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Im Mantel der Geschichte: Warum die "Generation Kohl" erst allmählich verstand, was den Kanzler antrieb

Von Helmut Kohl hat 16 Jahre Deutschland regiert. So lang wie kein anderer. Viele von denen, die unter ihm groß wurden, verstanden erst spät, was er wollte.
Symbolbild Symbolbild
Frankfurt. 

Als Helmut Kohl 1982 Bundeskanzler wurde, begannen die, die später sagen sollten, sie hätten große Teile ihrer Jugend unter Kohl gelebt, gelitten oder gefeiert, gerade erwachsen zu werden. Im Radio sang die „Spider Murphy Gang“ vom „Skandal im Sperrbezirk“, Nicole verlangte nach „Ein bisschen Frieden“ und Markus schrie gut gelaunt: „Ich will Spaß“. Nur „BAP“ wussten schon damals, dass das alles einmal „Verdamp lang her“ sein würde. Geschichte eben.

Heile Familie, heile Welt? Helmut Kohl mit Frau und Söhnen.
Info: Aus Geld wurde Bimbes

In Helmut Kohl sah ich einst immer auch einen Teil meines Vaters – beide waren Jahrgang 1930. Kohl repräsentierte für mich damals exakt die Generation meiner Eltern.

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Vielleicht ist es das, was viele, die damals jung waren, heute am ehesten mit Kohl verbinden: Alles, was ihn betraf, was ihm wichtig war, wofür er sich einsetzte, hatte mit Geschichte zu tun. Er sprach es pfälzisch aus, so dass es stets ein bisschen zischelte: „Gessisste“. 1982 hat niemand geahnt, dass er sich einmal in ihren Mantel hüllen würde. Im Gegenteil. Einer wie Kohl, dachte man, wird nie in die Geschichte eingehen. Wir irrten.

Immer so weiter

Im Grunde ging uns Kohl gar nichts an. Seine Reden waren fad. Was er sagte, kam uns banal und kleinbürgerlich vor. Platt, humorlos. Er schien aus der Welt von gestern zu kommen. In der trug man noch Hut. In der durfte der Patriarch – ohne peinlich zu sein – in Oggersheim wohnen und sonntags mit der „Famillje“ (Kohl) Saumagen futtern. Heile Welt. An der Schule hingegen herrschte der Geist der Nach-68er. Lehrer waren links, Demos halbwegs schick. Auch die Lichterkette gab es noch. An der Goethe-Uni spukten die Zottelbärte von der marxistischen Gruppe unverdrossen weiter, ein paar grüne Mädels strickten ihre Pullis selbst, obwohl die Popper sich längst wieder die Haare kämmten, bevor sie zur Party gingen, und Wert auf ordentliches Schuhwerk legten. Das gefiel den Punkern nicht. Bald kamen die Yuppies.

Und Helmut Kohl? Den sahen wir höchstens im Fernsehen, und alle vier Jahre auf Plakaten, ein Mann mit viereckiger Brille, Anzug und gestreiftem Schlips. Drunter stand: „Für Frieden und Freiheit“, „Sicher, sozial und frei“, „Weiter so, Deutschland“. Natürlich, was denn sonst? Das war doch klar: Alles würde so weitergehen. Wenn es eine „Generation Kohl“ je gab, dann verband sie eines: die Gewissheit, dass es so bleiben würde – sicher, sozial und frei. Man lachte über „Birne“, ansonsten machte jeder, was er wollte. Hatte Kohl Visionen? Farbfernseher für alle plus drei Wochen Neckermann-Urlaub. Wie langweilig! Eine Utopie für alte Leute. Wir verstanden Kohl nicht.

Bilderstrecke Helmut Kohl: Spuren des Frankfurter Ehrenbürgers in der Mainmetropole
In unserer Bildergalerie zeichnen wir Altkanzler Helmut Kohls Spuren in Frankfurt nach. Er verstarb am Freitag (16.06.) im Alter von 87 Jahren.

<br><br><b>1999</b><br><br> Bundeskanzler Helmut Kohl (l.) und der hessische CDU-Landesvorsitzende Roland Koch essen in der Frankfurter Kleinmarkthalle eine Fleischwurst bei Frau Schreiber.<b>1999</b><br><br> Alt- Bundeskanzler Helmut Kohl trägt sich in der Frankfurter Paulskirche neben der ehemaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth  in das Goldene Buch der Stadt ein. Zuvor erhielt Kohl die Ehrenbürgerschaft der Stadt Frankfurt. Nach Darstellung der Stadt wurde mit Kohl ein europäischer Staatsmann gewürdigt, der sich um die Stadt besondere Verdienste erworben habe. Seiner Tatkraft sei es unter anderem zu verdanken, dass Frankfurt Sitz der Europäischen Zentralbank wurde.<b>1979</b><br><br> Wahlplakate zur Europawahl der CDU und der SPD mit Bildern von den Kontrahenten Helmut Kohl und Willy Brandt hängen in Frankfurt am Main.

