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Interview mit Journalistin Sirin Manolya Sak: Türkei: „Wie in einem Freiluft-Gefängnis“

Von Terroranschläge, der Putschversuch und autokratische Strukturen zwangen die Journalistin Sirin Manolya Sak, ihre Arbeit in der Türkei abzubrechen und in ihre Heimat Berlin zurückzukehren. Im Interview mit Politik-Redakteur Mirco Overländer berichtet sie von ihren Erlebnissen.
Blick aus einer Straßenbahn in Istanbul: Die Werbung für das türkische Verfassungsreferendum ist allgegenwärtig. Auf dem Werbebanner im Hintergrund ist der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim abgebildet ist. Auf dem Banner steht „Zuerst die Heimat. Natürlich Ja“. Foto: Emrah Gurel (AP) Blick aus einer Straßenbahn in Istanbul: Die Werbung für das türkische Verfassungsreferendum ist allgegenwärtig. Auf dem Werbebanner im Hintergrund ist der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim abgebildet ist. Auf dem Banner steht „Zuerst die Heimat. Natürlich Ja“.

Frau Sak, Sie sind vor drei Monaten aus Istanbul nach Berlin zurückgekehrt. Was bewog Sie zu diesem Schritt?

SIRIN SAK: Nachdem meine Recherche-Stipendien ausgelaufen sind, bin ich zunächst in der Türkei geblieben, um dort zu leben und zu arbeiten. Doch in sehr kurzer Zeit hat sich dort ein extrem radikaler Wandel vollzogen. Das hat sich anhand von Medienberichten, Kleinigkeiten im Alltag und Gesprächen mit Bekannten gezeigt. Wenn man das Gefühl hat, Recht und Unrecht werden nicht mehr auseinander gehalten, fühlt man sich nicht mehr sicher. Als Sirin aus Berlin hatte ich Angst vor den Ereignissen und nicht das Gefühl, dass ich in Istanbul diejenige sein kann, die ich bin. Ich möchte mich ausdrücken können, wie es mir gefällt, und sagen können, was ich denke.

Sirin Manolya Sak Bild-Zoom
Sirin Manolya Sak

Haben Sie sich in Ihrer Arbeit als Journalistin konkret oder eher latent bedroht gefühlt?

SAK: Es gab keine konkrete Bedrohung gegen mich. Es ist schwierig zu beschreiben, wie man sich dennoch bedroht fühlt, ohne irgendetwas verbrochen zu haben. Dennoch kann man sich diesem politischen und gesellschaftlichen Wandel nur schwer entziehen. Die Einschränkung demokratischer Rechte und der Pressefreiheit ist auch in Polen und den USA ein Thema. In der Türkei geht dieser Wandel aber weitaus schneller vonstatten. Viele Türken haben erlebt, dass es ihnen nichts bringt, sich dagegen zu wehren, sondern dass sie sich in ihrer beruflichen und privaten Zukunft bedroht fühlen. In der Türkei herrscht eine extrem aggressive Grundstimmung.

Wie artikuliert sich der Druck gegenüber kritischen Stimmen in der Türkei?

SAK: Es ist nicht so, dass die ganze Türkei geschlossen hinter Erdogan steht. Aber die Stimmen derer, die sich zivil engagiert oder an den Gezi-Protesten beteiligt haben, werden immer leiser. Geschäftsleute, die oft im Ausland unterwegs sind, sehen in der Türkei keine Zukunft mehr für sich und ihre Familien. Sie haben Angst um ihre Existenz und ihre Freiheit. Großaufträge, die von der Regierung vergeben werden, gehen nur noch an Erdogan-Anhänger. Diese Atmosphäre verwandelt das alltägliche Leben. Ich war auch erschrocken, dass Worte wie Vaterlandsverräter oder Todesstrafe selbst moderaten Menschen plötzlich ganz leicht von den Lippen gehen. Solche Begriffe gehören für mich in Geschichtsbücher und nicht in eine aktuelle politische Debatte.

Wie unterscheidet sich die Stimmung in der Türkei im Vergleich zur türkischen Gemeinde in Deutschland?

SAK: Die Gespräche unterscheiden sich dahingehend, dass man sich hier noch offener unterhalten kann. Das größte Problem an dieser Debatte ist für mich die übertriebene Emotionalität, mit der sie geführt wird. In Deutschland ist die Emotionalität womöglich noch größer als in der Türkei. Das liegt auch daran, dass es plötzlich ein Thema gibt, bei dem sich viele Türken als Experten fühlen. Auch Patriotismus spielt da hinein. Viele Deutsch-Türken fühlen sich in die Ecke gedrängt und dazu gezwungen, sich für eine Seite entscheiden zu müssen. Andererseits haben maximal 46 Prozent der in Deutschland wahlberechtigten Türken ihre Stimme beim Verfassungsreferendum abgegeben. In Relation zur Berichterstattung und der Diskussion in Deutschland ist das recht wenig. Offenbar kam nicht bei allen an, dass dieses Referendum die Zukunft der Türkei bestimmen wird.

