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Medizin: Verdacht auf Ärztepfusch

Wenn Patienten nach einer Operation Probleme haben, stellt sich die Frage: Lief beim Eingriff eigentlich alles so, wie es hätte sein sollen? Die Beschwerdestellen der Ärzte zogen nun Bilanz.
Symbolbild Symbolbild
Frankfurt/Berlin. 

Die Zahl der festgestellten Behandlungsfehler in Krankenhäusern und Praxen in Deutschland ist im vergangenen Jahr nach Daten der Ärzte leicht gesunken, bleibt aber auf hohem Niveau. Bestätigt wurden laut Bundesärztekammer 2213 Fälle – nach 2245 Fällen im Jahr 2016. In 62 der festgestellten Fälle führten Behandlungsfehler zum Tod der falsch behandelten Patienten.

In Hessen wurden in 106 Fällen Behandlungsfehler attestiert. Insgesamt waren hier 905 Anträge eingegangen. Der hessische Ärztekammerpräsident Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach sieht in der Vielzahl der Beschwerden jedoch kein Indiz für Ärztepfusch. „Die Patienten sind kritischer geworden und vermuten häufiger Behandlungsfehler als früher“, glaubt von Knoblauch zu Hatzbach. Auch die Bundesärztekammer relativiert die hohen Beschwerdezahlen. Jeder Fehler sei zwar einer zu viel, aber gemessen an jährlich 19,5 Millionen Behandlungen in Krankenhäusern und rund einer Milliarde Arztkontakten in Praxen liege die Zahl bestätigter Fälle im Promillebereich.

Für die Bundesärztekammer warnte der Vorsitzende der Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen, Andreas Crusius, ausdrücklich davor, Medizinern wegen Fehlern pauschal Pfusch vorzuwerfen. „Es ist keine hohle Phrase, dass die Sicherheit ihrer Patienten für Ärzte immer an erster Stelle steht.“ Zwischen Heilen und Schaden liege bei Behandlungen aber generell ein schmaler Grat. Crusius betonte: „Behandlungsdruck kann Behandlungsfehler begünstigen.“ Nach jahrelangen Einsparungen im Gesundheitswesen arbeiteten Ärzte in allen Versorgungsbereichen am Limit und manchmal darüber hinaus.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte die Schaffung eines bundesweiten Zentralregisters. „Hier müssen nicht nur die ärztlichen Behandlungsfehler, sondern auch alle Fehler in der Pflege erfasst werden“, sagte Vorstand Eugen Brysch. Nur eine umfassende Statistik zeige rasch, wo es schieflaufe und wo Gegenmaßnahmen wirken könnten. Der Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Hardy Müller, sagte: „Es gibt zu viele Fälle, und es gibt Instrumente dagegen, die wir anwenden können.“ Wichtig sei, dass alle Beteiligten die Sicherheitskultur weiterentwickelten. „Das Thema ist keine Geheimwissenschaft mehr“, sagt Müller. Patienten fragten oft schon vorher, wie es in einer Klinik um die Handhygiene bestellt oder wie hoch die Fehlerwahrscheinlichkeit sei. Neben der Ärzteschaft gehen auch die Medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDK) Behandlungsfehlern nach. Im Jahr 2016 erstellten sie rund 15 000 Gutachten, in knapp jedem vierten Fall wurden Fehler bestätigt. Wie viele Patienten sich direkt an Gerichte, Anwälte oder Versicherungen wenden, ist unbekannt. Nach Schätzungen der Ärzte dürfte die Beschwerdezahl etwa bei 40 000 pro Jahr liegen. Die Dunkelziffer ist bei diesem Thema naturgemäß immens. Das Wissenschaftliche Institut der AOK hat alle Fehler im Krankenhaus – unabhängig von einem tödlichen Verlauf – sogar auf knapp 200 000 pro Jahr taxiert. Wie sehen die vorliegenden Fallzahlen für Hessen aus? „Der Medizinische Dienst Hessen hat 2017 insgesamt 1101 Erstgutachten mit der Frage nach Vorliegen eines Behandlungsfehlers erstellt“, rechnet Ralf Glake, Leiter des MDK-Teams für Ersatzansprüche, vor. In knapp 30 Prozent der Fälle sei dabei der Verdacht bestätigt worden. In 13 Fällen sah der MDK Hessen einen kausalen Zusammenhang zwischen einem Behandlungsfehler und dem Tod des Patienten. Die meisten Behandlungsfehler (723) registrierte der MDK im stationären Umfeld. Auf den ambulanten Bereich entfielen 378 Vorwürfe. Die häufigsten bestätigten Behandlungsfehler, so Ralf Glake weiter, fanden sich bei der Frakturversorgung, Wirbelsäulenoperationen und Endoprothetik. „Patienten merken Beeinträchtigungen der Extremitäten sehr viel schneller als zum Beispiel eine fehlerhafte Medikamentengabe“, erläutert dazu Kerstin Kols. Geschäftsführerin der norddeutschen Schlichtungsstelle der Ärztekammer. hin/dpa/red

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