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Einsam durch soziale Medien: Warum der fehlende persönliche Kontakt die Gesellschaft verändert

Immer mehr Menschen wohnen allein – aber das allein ist noch kein Grund für die zunehmende Einsamkeit, betont Psychiater Manfred Spitzer in seinem neuen Buch. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erklärt er, warum junge Frauen oft einsam sind und welche Wege aus der Isolation führen.
Ein Mädchen sitzt allein auf einer Treppe. Einsamkeit wird oft mit Senioren in Verbindung gebracht, doch sie betrifft alle Altersgruppen, sagt der Psychiater Manfred Spitzer. Foto: Frank Leonhardt (dpa) Ein Mädchen sitzt allein auf einer Treppe. Einsamkeit wird oft mit Senioren in Verbindung gebracht, doch sie betrifft alle Altersgruppen, sagt der Psychiater Manfred Spitzer.

Sie haben ein Buch über Einsamkeit geschrieben, in Großbritannien wurde ein Ministerium eingerichtet, das Einsamkeit bekämpfen soll. Ist das Zufall?

MANFRED SPITZER: Einerseits ja, denn das Buch war fertig geschrieben, als Theresa May damit an die Öffentlichkeit ging. Andererseits denke ich, dass sowohl mein Buch als auch das britische Ministerium eine gemeinsame Ursache haben: die Tatsache nämlich, dass soziale Isolation und das mit ihr oft einhergehende Erleben von Einsamkeit deutlich zugenommen haben.

Sie unterscheiden soziale Isolation und Einsamkeit?

SPITZER: Ja. Viele Menschen sind gelegentlich gern allein. Manche sind sozial sehr isoliert, erleben sich jedoch nicht als einsam. Umgekehrt gibt es Menschen, die sich mitten im Getümmel einsam fühlen.

Warum sind junge und alte Menschen besonders von Einsamkeit betroffen?

SPITZER: Ältere Menschen sind oft von sozialer Isolation betroffen – die Kinder sind aus dem Haus, der Partner oder Freunde sterben. Besonders betroffen sind Frauen, denn sie leben im Durchschnitt etwa sechs Jahre länger. Sie haben oft aber auch ein größeres soziales Netzwerk. Keineswegs sind ältere Menschen am stärksten von Einsamkeit betroffen, bei jüngeren Menschen, vor allem bei Mädchen und jungen Frauen, ist der Prozentsatz sogar höher! Weil sie „sozialer“ als junge Männer sind, sind sie auf das Funktionieren der Gruppe stärker angewiesen. Mobbing, „Zickenkrieg“ etc. sind die Namen für sehr stark belastende und mit starken Gefühlen der Einsamkeit einhergehende Erlebnisse.

Sie stammen ursprünglich aus Südhessen, aus Lengfeld im Odenwald. Ist die Einsamkeit nur ein Phänomen der Großstädte oder hat sie auch die Dorfgemeinschaften erreicht?

Manfred Spitzer Bild-Zoom Foto: Özlem Yilmazer (dpa)
Manfred Spitzer

SPITZER: Das ist eine sehr interessante Frage! Wer in der Stadt wohnt, der begegnet zwar vielen Menschen, kennt aber die meisten nicht. Dieser Mangel an unmittelbarem Miteinander macht uns auf Dauer einsam und sogar depressiv. Daher muss uns der weltweite Trend zur Urbanisierung zum Nachdenken bringen: Lebten im Jahr 1900 nur 13 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, so sind es heute über 50 Prozent, im Jahr 2050 werden es 70 Prozent sein. Auch auf dem Lande hat sich viel verändert: Nehmen wir das schöne Lengfeld als Beispiel: Dort gab es in meiner Kindheit noch sechs Gaststätten und man traf sich abends in „seiner Kneipe“. Heute gibt es keine mehr.

Soziale Medien machen depressiv

Sie sehen die Digitalisierung und vor allem die sozialen Medien als Hauptursachen für zunehmende Einsamkeit. Ist das nicht paradox?

SPITZER: Ja, weil der Ausdruck „soziales Medium“ paradox ist. Denn „Medium“ heißt übersetzt so viel wie „das Vermittelnde“, soziale Kontakte zeichnen sich jedoch vor allem durch ihre Unmittelbarkeit aus. Wenn wir miteinander reden, essen und trinken, Fußball oder Karten spielen, kann man einander in die Augen schauen. Man nimmt die Mimik, Gestik der anderen, ihre Sprachmelodie und sogar ihren Geruch unmittelbar mit auf, fällt sich ins Wort, lacht miteinander. Wer vor einem Bildschirm sitzt, hat das alles nicht. Deswegen machen soziale Medien nachweislich depressiv und unzufrieden.

