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Bundestagswahl: Wahlkampf vor Ort: Wie Merkel und Schulz ankommen, und wen sie so alles treffen

Von In den letzten Wochen vor der Bundestagswahl reisen sie durch die Republik: Merkel, Schulz, Lindner . . . Und treffen direkt auf die, die sie wählen sollen. Beobachtungen in einem Wahlkampf, in dem vieles neu ist und seltsam.
SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nach einem Wahlkampfauftritt in Potsdam. Foto: Ralf Hirschberger SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nach einem Wahlkampfauftritt in Potsdam.
Strasburg/Potsdam/Magdeburg. 

Vielleicht braucht, wer solche Genossen hat, wirklich keine Feinde mehr. In Potsdam soll, neun Tage vor der Bundestagswahl, Martin Schulz einen Auftritt haben, so groß wie möglich. Früher hieß derlei „Kundgebung“, aber das ist den Wahlkampfmanagern für die 19. Bundestagswahl zu altmodisch. Dabei tun die Spitzenleute der Parteien, die zurück oder wieder oder neu in den Bundestag wollen, genau das: Sie geben kund, weshalb und wofür sie Stimmen begehren, aus denen sich Prozente ergeben und aus denen wiederum am Ende eine Mehrheit. Und eventuell das Kanzleramt.

Glaubt man den Vorhersagen, hat Martin Schulz am Tag neun vor der Wahl 20 Prozent der Stimmen oder 23 – so oder so aber: null Chance.

Und trotzdem steht er jetzt da, in Potsdam, alles Sicht- und Hörbare an der Kundgebung ist zumindest nicht klein, und sagt, dass er Kanzler wird. Exakt: „Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland“. So sagt er das immer. Und nie, bei keiner Kundgebung, lacht dann jemand.

Jeden Tag zwei Städte

Das darf einen schon verwirren. Einen wie Schulz, der durch die Republik fährt und fliegt, jeden Tag in zwei Städte, zu zwei Plätzen, überall vor ihm und um ihn Menschen, die ihn bejubeln dafür, dass er gebührenfreie Kitas, Ganztagsschule und sozialen Wohnungsbau wichtiger nennt als mehr Geld für Waffen; nicht, wohlgemerkt, für die Bundeswehr. Allerdings ist nicht heraus, ob das Publikum den Unterschied erkennt. Jedenfalls applaudiert es, in Potsdam.

Wie im ZDF-„Klartext“ erntet Merkel auch Widerspruch. Bild-Zoom Foto: ZDF (ZDF)
Wie im ZDF-„Klartext“ erntet Merkel auch Widerspruch.
Aber es applaudiert auch dort, wo nicht Schulz hinfährt, sondern Angela Merkel. Die Kanzlerin. Die Frau mit und aus dem Amt. Strasburg beispielsweise, eine Woche zuvor, zwei Wochen und zwei Tage noch bis zur Wahl. Auch im Osten der Republik, Uckermark, 153 Kilometer von Potsdam Richtung Norden. In Wahrheit ist Strasburg von Potsdam 6000 Kilometer entfernt, denn Potsdam boomt, und Strasburg stirbt.

Anderswo im Osten, wo auch die Landflucht grassiert und die Überalterung und das Gefühl, übersehen zu werden, nicht wichtig zu sein für die Politik, hat sich Wut entwickelt. Und bricht sich Bahn. Wenn die Kanzlerin kommt, fliegen Tomaten, wenn sie spricht, gellen Trillerpfeifen. Die AfD hat inzwischen zugegeben, dass sie den Aufruhr organisiert.