Wie auch der inhaftierte Journalist Deniz Yücel sind Sie deutsche Staatsbürgerin. Deutsche Medien sind darauf angewiesen, dass Korrespondenten wie Sie Risiken eingehen. Ist freie Berichterstattung in der Türkei derzeit überhaupt noch möglich?

SAK: Natürlich ist es von Vorteil, wenn Menschen über Sprache und Kultur Zugang zu den Menschen haben. Aber in dieser extremen Situation muss man sehr genau abwägen, wie viel Risiko man eingehen kann und will. Ich kenne keinen türkischen Journalisten, der derzeit in der Türkei frei berichten kann. Wie man damit umgeht, muss jeder Journalist und jede Redaktion für sich entscheiden. Ich bin aber keine Krisenberichterstatterin, und ich hatte Angst. Ich fühlte mich wie in einem Freiluft-Gefängnis.

Wie haben Sie die Nacht des Putschversuchs erlebt?

SAK: Ich hatte an dem Abend auf einer kleinen Insel in der Ägäis zu tun. Ich saß im Hotelzimmer und habe eine Live-Übertragung im Fernsehen verfolgt. Dort hieß es zunächst, die Regierung sei gestürzt. Anfangs wusste niemand, was los ist. Das war eine extrem verwirrende Situation, auch anders als die Terror-Anschläge, an die man sich ja leider schon fast gewöhnt hat. Auf den Bankautomaten gab es kurze Zeit später kein Geld mehr, im Supermarkt kein Trinkwasser. Ich habe sogar überlegt, wie ich im Zweifelsfall von dort aus am schnellsten nach Griechenland komme. Nur ganz wenige Menschen haben jedoch die Möglichkeit, das Land vorerst zu verlassen.

Am Sonntag stimmen die Türken über das Verfassungsreferendum ab. Alles deutet auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hin. Glauben Sie, dass Erdogan notfalls das Ergebnis manipulieren lässt?

SAK: Dazu möchte ich mir kein Urteil erlauben. Ich hoffe, dass die neutralen Wahlbeobachter in der Türkei genau hinschauen. Daher glaube ich, dass auch diese Wahl in einem demokratischen Rahmen ablaufen wird. Aber auf die Umfragen gebe ich nichts. In der Vergangenheit hieß es schon oft, dass Erdogan mit seiner Politik nicht durchkommen wird. Am Ende hat er es doch immer wieder geschafft.

Wäre ein Sieg Erdogans das formale Ende der türkischen Demokratie oder gibt es einen Weg zurück in Richtung Rechtsstaatlichkeit?

SAK: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Erdogans noch mal eine 180-Grad-Drehung macht. Die vergangenen zwölf Jahre dienten ihm bereits dazu, seine Macht auszubauen. Am Anfang seiner Regierungszeit hat er ja bereits betont, dass Demokratie für ihn nur ein Mittel zum Zweck ist. Anfangs gab es unter ihm tatsächlich einen Aufschwung und demokratische Bemühungen. Aber der Generation, die in den zwölf Jahren unter der AKP aufgewachsen ist, wird ein bestimmtes Weltbild vermittelt. Daher glaube ich nicht, dass alles wie früher wird, wenn Erdogan eines Tages weg ist. Wenn überhaupt, wird es lange dauern, bis das von ihm installierte System abgeschafft wird.

Türkische Politiker betonen oft, die EU habe den EU-Beitrittsprozess verzögert und sich nach dem Putschversuch nicht ausreichend mit der Türkei solidarisiert. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

SAK: Die Strategie, Feindbilder aufzubauen, kennen wir aus unserer eigenen Geschichte. Mit dem Schüren von Ressentiments und dem Kreieren von Feindbildern wollen die Politiker ihre Wählerschaft mobilisieren. Natürlich wurde die Türkei von der EU über ein Jahrzehnt hingehalten und schikaniert, während viele Länder aus Osteuropa mit schlechteren Voraussetzungen inzwischen EU-Mitglieder sind. Ich kann mir schon vorstellen, dass viele türkische Politiker sich daraufhin vom Westen abgewandt haben. Ich würde mir jedoch wünschen, dass wir endlich merken, dass Menschen stets auf die gleichen Versprechungen hereinfallen.

Viele Deutsche mit türkischen Wurzeln stehen offen zu Erdogan. Geschieht dies aus Angst um ihre Familien oder sehnen sich diese Menschen tatsächlich nach einem starken Führer?

SAK: Ich kann das nur aus meiner Sicht als Kulturwissenschaftlerin bewerten. Mein Eindruck ist, dass Erdogan den deutschen Türken ein Gefühl der Bedeutsamkeit vermittelt. An vielen Punkten hat er uns damit jedoch nicht geholfen. Jetzt reden wir in Deutschland wieder über gescheiterte Integration. Man muss aber auch beachten: Türken, die hier seit über 40 Jahren wohnen, können nicht einmal an einer Kommunalwahl teilnehmen. Bei Erdogan fühlen sich diese Menschen verstanden und respektiert. Er vermittelt jenen, die sich auch nach Jahrzehnten in Deutschland ausgeschlossen fühlen, ein Gefühl der Zugehörigkeit.

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