Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 19°C

Verzockt: Theresa May wollte sich ihren Kurs bestätigen lassen, doch die Wähler spielten nicht mit

Die britische Premierministerin May hat viel gewagt – und verloren. Nun braucht sie einen Regierungspartner. Und in ihrer Partei wird der Druck auf sie steigen.
Hat sich verkalkuliert: Die britische Premierministerin und Vorsitzende der Conservative Party, Theresa May. Foto: Alastair Grant Hat sich verkalkuliert: Die britische Premierministerin und Vorsitzende der Conservative Party, Theresa May. Foto: Alastair Grant
London. 

Vielleicht wirkte die Situation noch absurder, weil es kurz nach vier Uhr am Morgen war und das Königreich abermals übermüdet nach einer kurzen Nacht von einem politischen Erdbeben geweckt wurde. Vielleicht war es aber auch schlicht dem skurrilen Bild geschuldet: Als Premierministerin Theresa May in ihrem Wahlkreis Maidenhead mit ihren Kontrahenten das Ergebnis abwartete, stand sie in einer Reihe mit Elmo, dem Kandidaten im roten Plüschkostüm, und Lord Buckethead, „dem intergalaktischen Weltraum-Fürsten“, der mit seinem schwarzen Gewand und einem langen Kübel über dem Kopf aussah, als sei er aus einer Karikatur von Star Wars entsprungen.

Es ist ihre Niederlage

Doch May hatte in diesem Moment keinen Blick für ihre Mitbewerber, geschweige denn einen Sinn für britischen Humor. Die Konservativen verloren bei der Parlamentswahl ihre absolute Mehrheit. Es ist die Niederlage von Theresa May.

Oppositionsführer Jeremy Corbyn lächelt, als er in London sein Haus verlässt. Bild-Zoom Foto: BEN STANSALL (AFP)
Oppositionsführer Jeremy Corbyn lächelt, als er in London sein Haus verlässt.

Nachdem sie in der Nacht zum Freitag zur Siegerin in Maidenhead, eine Gegend im Speckgürtel von London, gekürt wurde, betonte sie in ihrer kurzen Rede, das Land brauche nun eine Phase der Stabilität. Ihre Stimme zitterte, sie lächelte gequält.

Es gibt ein Patt im Parlament. Die Gesellschaft ist zumindest so gespalten wie vor einem Jahr nach dem Brexit-Votum. Die Wahl hat diese Gräben weiter vertieft. May rief im April entgegen früherer Beteuerungen Neuwahlen aus. In Umfragen lagen die Konservativen mit mehr als 20 Prozentpunkten Vorsprung vor der Labour-Partei unter Oppositionschef Jeremy Corbyn. Die Regierungschefin wollte sich für die anstehenden Brexit-Verhandlungen mit Brüssel ein eindeutiges Mandat verschaffen und die Mehrheit im Parlament ausbauen. „Sie ging ein hohes Risiko ein und hat sich verzockt“, lautet nun der Tenor auf der Insel.

Keine Beschwichtigungen

Trotz Rücktrittsforderungen von allen Seiten gab sich die 60-Jährige gestern aber an der Seite ihres Mannes Philip betont standhaft. Nachdem sie im Buckingham-Palast die formelle Erlaubnis für die Regierungsbildung bei Königin Elizabeth II. eingeholt hatte, trat sie am Mittag vor die Presse.

Wer jedoch erwartet hatte, dass sie auf ihre krachende Niederlage mit einer beschwichtigenden Ansprache an das Volk reagieren würde, sah sich getäuscht. Sie wolle mit Unterstützung der nordirisch-unionistischen DUP (Democratic Unionist Party) eine Regierung formen, so ihre Ankündigung. Lediglich die Konservativen und der Koalitionspartner hätten die Fähigkeit und den Auftrag, dem Land die dringend notwendige Stabilität zu verschaffen.

Kein Wort zur Hängepartie, in der die Tories nun stecken. Kein Wort zur Versöhnung an das zerrissene Land. Kein Wort der Selbstkritik. Als „Königin des Verdrängens“ verspottete sie gestern die Zeitung „Evening Standard“, weil sie schlichtweg „das Desaster ignoriert“.

Statt May ist es nun Labour-Chef Jeremy Corbyn, der jubelt. Ausgerechnet der 68 Jahre alte Alt-Linke, der von der rechtskonservativen Presse über Monate scharf attackiert wurde und selbst innerhalb der Partei hoch umstritten ist, hat es geschafft, die Jugend zu mobilisieren und zu begeistern. Corbyn, der Mann mit den unumstößlichen Prinzipien, wirkte anders als May authentisch und bot den Wählern eine positive Kampagne, die sich vor allem auf soziale Gerechtigkeit fokussierte. Als lebenslanger EU-Skeptiker vermied er das Thema Brexit so gut es ging. Und doch könnte der Erfolg der Labour-Partei, die sich immerhin für einen Verbleib im gemeinsamen Binnenmarkt ausgesprochen hat, dafür sorgen, dass Theresa May sich mit ihrer harten Brexit-Linie nicht durchsetzt.

EU-Anhänger im Aufwind

„Das Ergebnis zeigt, dass die Menschen eine andere Vorstellung von einem Großbritannien außerhalb der EU haben als May“, sagt Simon Hix, Politikwissenschaftler an der London School of Economics. Er erwartet, dass sich nun auch die moderaten Kräfte innerhalb der konservativen Partei wieder melden. Jene EU-Anhänger, die nach dem Brexit-Votum von den EU-Skeptikern und Theresa May zum Schweigen gebracht wurden, „werden nun nach vorne treten und eine Umkehr des Brexit-Kurses fordern“, prophezeit Hix.

Ein Machtkampf innerhalb der Tories? Schon jetzt laufen Wetten, wie lange sich May angesichts der geschwächten Position in ihrem Amt halten kann. Erneute Wahlen innerhalb der nächsten zwei Jahre, „vielleicht sogar schon 2018“ gelten als wahrscheinlich. Andere meinen, sie überstehe nicht einmal dieses Wochenende.

In wenigen Tagen sollten die Verhandlungen mit den 27 übrigen Mitgliedstaaten eigentlich beginnen. Das Problem: „Ihre Position ist nun sehr viel schwächer, und die Partner wissen das“, so der Politexperte Tony Travers. Seiner Meinung nach habe sowohl das Brexit-Votum als auch diese Wahl „den Zorn der Menschen gegen den Politapparat“ zum Ausdruck gebracht.

Zur Startseite Mehr aus Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse