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Internet: Vielen Lehrern fehlt die Kompetenz, um ihre Schüler vor Belästigung in sozialen Medien zu schützen

Von Fast alle Kinder tummeln sich heute auf sozialen Medien wie WhatsApp und Instagram. Wenn sie dort belästigt werden, trauen sie sich oft nicht, das ihren Eltern oder Lehrern zu erzählen. Und es fehlt eine Medienerziehung, die ihnen beibringt, wie sie mit ihren Daten umgehen sollten. Das hat Folgen.
Eine junge Frau spricht eine Nachricht in ihr Handy. Täter nutzen soziale Netzwerke, um mit Heranwachsenden in Kontakt zu kommen – und belästigen sie dann mit sexuellen Nachrichten und Fotos. Foto: Lino Mirgeler (dpa) Eine junge Frau spricht eine Nachricht in ihr Handy. Täter nutzen soziale Netzwerke, um mit Heranwachsenden in Kontakt zu kommen – und belästigen sie dann mit sexuellen Nachrichten und Fotos.
Frankfurt. 

Heute ist wieder einer dieser Tage. Günter Steppich, Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt Wiesbaden muss noch mal in eine Schule fahren und sich mit einem Vater treffen. Dessen 13-jährige Tochter werde auf Instagram massiv von einem anderen Nutzer sexuell belästigt. Weil diese auf die anzüglichen Nachrichten des Unbekannten nicht mehr antwortet, sucht der Belästiger den Onlinekontakt über eine Freundin der Schülerin.

Das Kind erzählt den Vorfall ihrem Vater, der bei Fachberater Steppich Hilfe sucht. Solche Fälle seien die Regel, nicht die Ausnahme, sagt der Pädagoge. Cyber-Grooming nennt sich das und kann als sexuelle Belästigung von Minderjährigen in der digitalen Welt übersetzt werden.

„Mittlerweile erlebt fast jedes Kind sexuelle Ansprache im Netz“, sagt Günter Steppich. Dann kommt es darauf an, richtig damit umzugehen. Der Lehrer für Englisch und Sport wünscht sich deshalb dringend Veränderungen in der Lehrerausbildung. „Medienkompetenz sollte bereits im Lehramtsstudium Pflicht sein“, sagt er. Die Lehre vom richtigen Umgang mit sozialen Netzwerken, den eigenen Daten und digitaler Software ist in keinem Bundesland ein Pflichtfach im Lehramtsstudium. In der Aus- und Fortbildung steht es den Lehrern frei, in welche Bereichen sie sich fortbilden.

Fast alle täglich online

Konkrete Zahlen, wie oft es zu dieser Art digitaler Belästigung im Netz kommt, gibt es indes nicht. Man kann sich jedoch dem Status quo annähern. 89 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen sind täglich online. Das hat der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest in seiner aktuellen Studie festgestellt. Mit bereits 37 Prozent bei den Mädchen und 30 Prozent bei den Jungen rangiert das Soziale Netzwerk Instagram auf Platz drei der beliebtesten Angebote, gleich hinter WhatsApp und YouTube.

Erlaubt ist die Nutzung dieser Social-Media-Plattformen laut deren AGB erst ab 13 Jahren. Wenn die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung Ende Mai in Kraft tritt, wird es erst ab 16 Jahren erlaubt sein. In der Realität ändert das aber wahrscheinlich nichts. Und eine theoretische und vor allem praktische Aufklärung über den richtigen Umgang mit Social-Media findet indes nur selten statt – weder in der Schule noch zu Hause.

Smartphone-Spiele wie „Clash of Clans“ und „Quiz-Duell“ sowie Social-Media-Anwendungen wie Snapchat oder Instagram sind die idealen Plattformen, um in Kontakt mit Minderjährigen zu treten. Denn: Sie haben eine Chat-Funktion, und Täter können sich dort problemlos anonym anmelden.

Steppich sieht die Verantwortung für Medienerziehung einerseits eindeutig bei den Eltern, andererseits sieht er die große Mehrheit damit ebenso klar überfordert. Schulische Unterstützung wäre daher hilfreich, Verkehrserziehung werde schließlich auch durch die Polizei unterstützt, doch für Medienerziehung sind Lehrkräfte aktuell nicht ausgebildet.

„Bei Cyber-Grooming handelt es sich um den sogenannten einfachen sexuellen Missbrauch“, sagt Annett Eigenbrodt. Die Hauptkommissarin arbeitet beim Hessischen Landeskriminalamt in der Ansprechstelle Kinderpornografie. Die digitalen Übergriffe im Netz fallen somit in ein breites Spektrum an Tatbeständen. Eine differenzierte Erhebung der Cyber-Grooming-Fälle sei deshalb kaum möglich, so die Hauptkommissarin.

Statistiken würden auch nur bedingt die Realität widerspiegeln, so Eigenbrodt. Denn viele Kinder würden sich nicht trauen, ihren Eltern von den sexuellen Übergriffen zu erzählen – sei es aus Scham oder aus Angst vor Sanktionen. Hier sei Medienkompetenz gefragt: die der Eltern, aber auch die der Lehrer. Und die fehle häufig. Eigenbrodt wünscht sich deshalb, dass Medienkompetenz ein fester Bestandteil der Lehrerausbildung wird.

Einmal im Jahr bietet das Hessische Kultusministerium eine dreitägige Fortbildung für Lehrer an, in der rund 30 Lehrer zu Jugendmedienschutzberatern ausgebildet werden. Angesichts von knapp 1900 hessischen Schulen ist der Weg zur Vollversorgung allerdings weit.

Situation außer Kontrolle

Ohnehin hinke man der rasanten Entwicklung des digitalen Social-Media-Marktes hinterher. Während Eltern und Lehrer sich gerade bei Facebook orientiert haben, sind die Schüler längst in den Messengerdienst WhatsApp abgewandert, häufig ohne Wissen der Eltern.

Problematische Inhalte, die über eine Messenger-App empfangen wurden, werden von den Kindern häufig in den anderen Apps geteilt. „Diese Situation gerät immer mehr außer Kontrolle“, sagt Steppich. Eltern und Lehrkräfte müssten sowohl Präventionsarbeit leisten als auch wissen, wie mit digitalen Vorfällen kompetent umzugehen ist.

Die Meinung teilt der Pädagoge mit der Hauptkommissarin beim Landeskriminalamt (LKA). Regelmäßig veranstalte das LKA deshalb Medienschutztage an den Schulen, doch es seien nicht nur die Schulen in der Pflicht. Nicht alle, aber sehr viele Eltern würden ihre Kinder in der digitalen Welt allein lassen, so Eigenbrodt. Unter diesen Umständen seien alle Fortbildungsangebote nur ein „Tropfen auf den heißen Stein“.

Das Hessische Kultusministerium sieht den Handlungsbedarf. „Das nehmen wir sehr ernst“, sagt Tanja Miehle, Referatsleiterin für Medienbildung im Hessischen Kulturministerium. Regelmäßig informiere man die Schulen, es gebe umfangreiche Handreichungen, Unterrichtmaterialien und vielfältige Qualifizierungsangebote für Lehrkräfte über die landesweite Fortbildungsreihe hinaus. Auch stünden ein Landeskoordinator und in den Staatlichen Schulämtern Ansprechpartner für Fragen des Jugendmedienschutzes zur Verfügung. „Wir sind bestrebt, das Unterstützungsangebot für die Schulen permanent weiterzuentwickeln. Dabei haben wir vor allem das Thema soziale Netzwerke im Blick“, sagt Miehle

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