Während er immer vom Krieg sprach, vom Wiederaufbau unter Adenauer und der Bindung an den Westen, von Europa und den „Lehren aus der Gessisste“, kam es uns gerade so vor, als sei die Geschichte doch schon zu Ende: Alles gut. Freiheit und Demokratie befanden sich weltweit auf dem Vormarsch. Krieg? In der Dritten Welt. Doch Kohl redete trotzdem weiter von Frieden, Freiheit, Wohlstand. Warum nur? Die gab’s doch schon, das war real, hier und jetzt. Das andere war hinter der Mauer: der Sozialismus, die Trabis, der Russe. Solange die Amis unsere Freunde waren und wir die besseren Panzer hatten, war der „Ivan“ nur ein Albtraum von Vätern und Großvätern. Und außerdem: Über die Nazis wussten wir alles. Das war für immer vorbei. Wir verstanden Kohl nicht.

Die späte Geburt

Die „Generation Kohl“ lebte in dem Gefühl, behütet zu sein, in dem Glauben, für sie sei gesorgt. Was war denn die „geistig-moralische Wende“ anderes als ein ideologisches Nahrungsergänzungsmittel für ein Land, das immer strebend sich bemühen sollte, weil Leistung sich lohne und jeden, der fleißig war, mit noch mehr Wohlstand erlösen würde? Und als Kohl schalt, Deutschland sei kein „kollektiver Freizeitpark“, rieb sich die „Generation Kohl“ die Augen, weil sie dachte, das sei es doch gewesen, worauf der Kanzler immer gezielt habe: Farbfernseher für alle plus drei Wochen Neckermann.

Helmut Kohl. Foto: dpa
Weirich am Montag Kommentar: Kohls Donnerstrahl

Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens. Ein Gefühl, das ich gegenüber Helmut Kohl, dem Architekten der deutschen Einheit, empfinde.

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Die „Generation Kohl“ hat ihren Kanzler lange Zeit nicht verstanden. Sie teilte zwar mit ihm die „Gnade der späten Geburt“. Aber was für ihn historisch errungene bürgerliche Werte waren, das wurde für sie zunehmend eine Frage des Preises. Wo Kohl quasi geschichtsphilosophisch aus den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts ableitete, warum ein einiges Europa das beste Fundament sei für das Versprechen der CDU – „sicher, sozial und frei“ –, erschien das der „Generation“ in seinem Namen wie intellektuelles Baldrian aus der Hausapotheke eines deutschen Biedermanns. Bis der Tag kam, da die deutsche Wiedervereinigung den unverstandenen Kanzler in den Mantel der Geschichte kleidete.

Denn es zeigte sich, welche Energie, welche revolutionäre Kraft diese vermeintlich so kleinkarierte, beschauliche Kohl’sche Glücksverheißung zu mobilisieren vermochte. Während die, die sich im Genuss ihrer Segnungen längst befanden, sie für selbstverständlich zu nehmen gewohnt waren, riskierten die anderen, die sie entbehren mussten, enormen Einsatz, um sie zu erlangen. Erst jetzt begann die „Generation Kohl“ zu begreifen, was den Mann antrieb. Im Licht der historischen Umwälzung erschien sein Starrsinn als Beharrlichkeit, Beschränktheit als Zielstrebigkeit, kleinlicher Konservatismus als aufrechter Bürgersinn. Was Kohls Not gewesen war, wurde seine Tugend.

Die Helmut-Rufe des Ostens belehrten den Westen, dass verstiegene Utopien schneller in die gesellschaftliche Katastrophe führen als Träume vom Glück in der Gartenlaube. 1998, als Kohl abtreten musste, sangen Joachim Witt und Peter Heppner den Hit des Jahres: „Die Flut“. Der düster-apokalyptische Song feierte das Irrationale, beschwor die dunkle Sehnsucht nach einem anderen großen Leben. Nun, da diese Flut das Europa der Vernunft bedroht, hat die „Generation Kohl“ endgültig verstanden, wie wertvoll sein Erbe ist.

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