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Interview: Warum Korea nach dem Ende von Olympia in Pyeongchang von der Wiedervereinigung träumt

Von Wie selten zuvor in der jüngeren olympischen Geschichte standen die Winterspiele in Pyeongchang unter dem Eindruck der aktuellen Politik. Klaus Späne sprach mit dem südkoreanischen Generalkonsul in Frankfurt, Bumhym Bek, über Kriegsgefahr, Wiedervereinigung und einen Fauxpas des ZDF.
Noch vor kurzer Zeit undenkbar: Anlässlich der Olympischen Spiele treffen sich Kim Yo-jong (Mitte), die Schwester des nordkoreanischen Machthabers, sowie Kim Yong-nam (links), protokollarisches Staatsoberhaupt von Nordkorea, mit Südkoreas Präsident Moon Jae-in. Foto: YNA/dpa Noch vor kurzer Zeit undenkbar: Anlässlich der Olympischen Spiele treffen sich Kim Yo-jong (Mitte), die Schwester des nordkoreanischen Machthabers, sowie Kim Yong-nam (links), protokollarisches Staatsoberhaupt von Nordkorea, mit Südkoreas Präsident Moon Jae-in.

Herr Generalkonsul, Sie saßen in den vergangenen zwei Wochen sicher öfter als sonst vor dem Fernseher. Haben Sie die Spiele eher im koreanischen oder im deutschen Fernsehen verfolgt?

BUMHYM BEK: In beiden. Aber wenn ich ehrlich sein darf: natürlich die koreanische Sendung mehr.

Verständlich, oder gibt es dafür außer der Verbundenheit zu Ihrem Heimatland einen Grund?

BEK: Wenn ich das deutsche Fernsehen sehe, bedrückt mich die Tatsache, dass die Deutschen immer noch zu wenig von der koreanischen Kultur, Gesellschaft und Geschichte verstehen. Das ZDF hat zum Beispiel chinesische Laternen als Pyeongchang-Hintergrund benutzt. Wenn man vorher sorgfältiger geprüft hätte, beginge man solche Fehler nicht.

Die Spiele hatten ja auch eine hochpolitische Dimension. Stand eher der Sport oder die Politik im Vordergrund?

BEK: Beides ist wichtig. Zuerst ist Pyeongchang keine Sportveranstaltung mit nur Nord- und Südkorea, sondern eine mit der ganzen Welt. Wir fungieren als Gastgeber mit dem Motto Frieden und Harmonie. Parallel tragen die Teilnahme nordkoreanischer Athleten und die hochrangige Delegation aus dem Norden mit Kim Yo-jong zur friedlichen Stimmung auf der koreanischen Halbinsel bei.

Wie sehen Sie die Teilnahme Nordkoreas – nur ein einmaliger symbolischer Akt oder ein Signal für Frieden?

BEK: Unabhängig von der Absicht Nordkoreas wird die südkoreanische Regierung die Gelegenheit zum Gespräch nach unseren Prinzipien selbstbewusst nutzen und sich weiter um die Verbesserung der innerkoreanischen Beziehungen und die Denuklearisierung Nordkoreas bemühen. Nicht zuletzt zeigt Nordkorea mit der Teilnahme seine Bereitschaft, die Provokationen herunterzufahren und an den Gesprächstisch zurückzukommen.

Was heißt "nach unseren Prinzipien"?

BEK: Südkorea erwartet, dass Nordkorea keine weiteren Atom- und Raketentests durchführt und die Außenwelt nicht mehr provoziert. Das wird ein hoffnungsvolles Signal zu aufrichtigen innerkoreanischen Gesprächen. Wenn Nordkorea sein Atom- und Raketenprogramm einfriert und Länder wie die USA und China sich zusammen auf friedliche Weise um die Denuklearisierung Nordkoreas bemühen, wird dies auch zur innerkoreanischen Annäherung beitragen.

Vorher herrschte Angst vor einem Krieg zwischen den USA und Nordkorea. Hat sich das nun gelegt?

BEK: Ein Krieg bricht nicht so einfach aus, wie man redet, weil jeder weiß, welche verheerenden Folgen dieser hat. Seit dem Waffenstillstandsabkommen im Juli 1953 herrschen Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel, trotz der auftretenden Konflikte. Außerdem sind die wichtigsten Militärmächte wie die USA, China, Nord- und Südkorea um und auf der koreanischen Halbinsel konzentriert. Daher kann ein Krieg in Korea nicht leicht ausbrechen.

