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Wahlen in NRW: Stich aus der Herzkammer

Von Binnen zweieinhalb Stunden verliert die SPD die Wahl in NRW, ihre stellvertretende Parteivorsitzende – und möglicherweise auch die Überzeugung, dass sie mit Martin Schulz das Kanzleramt erobern kann.
Gescheitert: Hannelore Kraft bei ihrem Rücktritt als Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. Foto: Revierfoto (imago stock&people) Gescheitert: Hannelore Kraft bei ihrem Rücktritt als Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen.
Berlin. 

Das letzte, was sie jetzt gebrauchen können, ist – Mitleid. Sie würden, wenn es hülfe, gerne in jedes Mikrofon Scheiße sagen und Mist und dass sie die Wähler nicht verstehen. Aber genau genommen müssen sie das auch nicht sagen, denn es lässt sich von ihren Gesichtern ablesen. Drei stellvertretende Parteivorsitzende, eine Generalsekretärin, ein Schatzmeister, ein Landesvorsitzender aus Berlin stehen auf der Bühne, vor ihnen ihr Vorsitzender und Kanzlerkandidat, ihre Hoffnung. Und die Hoffnung muss sich räuspern, ehe sie sagen kann: „Das ist ein schwerer Tag für die SPD.“ Und: „Eine wirklich krachende Niederlage.“

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In Zahlen liest sich die wirklich krachende Niederlage, um Punkt sechs in den Prognosen, so: SPD 30,5 – CDU 34,5. Historisch schlechtestes Ergebnis nach dem Krieg. Vier Prozent Abstand – das ist nicht knapp, schon gar nicht sehr. Das ist für die SPD in NRW ein Herzinfarkt. Und für die SPD insgesamt ist es ein Stich aus der Herzkammer.

Laute des Schreckens

Er macht sie stumm, die unten im Atrium, die eigentlich zum Feiern gekommen sind. Der 30,5 folgt ein aus Aaahs und Ooohs und Achs gemischter Schreckenslaut – und dann Stille, egal, was an Werten noch aus den Fernsehlautsprechern dringt. Die oben in der Vorstandsetage kannten, wie stets, zwei Stunden früher den Trend. Geahnt haben müssen sie schon Tage vorher etwas. In Berlin. In NRW. Martin Schulz, der bis zum Schluss dort Wahlkampf machte. Hannelore Kraft, die von Montag an in zwei Realitäten steckte: Bei Auftritten wurde sie beklatscht und gemocht – in den Umfragen sackte der SPD-Vorsprung von 13 Prozent im Dezember immer mehr weg; bis plötzlich die CDU und ihr Herausforderer Armin Laschet am Donnerstag vor ihr lagen.

Der SPD-Kanzlerkandidat und Parteivorsitzende Martin Schulz: Die Partei verliert in einer aktuellen Umfrage einen Punkt und kommt nur noch auf 27 Prozent. Foto: Kay Nietfeld
Wahlen in NRW Kommentar: Ausgeschulzt?

Für die SPD kommt das Ergebnis bei der „kleinen Bundestagswahl“ im bevölkerungsreichsten Land einer politischen Katastrophe gleich. Ein Kommentar von Dieter Sattler.

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Zwanzig nach sechs tritt Hannelore Kraft in Düsseldorf vor die Kameras; in Berlin erhebt sich Applaus. „Es hat nicht gereicht“, sagt Kraft, zweimal, – und dann, dass sie „mit sofortiger Wirkung“ alle ihre SPD-Ämter niederlegt. „Nein!“-Rufe schallen in Berlin durchs Atrium. Und dann, nachdem Kraft noch sagt „Ich hab’ mein Bestes gegeben“ und dabei knapp vor der Tränen-Grenze scheint, noch einmal lauter Beifall.

Aus dem Kreis der hinter Schulz Stehenden wird es später heißen, Kraft habe der SPD einen großen Dienst erwiesen. Anders als sonst oft ist es nicht als Floskel gemeint. Denn übersetzt bedeutet das: Sie nimmt die Niederlage auf sich – und schützt damit Schulz. „Eine ganz herausragende Sozialdemokratin“ nennt Schulz Kraft, die „wie eine Löwin“ und „bis zur Selbstaufgabe“ gekämpft habe.

Und doch: Wenn die Mikros aus sind und die Kameras, fallen auch kritische Worte. „Zu nett“ habe Kraft ihren Wahlkampf angelegt, sich zu sehr auf die Landesmutter-Rolle konzentriert.

Schulz sagt später: „Wie kämpfen weiter.“ Sehr viel mehr bleibt ihnen gerade ohnehin nicht. Drei Landtagswahlen, seit Schulz Vorsitzender ist – drei Niederlagen. NRW gilt seit je als kleine Bundestagswahl. Und so wie es zumindest bis halb acht aussieht, verliert die SPD dort nicht nur das Ministerpräsidentenamt; sie könnte obendrein als Juniorpartner in einer großen Koalition landen.

Um halb acht, als die Hochrechnungen für die Linke nur noch bei 4,9 Prozent liegen, nährt das die Hoffnung, „dass es zwar schlimm, aber nicht richtig schlimm sein wird“. Ohne Linke im Landtag wird es in Düsseldorf für Schwarz-Gelb reichen. Ein perfektes Feindbild für den Bundestagswahlkampf. Mit Linken – muss die SPD sich zwischen Pest und Cholera entscheiden. Verweigert sie sich der Union, fürchtet sie, das alte Vorurteil der vaterlandslosen Gesellen zu bedienen. Sagt sie ja, ist das ein verheerendes Signal für September.

Nach all den unguten der vergangenen Wochen aber braucht die SPD positive Botschaften. Ein bisschen mehr als Ralf Stegners „das war ein Leberhaken, aber der Boxer steht noch“. Ob die „Zuversicht“, die Stegner beschwört, wirklich noch existiert, muss sich zeigen. Die Genossen in der Parteizentrale tragen keine zur Schau. Wie auch – wenn sie zuhören müssen, wie die CDU sich für den „riesigen Erfolg in NRW“ feiert. Und später Schulz sagen hören, „dass wir nachdenken müssen, was wir hier in Berlin ändern müssen“.

Viel Zeit, das haben sie wohl begriffen, bleibt ihnen nicht.

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