau- und Wohnungsboom in Frankfurt bald abflauen wird, ist nicht auszugehen. Zumal Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) eifrig um Bänker wirbt, die im Zuge des Brexits London verlassen könnten. Doch deren Zuzug, so sagte Mike Josef am Freitag, stärke die hiesige Wirtschaft, wovon letztlich auch Geringverdiener profitierten. Zudem werde sich der erhoffte Zuzug der „Brexit-Flüchtlinge“, nicht nur auf Frankfurt konzentrieren, sondern auf die Region verteilen.

(dpa, ds, mov)
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