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Weirich am Montag: Vorsatz Verantwortung

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von Prof. Dieter Weirich Foto: Eric Richard (priv.) von Prof. Dieter Weirich

Eine Woche ist das neue Jahr alt. Noch sind die meisten guten Vorsätze an Bord. Den Winterspeck entschlossen abzubauen, das Rauchen aufzugeben, den Alkoholkonsum einzudämmen, den Sparsäckel für die Altersvorsorge kontinuierlich aufzufüllen, alles erstrebenswerte und doch schwer durchzuhaltende Ziele. Gute Vorsätze seien „Schecks, auf eine Bank ausgestellt, bei der man kein Konto hat“, resümierte schon der geniale Schriftsteller und Lebemann Oscar Wilde.

Um in guter Kondition seinen Vorsätzen treu zu bleiben, schwören manche auf die Umprogrammierung ihres Gehirns, das sogenannte „nudging“, zu Deutsch Stupsen. Weil Menschen irrational seien, brauchten sie für kluge Entscheidungen sanfte Richtungsanzeigen, meint der Verhaltensökonom und Nobelpreisträger Richard Thaler und gibt in einem Bestseller gemeinsam mit dem Rechtswissenschaftler Cass Sunstein Ratschläge, um Menschen zu einer ihren wirklichen Interessen dienenden Lebensführung zu bewegen.

So gab Thaler jetzt Tipps, wie man sich vom Schuldenmacher in einen Supersparer verwandelt. Die Rezepte sind einfach, aber nicht leicht einzuhalten: Sparziele möglichst konkret machen, das Portfolio möglichst wenig checken, um sich nicht zu entmutigen und mit eiserner Disziplin das Konto nicht anrühren.

Nudging war über Jahre hinweg in der Politik der Angelsachsen gefragt. Statt Gesetzen und Verordnungen setzte man auf raffinierte Anschläge auf das Unterbewusstsein der Menschen, um immer neue Gesetze und Verordnungen zu meiden. Die Bürger brauchten nur einen Stups, um sich besser zu verhalten, Energie zu sparen, fürs Alter vorzusorgen oder sich gesünder zu ernähren. Arbeitsverträge gleich mit Altersvorsorgeangeboten zu verknüpfen, smarte Energietechnik zu favorisieren, Testlabors für effektive Bürgerservices wie in Dänemark einzurichten oder in Kantinen Obst statt Süßspeisen zu offerieren, das sind Beispiele aus der Nudging-Praxis.

Inzwischen haben sich die unter US-Präsident Obama und dem britischen Premier Cameron für diese Themen gut ausgestatteten Beraterstäbe wieder gelichtet. Auch von dem von Bundeskanzlerin Merkel eingerichteten Team „Wirksames Regieren“ hört man nichts mehr. Der „liberale Paternalismus“ als eine besondere Form der psychologischen Regulierung hatte ohnehin zahlreiche politische Widersacher auf den Plan gerufen. Die einen warnten vor „Psychotrainern“, die anderen fürchteten den „Nanny-Staat“.

Nudging ist in diesen Tagen ohnehin nicht angesagt. Deutschland braucht keinen Stups, sondern einen Schubs, um zur Einsicht zu gelangen, dass die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt und die bedeutendste Stimme Europas endlich eine handlungsfähige Regierung bekommt. Ein Vorsatz aus Verantwortung.

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