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Bundestagswahl: Wahlkampf: Am Bürger vorbei

Von Sie hatten Wahlkampf versprochen, Merkel und Schulz. Offenes Gefecht wenigstens. Was die Kontrahenten ums Kanzleramt dann aufführen, ist trist. Vor allem aber hat es sehr wenig zu tun mit dem normalen Leben. Ein Beispiel aus Mecklenburg-Vorpommern.
Wahlkampfplakate in Berlin-Kreuzberg: In der kommenden Woche werden sie wieder abgeholt. Und was kommt dann? Foto: Wolfgang Kumm (dpa) Wahlkampfplakate in Berlin-Kreuzberg: In der kommenden Woche werden sie wieder abgeholt. Und was kommt dann?
Berlin. 

Wo fängt man an mit diesem Wahlkampf, jetzt, wo er zu Ende ist? Vielleicht in Strasburg und vielleicht mit Thomas Telzerow. Ein Mann wie ein Bild aus dem Buch über die Verfassung der Republik im Allgemeinen und ihrer Bewohner im Speziellen. Sechs Jahre jünger als Angela Merkel, fünf als Martin Schulz. Mit ihm teilt er die Leidenschaft für Fußball, mit ihr die DDR-Biografie.

Während Merkel in Strasburg ihren Auftritt hat, erzählt Telzerow, dass in seiner sehr kleinen, immer stärker überalternden Stadt in der Uckermark immer mehr Menschen der Lohn oder die Rente nicht reicht. „Wissen Sie“, sagt Telzerow, als fürchte er, missverstanden zu werden, „so für das ganz normale Leben.“

Symbolbild
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Für Angela Merkel ist Strasburg Routine. Hinfahren, aussteigen, reden, Applaus, vielleicht Pfiffe und Buhs, ganz sicher ein paar Selfies – und weg, täglich zweimal, so geht Wahlkampf Version 2017. Pfeif’ auf Facebook und Twitter und Apps und all den Internetkram, so machen es alle. Merkel. Martin Schulz. Links, rechts, Mitte – egal. Selbst der große Digitalist Christian Lindner.

Wer drin ist oder sehr nah dran an diesen altmodischen, analogen Aufführungen, fühlt sich wie in der Endlosschleife. Dauernd wird der Eindruck erzeugt, es passiere in einem fort irgendetwas sehr Aufregendes. In Wahrheit passiert gar nichts. Allerdings sind drin oder dran nur 0,000… Prozent der gut 61 Millionen Wahlberechtigten.

Das normale Leben

Wie fühlt sich der Rest? Und was denkt er? Falls die Kanzlerin Recht hat oder hätte oder haben würde, muss der Zeiger auf der nationalen Befindensskala in diesem Spätsommer irgendwo zwischen „grandios“ und „phänomenal“ herumzittern. „Den Menschen in Deutschland“, hat Merkel schon im vergangenen November im Bundestag gesagt, „ging es noch nie so gut wie im Augenblick“. Und es wird, das verspricht sie nun wochenlang auf den Plätzen, alles noch besser, wenn sie nur im Amt bleiben kann. Falls Martin Schulz recht hat oder hätte oder haben sollte, dann sagt Merkel nicht die Wahrheit, lügt aber auch nicht. Wenn, das verspricht Schulz nun wochenlang auf den Plätzen, er erst Bundeskanzler ist, wird garantiert alles besser.

Klingt das wirklich alles unterschiedslos matt und fad und uninspiriert? Oder hat man es einfach nur schon so oft gehört? Und so satt?

ARCHIV - Die Langzeitbelichtung vom 17.01.2017 zeigt Leuchtspuren von PKW und LKW auf der Autobahn A2 an der Ausfahrt Lehrte in der Region Hannover (Niedersachsen). (zu "Schulz will Pkw-Maut als Kanzler abschaffen" vom 24.08.2017) Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
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Thomas Telzerow, der Mann aus Strasburg, der Landwirt gelernt hat und jetzt bei der Stadtverwaltung arbeitet und das normale Leben kennt, sagt über die Kanzlerin kein böses Wort. Auch kein gutes. Er lässt sie reden, es ist ihr Standard-Text, an keiner Stelle fühlt Telzerow sich berührt oder getroffen oder zu einer Reaktion gefordert. Er weiß, Politik ist kein leichtes Geschäft, er ist Stadtvertreter, er war im Kreistag, seine Partei ist die SPD, aber nicht aus Räson ist er für Schulz, sondern weil er findet, dass nach zwölf Jahren frischer Wind gut wäre. Frisch… Ein Wort, als spränge ein Fenster auf.

Maximal entfernt

Telzerow steht in maximaler Entfernung zur Bühne, von der Merkel spricht. Weil es trüb ist und regnerisch, ist die ausnahmsweise in einer Sporthalle aufgebaut; die Luft ist entsprechend. Die Fenster hinter Telzerow aber, Kunststoff, Isolierglas, sind zu, ihre Riegel zusätzlich mit Schlössern gesichert, man kann sie nicht öffnen. „Kein anderes Land kann so schöne und so dichte Fenster bauen“, hat Merkel einmal gesagt, als „Bild“ von ihr wissen wollte, welche Empfindungen Deutschland in ihr weckt. Fast exakt ein Jahr später war sie Bundeskanzlerin.

Durch die Fenster von Strasburg sieht Telzerow die Wut, die neu ist in diesem Wahlkampf – hören kann er sie nicht. Sie scheint hier auch viel kleiner als anderswo, vielleicht liegt das aber nur am Regen. Die Wut durchwabert die Republik, in Ostdeutschland aber ballt sie sich und richtet sich nicht allein gegen die Kanzlerin, sondern gegen die Politik insgesamt und sogar gegen die Demokratie.

Vor vier Jahren grummelte sie noch in den Wohnzimmern und Kneipen herum – jetzt zieht die Wut durch die Straßen und zürnt und grölt und mischt sich mit Parolen vom „Verrat am deutschen Arbeiter“, die von Bühnen herunterdröhnen, als hätten sie die vergangenen knapp neunzig Jahre in einer Frischhaltebox für Nazi-Phrasen überdauert.

Neu ist auch das öffentliche Erschrecken darüber, dass das doch so schön geeinte Deutschland auseinanderdriftet, schon länger, und nun etwas zu bersten droht. Nicht neu, nur üppiger ist die Hilf- und Ratlosigkeit, wenn ein Plan nicht aufgeht, wenn Gegner erfolgreicher sind als gedacht; selbst ein gestandener Kanzleramtschef blamiert sich mit der Antwort auf die Frage, ob ein Nichtwähler besser sei als einer der AfD, bis auf die eigentlich grunddemokratischen Knochen.

Und nichts von alldem verwandelt all die Tristesse in Kampf – oder wenigstens in ein Gefecht.

Alles wie vorher

Thomas Telzerow, der Mann wie aus dem Bilderbuch über die Menschen der Republik und beider Verfassung, klagt deshalb nicht. Er klagt überhaupt nicht, er hätte nur gern eine Politik für die mit dem ganz normalen Leben. Er meint damit Deutsche ebenso wie Flüchtlinge und Zuwanderer, Familien wie Alleinstehende, Arbeitende wie Arbeitslose und Rentner. Er weiß, er umreißt mit diesem Wunsch ein sehr weites Feld, er sieht die Widersprüche, die sich darauf türmen, er spürt, dass es fast unendlich viele Versionen und Vorstellungen vom normalen Leben gibt. In Strasburg im Stadtparlament, sagt er, entschieden sie nicht an Parteilinien lang, sondern mit Blick auf das, was machbar ist und sinnvoll. Schon im Kreistag sei das ganz anders, dort herrsche das Nur-wenn-du-mir-gibst-geb’-ich-dir-Prinzip; Telzerow ahnt, was das für Berlin bedeutet.

15 Tage vor seinem Ende lässt der Wahlkampf Thomas Telzerow in Strasburg zurück. Am Abend im Supermarkt geht es um Sonderangebote, nicht um die Kanzlerin oder die Wütenden oder darum, ob Merkel weg muss und, falls ja, wer dann her.

Alles ist wie vorher. Alles ist schön dicht. Von frischem Wind nicht ein Hauch.

dfg f dgh tg

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