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"Das Kapital" erschien vor 150 Jahren: Taugt Marx für die Gegenwart?

„Das Kapital“ von Karl Marx wird 150. Was bedeutet es für uns heute noch? Noch mal lesen – oder lieber ab ins Altpapier?
Hat uns Karl Marx’ „Kapital“ noch etwas zu sagen? Foto: Martin Schutt (dpa-Zentralbild) Hat uns Karl Marx’ „Kapital“ noch etwas zu sagen?

Als Karl Marx im September 1867 den ersten Band von „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“ in Händen hielt, war er unsicher, ob es sich dabei um einen Flop handelte oder um sein Meisterstück. 150 Jahre später steht fest: „Das Kapital“ zählt zu den wirkmächtigsten Werken der Neuzeit, und es beeinflusst den Gang der Geschichte bis heute.

Bei keinem anderen Buch ist aber auch das Missverhältnis zwischen weltpolitischer Bedeutung und Zahl derjenigen größer, die es gelesen und verstanden haben. Das ist kein Wunder. Marx’ Schreib- und Argumentationsweise ist sehr anspruchsvoll. Und am intellektuellen Gehalt der fast eintausend Seiten scheiden sich die Geister seit ehedem.

Stefan Schäfer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden. Bild-Zoom Foto: Patricia Geis
Stefan Schäfer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden.

Erklären will der aus Trier stammende Philosoph – gemäß dem Untertitel des Wälzers – „den Produktionsprozess des Kapitals“. Dazu holt er weit aus. Marx kombiniert die treffende Beobachtung der sozialen Verhältnisse seiner Zeit mit ökonomischen Analysen und bettet die so gewonnenen Erkennt-nisse später in seine dialektische Geschichtsphilosophie ein: Der Kapitalismus ist an sich krisenanfällig und kann deshalb nur eine Epoche sein, die zwangsläufig überwunden wird und in den Kommunismus mündet.

Die Stärken von „Das Kapital“ liegen in der Offenlegung der Machtverhältnisse, die das Wirt-schaftssystem des 19. Jahrhunderts prägten. Marx prangert nicht nur die Lage der Arbeiter an, sondern beschäftigt sich auch schon mit der Bedeutung der Umwelt für die kapitalistische Produktionsweise und nimmt die sogenannte „Globalisierungskritik“ vorweg. Offen bleibt, wie der Kommunismus als Alternative zum Kapitalismus konkret aussehen soll.

Schlicht falsch

Dies genauer auszuführen, überließ Marx seinen Nachfolgern, in erster Linie Lenin, mit dessen Rezepten die Planwirtschaften Osteuropas kläglich scheiterten. Denn am Ende jedes sozialistischen Experiments stehen Versorgungsschwierigkeiten (bis hin zu Hungersnöten) sowie Einschränkungen der Menschenrechte (bis hin zur Diktatur). Dabei krankt der – als Übergangsphase zum Kommunismus verstandene – Sozialismus zum einen an seinem Menschenbild. Es ist schlicht falsch zu glauben, dass Arbeitnehmer und Selbstständige für das Kollektiv genauso hart arbeiten wie für ihr eigenes Fortkommen. Und selbst wenn es dieses Motivationsproblem nicht gäbe: Eine komplette Volkswirtschaft zentral zu steuern, überfordert jeden noch so fähigen Planer. Dafür ist die Wechselwirkung zwischen den Einzelentscheidungen viel zu komplex, die Millionen von Haushalten und Unternehmen täglich treffen.

Gleichzeitig erleben wir die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus seit Jahren und können die Augen vor den Schattenseiten des kapitalistischen Systems nicht verschließen. Niemand bestreitet, dass ein völlig ungezügelter Kapitalismus Ausbeutung zur Folge hat: Ausbeutung der Arbeitnehmer, Ausbeutung der Umwelt und schließlich auch Ausbeutung der Verbraucher, wenn Kartelle und Monopole den freien Wettbewerb verdrängt haben. Wie also kann es weitergehen, eineinhalb Jahrhunderte nach der Erstauflage von „Das Kapital“ und ein Jahrzehnt nach dem Beginn der Finanzkrise?

Die Antwort auf diese Frage lautet weder „Kapitalismus“ noch „Sozialismus“ oder „Kommunismus“, sondern „Soziale Marktwirtschaft“ – so, wie sie der spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard in seiner Zeit als Bundeswirtschaftsminister von 1949 an in der neu gegründeten Bundesrepublik realisiert hat. Entgegen eines weit verbreiteten Missverständnisses handelt es sich dabei nicht um eine Marktwirtschaft, in der der Staat möglichst viel Einkommen und Vermögen umverteilt.

Einiges im Argen

Im Gegenteil: Wer immer mehr und immer neue soziale Wohltaten fordert, steht gerade nicht in der Tradition Erhards. Für ihn bedeutete „sozial“, dass der Einzelne eben nicht auf staatliche Hilfen angewiesen, sondern seines eigenen Glückes Schmied sein soll. Voraussetzung dafür ist ein Ordnungsrahmen, der wirtschaftliche und politische Macht beschränkt, langfristige Planung ermöglicht und Selbstverantwortung fördert.

Hier liegt Einiges im Argen. Google, Facebook & Co. haben zu viel Macht, die Nullzinspolitik erschwert Sparern die langfristige Vermögensplanung, und es hat nichts mit Selbstverantwortung zu tun, wenn Banker zuerst die Weltwirtschaft ruinieren und dann ihre Boni nicht zurückzahlen müssen. Karl Marx hat dazu einige richtige Fragen gestellt. Die marxistischen Antworten jedoch sind allesamt falsch. Wer die Welt verbessern will, sollte nicht „Das Kapital“ von Karl Marx lesen, sondern „Wohlstand für Alle“ von Ludwig Erhard.

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