Und wenn doch?

BEK: Wenn ein Krieg zwischen den USA und Nordkorea ausbrechen würde, würde dieser nicht auf bilateraler Ebene bleiben. Vor diesem Hintergrund engagiert sich Südkorea dafür, durch Gespräche die nordkoreanischen Atom- und Raketenprobleme friedlich zu lösen und Frieden und Stabilität auf der Halbinsel aufrechtzuerhalten. Ich bin der Meinung, man darf diese Probleme nicht als einen Vorwand zur Gesprächsverweigerung benutzen, sondern soll über alle Möglichkeiten sprechen und nach Verbesserungsmodalitäten suchen.

Sehen Sie die Spiele und die jüngsten Äußerungen Kim Jong-uns auch als Chance für eine Wiedervereinigung?

BEK: Die jüngsten Gesten Nordkoreas sind sowohl für die friedlichen innerkoreanischen Beziehungen, als auch als Ansatz zur friedlichen Lösung der nordkoreanischen Atomprobleme von großer Bedeutung. Wenn sich solche Bemühungen anhäufen, wird vielleicht Koreas Wiedervereinigung zustande kommen. Wie wir bei der Wiedervereinigung Deutschlands gesehen haben, müssen zuerst eine grundlegende Veränderung der politischen Lage Ostasiens und die Wiederbelebung des innerkoreanischen Austausches bewerkstelligt werden, um die Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel zu verwirklichen.

Aber eine Wiedervereinigung ist doch unrealistisch angesichts eines diktatorischen Regimes in Pjöngjang, das kaum auf seine Macht verzichten dürfte. Wie wichtig ist den Südkoreanern eine Wiedervereinigung?

BEK: Beide Koreas sind gegen ihren Willen geteilt worden. Für Koreaner ist die Wiedervereinigung eine Schicksalsaufgabe. Allerdings verändert sich die koreanische Gesellschaft sehr dynamisch, und die jüngeren Koreaner haben schon unterschiedliche Sichtweisen über die Wiedervereinigung.

Das heißt, das Thema ist den Jüngeren nicht mehr so wichtig?

BEK: Um die positive Einstellung der jüngeren Generation dafür zu fördern, sollen diverse Maßnahmen ergriffen werden. Unsere Regierung setzt sich weiter dafür ein, den Willen der Jungen zur Wiedervereinigung zu stärken.

Welche Rolle spielt China, das das Regime in Pjöngjang stützt?

BEK: China versteht die Koreapolitik unter zwei Aspekten: die Beziehungen mit den USA einerseits und die geopolitische Lage in Ostasien andererseits. China weiß zu gut, dass die Verschärfung der Konflikte auch seine Sicherheit gefährdet. Es sieht so aus, dass China den Status quo will, das heißt: keinen Krieg und keine Veränderung auf der koreanischen Halbinsel. Meiner Ansicht nach betreibt China in diesem Zusammenhang gleichzeitig Sanktionen gegen als auch Gespräche mit Nordkorea.

Wie, glauben Sie, geht es nach den Spielen weiter – wird das Tauwetter zwischen Nord- und Südkorea anhalten?

BEK: Die Teilnahme Nordkoreas in Pyeongchang wird als eine Weichenstellung zur Normalisierung der innerkoreanischen Beziehungen bewertet. Besonders die hochrangige Delegation Nordkoreas, einschließlich Kim Yo-jong, ist die Reaktion auf die andauernden Bemühungen zur Wiederbelebung der Gespräche und der Friedensverankerung seitens der südkoreanischen Regierung. Mein Wunsch ist, dass das aktuelle Tauwetter beider Koreas nach den Spielen anhält und beide Seiten nun ihre Ideen zusammenbringen, um die innerkoreanischen Beziehungen zu verbessern. Mein Wunsch ist auch, durch die Gespräche die Denuklearisierung Nordkoreas sowie langfristig die Wiedervereinigung zu erreichen und ewigen Frieden und Sicherheit auf der koreanischen Halbinsel zu wahren.

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