Parole auf dem Rasen

In Strasburg, knapp 5000 Einwohner klein, stand am Sonntag vor Merkels Besuch auf dem Fußballplatz des FC Einheit, 140 Meter lang und in zwei Meter großen Buchstaben, „Merkel hau ab“ und „12 Jahre sind genug“ im Rasen, Braun in Grün. Geschrieben mit Unkrautvernichter, vermutet das Polizeihauptrevier Pasewalk. Als die Kanzlerin dann aber anrollt vor die Max-Schmeling-Halle, besteht der Protest hauptsächlich aus zwei Transparenten mit ähnlichen Texten samt Trägern und zwei Damen aus Pasewalk, die Trauerflor an ihre Deutschlandfahnen gebunden haben, weil sie „gegen die Vermischung der Rassen“ sind und „weil es nicht mehr so sein wird wie früher“. Sie werde, sagt eine., die AfD wählen. „Ich bin aber kein Nazi.“

Später sagt Merkel ihrem Publikum, was sie inzwischen immer sagt über die Schreier und Pöbler und Pfeifer. Dass das alles sei, was „die Anhänger der AfD“ zu bieten hätten. Und dass das „mit Demokratie ziemlich wenig zu tun“ habe.

250 Kilometer südwestlich, in Magdeburg, pfeift vier Tage später abends ab sechs eine sehr bunte Truppe sehr schrill Richtung Domplatz und versucht, lauter zu sein als Gauland, Höcke, Poggenburg, die bekanntesten drei des rechten Flügels der AfD, die das von ihnen Bekannte von der Bühne rufen. Der Beifall zerflattert im Wind, und Regen schwemmt einen „Merkel-muss-weg!“-Versuch vom kaum zu einem Zehntel gefüllten Platz in die beginnende Dunkelheit.

In Potsdam, vier Tage darauf, hört das Publikum auch, dass es reicht mit Merkel als Kanzlerin. Je näher der Wahltag rückt, umso massiver wird Schulz. Er sagt jetzt öffentlich, was ihm sein Presseteam im Juni noch aus Interviews gestrichen hat. Er kehrt wieder zu dem Schulz zurück, der Ende Januar den Anspruch aufs Kanzleramt erhoben hat. Er imitiert die Kanzlerin, übertreibt ihre Stimmmelodie: „Deutschland ist ein starkes Land…“ Er empört sich darüber, was Merkel und die ihren aus seiner Kritik daran machen. “,Die reden das Land schlecht…’ – das hab’ ich“ – er fährt sich mit der Hand quer über den Hals – „hier oben steh’n!“.

Es ist ein seltsamer Wahlkampf. In Strasburg, eine Woche zuvor, hat die Schalmeienkapelle aus Rossow die Kanzlerin empfangen, um sie mit Musik in die Halle zu führen. Das Stück begann mit einem Paukenschlag, er klang wie ein Knall – und alle um Merkel herum zuckten zusammen. Aber niemand sagte etwas, alle taten, als sei nichts gewesen. Und dann zog die Kanzlerin ein. Und der Applaus war artig.

In Potsdam bei Schulz klatschen sie mehr und lauter und engagierter. Ungefähr so wie am Sonntag zuvor bei Christian Lindner; das boomende Potsdam, die Sehnsuchts- und Zufluchtsstadt vieler besser- bis bestverdienender Berliner, ist für die FDP perfektes Terrain. Bei Schulz trinkt das Publikum keinen Prosecco, die Stimmung ist trotzdem ähnlich; nicht ganz so aufgeräumt vielleicht – aber Schulz ist auch nicht so aufpoliert wie Lindner.

Selfies und ein Mahner

Am Ende ist der Applaus wie ersehnt. Groß. Auch die Menschentraube um Schulz herum. Es geht um Fotos, um Selfies. Es geht nicht um die Nachricht, die in die Online-Wirklichkeit schoss, als er gerade seinen Auftritt begann. Noch nicht. So wie die Dinge stünden, hat Klaus von Dohnanyi der „Welt“ gesagt, könne er Schulz nicht wählen. Nur, wenn der Rot-Rot-Grün noch vor dem Wahltag ausschließe. Dohnanyi ist für die SPD so etwas wie Heiner Geißler für die CDU war. Alt. Klug. Eigensinnig. Genosse. Und wer solche Genossen hat…

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