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Drittes Geschlecht: Transgender-Aktivistin Jessica Purkhardt: "Ein wegweisendes Urteil"

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass die beiden Kategorien „männlich“ und „weiblich“ nicht ausreichen. Die Grünen-Politikerin Jessica Purkhardt ist Sprecherin der „Landesarbeitsgemeinschaft QueerGrün Hessen“ und hat selbst eine transsexuelle Biografie.
Jessica Purkhardt hält das Urteil für „einen wichtigen Schritt in Richtung einer zeitgemäßen und dem Stand der Wissenschaft entsprechenden Anerkennung von selbstbestimmter Geschlechtsidentität“. Foto: BERNDKAMMERER@GMX.NET (Presse- und Wirtschaftsdienst) Jessica Purkhardt hält das Urteil für „einen wichtigen Schritt in Richtung einer zeitgemäßen und dem Stand der Wissenschaft entsprechenden Anerkennung von selbstbestimmter Geschlechtsidentität“.
Frankfurt. 

Ist es gerecht, eine Frage zu stellen, bei der unter den zwei vorgegebenen Antwortmöglichkeiten die richtige gar nicht dabei ist? „Nein“ hat nun das Bundesverfassungsgericht dazu geurteilt.

Längst wissen wir, dass es unter den Menschen in ihrer großen Vielfalt auch solche gibt, deren Geschlecht weder männlich noch weiblich ist. Auch in der Wissenschaft ist es heute anerkannt, dass geschlechtliche Identität viele Normvarianten aufweist, die sich nicht in ein Zweigeschlechtermodell einordnen lassen und dass es sich hierbei keinesfalls um eine psychische Störung handelt.

Unstrittig ist auch, dass Geschlecht nicht bei allen Menschen zwangsläufig deckungsgleich mit deren körperlichen Merkmalen ist. Auch der Gesetzgeber musste diese Tatsache anerkennen und erließ deshalb vor über 30 Jahren ein Transsexuellengesetz, um die formale Möglichkeit zu eröffnen, den Vornamen und den Personenstand zu ändern, wenn er dem empfundenen Geschlecht nicht entspricht. Strikte Ordnungsvorstellung, wie ein Staat das Geschlecht seiner Bürger/-innen verwalten sollte, sorgten bei der Einführung des Gesetzes jedoch dafür, dass Hürden eingezogen wurden, die in Teilen schlichtweg als menschenrechtswidrig zu bezeichnen sind und auch deshalb in mehreren Urteilen des Bundesverfassungsgerichtes für nicht rechtskonform erklärt wurden.

So bestimmte das Gesetz bis 2011 noch die Herstellung der Unfruchtbarkeit als Voraussetzung für die Änderung des Geschlechtseintrages. Und auch heute verlangt das Verfahren nach dem Transsexuellengesetz noch die Einholung von zwei Sachverständigengutachten zur Feststellung der männlichen oder weiblichen Geschlechtsidentität. Das Widersprüchliche daran ist, dass die Medizin längst zu der Erkenntnis gelangt ist, dass sich geschlechtliches Empfinden nicht diagnostizieren lässt.

Keine Einzelfälle

Noch absurder wird es, wenn mit dem untauglichen Instrument der Begutachtung Menschen in ein zweigeschlechtliches System einsortiert werden sollen, die sich nicht nur nicht dem Gegengeschlecht zugehörig empfinden, sondern sich irgendwo dazwischen verorten.

Dabei handelt es sich keinesfalls um Einzelfälle, sondern um eine nennenswerte Personengruppe. Der Arbeitskreis der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität spricht alleine in Hessen von etwa 15 000 transidenten Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen.

Breite Zustimmung über die Entscheidung des ...

Die Forderung des Bundesverfassungsgerichts nach einem dritten Geschlecht für den Eintrag im Geburtenregister ist von mehreren Organisationen begrüßt worden.

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Noch deutlicher wird die Mangelhaftigkeit der bestehenden gesetzlichen Regelung im Bezug auf intergeschlechtliche Menschen, bei denen körperliche Eigenschaften, beispielsweise in ihrem Erbgut, keine Zuordnung zu einem männlichen oder weiblichen Geschlecht zulassen. Dies trifft auf die Person zu, die vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Verwehrung eines weder männlichen noch weiblichen Geschlechtseintrages geklagt und Recht bekommen hatte. Darüber hinaus beauftragte das Gericht den Gesetzgeber damit, die Voraussetzungen für einen zusätzlichen Geschlechtseintrag bis zum Ende des kommenden Jahres zu schaffen.

Neubetrachtung nötig

Damit ist das Karlsruher Urteil wegweisend, denn es zeigt, dass die bestehende staatliche Praxis im Umgang mit Geschlechtsidentität wirklichkeitsfern und deshalb insgesamt einer Neubetrachtung und Generalüberholung bedarf. Denjenigen, die angesichts des Urteils nun sorgenvoll die Hände über dem Kopf zusammenschlagen sei gesagt: Auch morgen wird es noch Frauen und Männer geben, niemandem wird etwas genommen.

Aber die Menschen, die nicht diesen beiden Geschlechtszuordnungen entsprechen, werden von den lebenslangen Widersprüchen und der immer wiederkehrenden Notwendigkeit sich erklären zu müssen, befreit. Damit ist ein wichtiger Schritt getan in Richtung einer zeitgemäßen und dem Stand der Wissenschaft entsprechenden Anerkennung von selbstbestimmter Geschlechtsidentität.

Es ist aber ebenfalls klar, dass nun auch die veralteten und in großen Teilen bereits durch Urteile des Bundesverfassungsgerichtes ausgehöhlten Regelungen des Transsexuellengesetzes durch ein vereinfachtes Verfahren ohne gerichtliches Verfahren und Gutachten dringend abgeschafft werden müssen.

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