Wäre es nicht eine Maßnahme gegen die Einsamkeit, wenn alles nicht nur online zu erledigen wäre?

SPITZER: Unser Leben wird zunehmend medial bestimmt – und wie wir mittlerweile wissen, tut dies den Menschen langfristig nicht gut. Wir werden dafür Lösungen finden müssen, und eine davon besteht sicherlich darin, weniger Zeit vor Bildschirmen zu verbringen.

Politisches Engagement gefordert

Immer mehr Menschen leben allein. In Ihrem Buch schreiben Sie aber, dass Singles nicht automatisch einsamer sind als Menschen in einer Partnerschaft. Was macht innerhalb einer Beziehung oder Familie einsam?

SPITZER: Nicht jede Beziehung ist eine gute Beziehung, nicht jede Partnerschaft ist automatisch besser als keine Partnerschaft. In meinem Buch habe ich diesem Tatbestand ein eigenes Kapitel gewidmet, vielleicht das komplizierteste im ganzen Buch. Denn obwohl Paare im Schnitt gesünder, glücklicher und länger leben, gibt es auch krank machende Beziehungen. Weil ich seit 35 Jahren als Psychiater arbeite, gehört dies zu meinem beruflichen Alltag. Die Sache ist kompliziert. Ein Beispiel: Der ältere zuckerkranke Ehemann, der von seiner Frau ständig beim Essen kontrolliert wird, erlebt seine Beziehung als nicht sehr glücklich. Er lebt aber länger, weil durch die vielen Eingriffe der Ehefrau sein Essverhalten tatsächlich gesünder wird.

Einsamkeit gehört zum Leben, wie Sie schreiben. Ab wann wird sie zum Problem?

SPITZER: Wenn sie chronisch wird. Es ist im Grunde wieder ganz ähnlich wie bei Schmerzen: Diese sind akut sehr wichtig, denn sie zeigen an, dass und wo etwas nicht stimmt oder kaputt geht. Bei chronischen Schmerzen ist aber die Anzeige selbst kaputt und wird zum Problem. Ganz ähnlich ist das bei der Einsamkeit: Akute Einsamkeit bewirkt, dass wir nach sozialen Kontakten zu suchen. Chronische Einsamkeit mit Gedanken wie „mich kann eh keiner leiden“ ist hingegen ein Problem, das man sehr ernst nehmen sollte. Denn es entsteht ein Teufelskreis von dunklen Gefühlen und Gedanken, die sich gegenseitig verstärken. Der akut vereinsamte Mensch ändert sein Verhalten, um die Einsamkeit zu bekämpfen. Chronisch einsame Menschen dagegen leben zurückgezogen, gehen nicht mehr auf andere zu, sind zuweilen auch wenig offen oder freundlich und stabilisieren damit ihr ungünstiges Erleben.

Was hilft? Musik, Sport, Waldspaziergang

Stille und Nicht-Berieseltwerden ist auch eine Voraussetzung für Kreativität. Sind die Menschen in diesem Sinne heute sogar zu selten einsam?

SPITZER: Ich würde hier nicht von Einsamkeit sprechen, denn diese ist immer unangenehm. Aber sie haben Recht: Für Kreativität braucht man Ruhe, sonst kann sie sich gar nicht einstellen. Viele Menschen sind heute zu abgelenkt, um produktiv oder gar kreativ zu arbeiten.

Wenn sich jemand einsam fühlt, was kann er tun?

SPITZER: Was immer getan wird, man muss es selbst tun! Ratschläge, Tipps oder Schulterklopfen von Dritten nützen meistens gar nichts. Es gibt aber Dinge, um junge Menschen gegen Einsamkeit gewissermaßen zu immunisieren: etwa Musik, Sport, Theater, ein Bild malen oder ein Baumhaus bauen. Wer Geige oder Fußball spielen kann, wird leicht Anschluss finden. Vor diesem Hintergrund halte ich es für problematisch, dass wir die entsprechenden Schulfächer – Musik, Sport, Theater, Werken/Handarbeiten – wenig wertschätzen und sogar streichen. Studien zeigen, dass auch der Aufenthalt in der Natur aus uns freundlichere, offenere und sogar hilfsbereitere Menschen macht.

Man kann also durch einen Waldspaziergang Einsamkeit bekämpfen! Und auch wer anderen hilft, etwa bei einer Tafelspeisung, wird dadurch weniger einsam.

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