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Debatte über den Schleier: Vortrag: Hysterie um den Islam?

Von Naika Foroutan, Soziologin aus Berlin und Migrationsexpertin, ging den Streit um den Schleier im Schauspiel Frankfurt kühl und sachlich an.
Die Soziologin Naika Foroutan hielt in Frankfurt einen umstrittenen Vortrag.   Archivfoto: dpa Foto: Bernd Von Jutrczenka (dpa) Die Soziologin Naika Foroutan hielt in Frankfurt einen umstrittenen Vortrag. Archivfoto: dpa

„Schleier macht stark“, besagte der Obertitel der „Denkraum“-Veranstaltung im Chagallsaal und Foyer, um sich im Untertitel wieder auszukontern: „Bedroht der Islam unsere freiheitlichen Werte?“ Keine der beiden Haltungen gibt Foroutans Meinung wider. Als Institutsleiterin an der Humboldt-Universität meidet sie Schnellschüsse. Lieber sammelt sie empirische Zahlen und Umfragen, wägt dann das Für und Wider und die kulturellen Kontexte ab, um sich vorsichtig zu Thesen vorzutasten.

In einem Gastbeitrag für diese Zeitung hatte es der Politikwissenschaftler Clemens Heni kritisiert, dass Foroutan in Frankfurt ein Forum geboten werde. Heni ist Direktor des Berliner Zentrums für Studien zum Antisemitismus. Er wirft der Soziologin vor, den islamistischen Terror kleinzureden.

Persönliche Gründe

Im Frankfurter Impulsvortrag sprach Foroutan über den Schleier. Sie verwies nur kurz auf den Koran, der in Sachen Bedeckung vage bleibe. Der Schleier: eine Sache nachkoranischer Orthodoxien.

Auch deren Effekt trägt ihr zufolge nicht so weit, wie manche meinen. Foroutan zitierte Studien, die den hysterisierten Eindruck einer drohenden Vollverschleierung in Deutschland widerlegen. Über siebzig Prozent hiesiger Musliminnen trügen gar kein Kopftuch. In zweiter Generation sinke der Anteil gar. 53 Prozent der Muslime lehnten die Verschleierung ab, und zwar mehr Männer als Frauen. Foroutans Blick auf persönliche Gründe nahm die „popkulturellen Elemente“ (der Schleier in Werbung, Mode, Jugendkultur) ebenso ernst wie die „Dominanzstrategie“ von Fundamentalisten. So weit sie Sympathien andeutete, lagen diese bei Positionen wie der iranischen Feministin Zahra Safyari, die sich im Schleier wohler fühlt, aber andere Frauen lobt, die ihn, im Iran verbotenerweise, ablegen. Wichtig sei die freie Wahl. Sozialen Druck und Zwang, so Foroutan, müsse man im Auge behalten.

In ihrem Impulsvortrag kam sie bald aufs deutsche Islam-Bild zu sprechen, das von Stereotypen (fanatisch, reaktionär, intolerant) umstellt sei und 56 Prozent der Deutschen Ängste einjage. 70 Prozent überschätzten den Anteil der Muslime im Land (5,5 Prozent). Ängste und Abneigungen verdeckten die Gleichbehandlung laut Grundgesetz, so wie die Gleichberechtigung der Frauen noch Jahrzehnte brauchte, als sie 1949 geregelt war, sagte Foroutan. In der Praxis zeigten Statistiken, dass ein türkischer Name Stellenbewerbungen massiv torpediere. Bei jungen Leuten wandle sich das und öffne „Aushandlungsräume“.

Gewiss ist da der Kulturschock, wenn man in Deutschland erstmals vor einer Frau mit Burka steht. Aber viele Deutsche kennen Verwandte, für die ein Kopftuch normal war: Landfrauen. Schlesierinnen. Pilgerinnen. Nicht umsonst nannte Botho Strauß die Eichen-Pflanzerin mit Kopftuch auf der Fünfzigpfennigmünze eine „Wiederaufbaufee nach BDM-Geschmack“.

Wenn der Schleier teils nur vorgeschoben ist – worum geht es wirklich? Antisemitismus zum Beispiel. Eine Sorge lautet, Muslime trügen ihn zurück nach Deutschland, das sich endlich zum Weltmeister im Anti-Antisemitismus entnazifiziert habe. Da kommen die Muslime und machen alles wieder futsch. Diese Gefahr, salopp formuliert, ist da. Wer vor ein paar Jahren im Gallus vollbärtig an der Café-Theke auf seine Krebbel wartete, dem konnte es passieren, dass die verschleierte Muslima daneben ihm, dem vermeintlichen Juden, flüsternd „Juden raus!“ zuskandierte. Das ist Tatsache.

Foroutan sieht diese Dinge. „Antisemitismus“, sagte sie kürzlich der „Süddeutschen“, „ist eindeutig ein Problem in muslimischen Ländern und bei vielen muslimischen Migranten.“ (Stimmt.) Das liege aber auch an mangelnder Integration und Anerkennung. Sie dürften nicht abgehängt werden, um nicht auf die „politischen Regeln“ zu pfeifen. Ungleiche Aufstiegschancen zeugten Spannungen und Zwietracht. Soll man Muslime jedoch sozial belohnen, weil sie sonst Judenhasser werden?

Ein schmaler Grat

Wie klischeebeladen der Antisemitismus-Vorwurf an Muslime sein kann, deutete Foroutan 2017 im Briefwechsel mit Jakob Augstein („der freitag“) an. Foroutans Großvater war Winzer und Wirt am Rhein und gehörte der NSDAP an. Seine Tochter liebte einen Studenten im Iran, also besuchte deren Tochter, Naika, die Schule in Teheran. Statt im Iran mit Antisemitismus indoktriniert zu werden, bekam sie den Holocaust in der Hauptstadt als Menschheitsverbrechen vermittelt und hörte vom Vater, Antisemitismus sei eine Krankheit. 1983 kam sie aufs deutsche Gymnasium und bekam prompt ein Ehrenmitglied im SS-Traditionsverein als Geschichtslehrer vor die Nase gesetzt.

Soviel zu Verallgemeinerungen. Dieser Zeitung schrieb Foroutan: „Zwischen Kritik und Diffamierung liegt derzeit ein sehr schmaler Grat in unseren Debattenräumen. Viel zu schnell ist jemand Rassist! Sexist! Antisemit! Iran-Freundin! Israel-Hasserin! Geht es nicht auch ein wenig nachdenklicher? Muss das gleich immer so existenziell werden?“

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