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Von wegen Kriegsbegeisterung

Von Westfront, Schützengräben und Verdun – ist das alles, was uns zum Ersten Weltkrieg einfällt? Ein neues Buch untersucht die Katastrophe abseits des historischen Halbwissens – und stellt neue Thesen auf.
Extrablätter wie hier in Berlin informierten die Menschen 1914 über den Kriegsausbruch. Nicht überall wurde die Mobilmachung begrüßt.
Foto: dpa Extrablätter wie hier in Berlin informierten die Menschen 1914 über den Kriegsausbruch. Nicht überall wurde die Mobilmachung begrüßt. Foto: dpa
Frankfurt. 

Es gab jemanden, der wusste schon vorher, wie alles enden würde. 1899 veröffentlichte der polnische Unternehmer und Bankier Jan Bloch das Buch „Die Zukunft des Krieges“. Es wurde in alle wichtigen europäischen Sprachen übersetzt. Bloch argumentierte, dass die neuen Waffensysteme zu einem Krieg in Schützengräben führen werde. Ein künftiger Krieg zwischen Industriestaaten, so Bloch weiter, werde ein langer Abnutzungskrieg zwischen Millionenheeren sein, der zu wirtschaftlichem Ruin, Hungersnöten und Revolutionen führen werde.

Das schreibt der Berliner Historiker Oliver Janz in seinem Buch „14 – Der Große Krieg“. Sein Werk ist eine ausgezeichnete Wahl für Leser, die sich einen Überblick über den Ersten Weltkrieg verschaffen wollen. Mit großem Kenntnisreichtum schildert Janz den Weg in den Krieg, seine grauenhaften Auswirkungen und seine Folgen. Was das Buch zu etwas Besonderem macht: Janz beschränkt sich nicht auf einen deutschen Blick, sondern schildert die Entwicklungen auf allen Kriegsschauplätzen, so auch im Nahen Osten.

„Die vielleicht dramatischste Neuerung in der Waffentechnik“ war laut Janz das moderne Maschinengewehr. Dazu kamen Granatwerfer. Gerade zu Anfang des Krieges raffte es die Soldaten zu Hunderttausenden dahin. Allein am 22. August 1914, drei Wochen nach Kriegsbeginn, starben an einem einzigen Tag 27 000 Franzosen.

Janz schreibt: „Dies war ein Niveau, dass in späteren Kriegsphasen nie wieder erreicht wurde, auch nicht auf dem Höhepunkt der Schlachten von Verdun oder an der Somme.“ Schon bald gruben sich die Soldaten in Schützengräben ein. Der Historiker zeigt, dass der Erste Weltkrieg der „erste wirklich globale Krieg der Weltgeschichte“ war. Große Teile der französischen und britischen Truppen kamen aus den Kolonien. Außerdem wütete der Krieg auch auf dem Balkan und im Osmanischen Reich. „Ost- und Südosteuropa wurden noch stärker in Mitleidenschaft gezogen als West- und Mitteleuropa“, schreibt Janz. Ein Drittel der serbischen und der rumänischen Soldaten kam in dem Krieg ums Leben.

Janz weist auch daraufhin, dass die Kriegsbegeisterung in Deutschland längst nicht so ausgeprägt war, wie dies lange die Vorstellung geprägt hat. Daran hatten die Fotos und Filmaufnahmen einen großen Anteil, die in Berlin jubelnde Menschenmengen zeigten. Aber die Wirklichkeit sah anders aus, wie die Geschichtsforschung heute weiß. Janz: „In keinem Land sind im Juli 1914 mehr Menschen gegen den Krieg auf die Straße gegangen als in Deutschland.“ An anderer Stelle fügte er hinzu: „Die Stimmung war vielfach von Ernst und Ernüchterung, von Angst und Spannung geprägt.“

Auffallend war, dass Intellektuelle auf beiden Seiten dem Krieg das Wort redeten. In Deutschland unterzeichnete „fast die gesamte Elite des deutsche Kultur- und Geisteslebens“ einen Aufruf, der sich zum Militarismus bekannte.

Die Volkswirtschaften schwenkten schnell auf eine totale Kriegsproduktion ein. Denn die Vorräte an Waffen und Munition gingen bald zu Neige. Der Staat habe „in einem bisher unbekannten Ausmaß“ in Wirtschaft und Gesellschaft eingegriffen. Janz verbindet dies mit einer bemerkenswerten These: „Die europäischen Gesellschaften haben sich im Ersten Weltkrieg daran gewöhnt, dass der Staat einen großen Teil des Volkswohlstandes für sich beanspruchte, was auch mit steigenden Erwartungen und Ansprüchen an diesen verbunden war. Dies ist vielleicht einer der wichtigsten langfristigen Folgen des Krieges.“

Am Ende steht die Niederlage Deutschlands und die Dolchstoßlegende. General Ludendorff behauptete, die Gegner in der Heimat hätten den Soldaten von hinten einen Dolchstoß versetzt, was an den Haaren herbeigezogen war. Denn die deutsche Armee hatte spätestens nach dem Kriegseintritt der USA auf verlorenem Posten gestanden. Doch die Dolchstoßlegende setzte sich in weiten Teilen der Öffentlichkeit durch. Sie war eine Bürde für die Weimarer Republik, die 15 Jahre später von den Nazis den Todesstoß versetzt bekam.

 

Oliver Janz, „14 – Der Große Krieg“, Campus-Verlag, 415 Seiten, 24,99.

 

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