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Steinmeier: Gefühle der Menschen in Europa ernst nehmen

Erst ein Heimspiel, dann eine Premiere: In Rom spricht Bundespräsident Steinmeier zunächst in einer evangelischen Kirche. Dann besucht der Protestant den Papst. Es geht um die Lehren aus der Reformation, aber auch um aktuelle Krisen.
Bundespräsident Steinmeier während seiner Rede in der Christuskirche in Rom. Foto: Guido Bergmann/Bundesregierung Bundespräsident Steinmeier während seiner Rede in der Christuskirche in Rom.
Rom. 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat angesichts der Krisen in Europa dazu aufgerufen, die Gefühle der Bürger ernst zu nehmen. „Von Großbritannien über Katalonien bis nach Polen und Griechenland” werde deutlich, wie sehr es auf die Gefühle der Menschen ankomme, sagte Steinmeier in Rom.

Am Montag wird er im Vatikan von Papst Franziskus zu einer Privataudienz empfangen. „Gefühle und innere Haltung sind nie zweitrangig”, sagte der Bundespräsident bei einer Ansprache in der evangelischen Christuskirche in der italienischen Hauptstadt. Dies sei aber im Prozess der europäischen Integration unterschätzt worden, betonte er. „So ein Projekt kann auf Dauer nur gelingen, wenn auch Herzen und Seelen dabei sind.”

Auch die Wahlen in Deutschland hätten gezeigt, welche Rolle in den Städten und Regionen die Gefühle der Bürger spielten. „Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, Gefühle einfach irrational zu nennen. Gefühle haben ihre Gründe - und Gründe sind etwas Rationales.” Andererseits dürfe Politik nicht nur auf Gefühle reagieren, sondern brauche auch kühle Vernunft. Steinmeier kritisierte „Hass und Abgrenzung, Wut und Aggression”.

In seiner Rede zum Thema „500 Jahre Reformation - Europa zwischen Einheit und Vielfalt” zog Steinmeier als protestantischer Christ eine zwiespältige Bilanz. Zwar könne man die Reformation als „Morgenröte der Moderne” begrüßen, zugleich hätten dort aber auch Fundamentalismus und Illiberalität ihre Wurzeln. Erst nach Jahrhunderten seien die religiösen Spaltungen in Europa von einem Prozess der Versöhnung abgelöst worden.

„Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass das für unmöglich gehaltene möglich sein kann: Versöhnung und Friede.” Wie in der Ökumene sei auch in der europäischen Integration „versöhnte Verschiedenheit” die beste Grundlage für weitere Fortschritte. Mit dem Stand der Ökumene könne man allerdings „nicht zufrieden sein”. Die ökumenische Bewegung bemüht sich um eine weltweite Einheit der Christen.

Das Jubiläum der Reformation und die aktuelle Lage in Europa sowie die weltweiten Migrations- und Flüchtlingsbewegungen dürften auch beim Gespräch Steinmeiers mit dem Papst am Montag im Mittelpunkt stehen. Es ist das erste Mal, dass er mit Franziskus zusammentrifft. Den Papst dürfte auch Steinmeiers Einschätzung des Wahlergebnisses in Deutschland interessieren.

Als letzter Bundespräsident war Joachim Gauck im Dezember 2012 zu einer Privataudienz im Vatikan. Damals war noch der deutsche Papst Benedikt Oberhaupt der katholischen Kirche. Auch als Außenminister hatte Steinmeier keine päpstliche Audienz im Vatikan.

Nach dem Gespräch mit dem Papst stand am Montag auch ein Besuch der katholischen Hilfsorganisation Sant'Egidio auf dem Programm Steinmeiers. Er trifft dort den Gründer der auch in Deutschland aktiven Gemeinschaft, Andrea Riccardi, und will mit ihm über Fragen von Migration und Armut sprechen. Sant'Egidio setzt sich unter anderem für Flüchtlinge und Obdachlose ein und gilt als Musterbeispiel für gelungenes soziales Engagement.

(dpa)
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