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Vermisste Inhalte: Was Auslandskorrespondenten in Berlin über den deutschen Wahlkampf denken

Von Das politische Deutschland kreist derzeit im Wahlkampf um sich selbst – von den Korrespondenten ausländischer Medien interessiert beäugt.
Duell? „Duell heißt für mich: Zwei Kontrahenten, zwei Waffen und einer liegt zum Schluss tot am Boden“, findet Berlin-Korrespondent Derek Scally. Foto: Dpa (dpa) Duell? „Duell heißt für mich: Zwei Kontrahenten, zwei Waffen und einer liegt zum Schluss tot am Boden“, findet Berlin-Korrespondent Derek Scally.
Frankfurt. 

Derek Scally möchte das sogenannte Kanzlerduell am liebsten so schnell wie möglich vergessen. „Duell heißt für mich: Zwei Kontrahenten, zwei Waffen und einer liegt zum Schluss tot am Boden. Die beiden waren eher untot für mich. Die Lebenszeit bekomme ich nie wieder“, so das harte Urteil des Korrespondenten der „Irish Times“ aus Dublin über das „Duell“ zwischen Kanzlerin Angela Merkel und ihrem sozialdemokratischen Herausforderer Martin Schulz.

Benedict Neff, Korrespondent der „Neuen Züricher Zeitung“ in Berlin Bild-Zoom Foto: zz
Benedict Neff, Korrespondent der „Neuen Züricher Zeitung“ in Berlin

Und dass Wahlkampfzeiten sind, fällt Benedict Neff, Korrespondent der „Neuen Züricher Zeitung“, nur deshalb auf, weil überall die Plakate der Parteien „herumhängen“. Was aber eindeutig fehle, so Neff weiter, sei eine kontroverse Debatte um die Zukunft Deutschlands. Und die Schuldigen dafür, hat er ausgemacht: Das liege vor allem an der SPD und Martin Schulz. Er sei kein ernsthafter Herausforderer. „Seine politische Agenda ist mit derjenigen Angela Merkels praktisch identisch“, sagt Neff. Im TV-Duell sei das noch einmal sehr deutlich geworden. Schulz habe extrem Mühe gehabt, sich inhaltlich von Merkel abzusetzen. Die Konsequenz daraus: Das „große Nicken“.

Dass will Erik Kirschbaum, politischer Beobachter für die Nachrichtenagentur Reuters und die „Los Angeles Times“, so nicht stehen lassen. Für ihn ist der Wahlkampf „spannend“, weil sich nach der Wahl so viele Regierungskoalitionen ergeben könnten. „Schade“ findet er es aber, dass die Union so weit vor der SPD liege. Kirschbaum kommt weiter zu dem Schluss, dass Angela Merkel im Gegensatz zu Schulz einen kämpferischen Wahlkampf führe. „Die lauten Buhrufe bei manchen Veranstaltungen, vor allem in Ostdeutschland, und das Duell gegen Schulz haben sie anscheinend nur stärker gemacht“, so der Auslandskorrespondent. Wer am 24. September der Wahlsieger sein wird, darüber will Kirschbaum nicht spekulieren. Auch wenn Merkel schon anscheinend uneinholbar davongezogen sei, könnte sich das noch ändern, so Kirschbaum und erinnert an die Aufholjagd von Gerhard Schröder (SPD) im Bundestagswahlkampf 2005. Wichtig wäre aber nach dem 24. September vor allem, dass Deutschland weiter ein „Hafen der Stabilität“ bleibe.

Erik Kirschbaum, Berlin-Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters und der „Los Angeles Times“ Bild-Zoom
Erik Kirschbaum, Berlin-Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters und der „Los Angeles Times“

Derek Scally hat sich die beiden Top-Leute im Wahlkampf genauer angesehen. Bei Merkels Auftritten sei auffällig, wie sehr sie „Hoffnung“ verkaufe. Auffällig sei auch wie – jenseits der eingeladenen Gästen und gut organisierten AfD-Empörten – relativ wenig „Normalos“ bei ihren Auftritten vorbeischauen. So sei vor kurzem in Quedlinburg ein Drittel des Marktplatzes leer gewesen, als Merkel einen Auftritt hatte. Offenbar sei die Kanzlerin im Osten nicht mehr die große Attraktion.

Anspruchsmentalität

Bei Martin Schulz fällt Scally ein, das dieser zwar „Emotion“ könne, aber bei seinen Inhalten falle er oft in die „Darf-nicht-sein“-Empörungsschablonen zurück. Scallys Reaktion darauf: „Es darf doch sein, über Kinderarmut bis hin zu schlechten Aufstiegschancen zu reden.“ Auch habe Schulz das Hauptproblem der SPD nicht gelöst. Man könne Reformen, wie zum Beispiel die Agenda 2010, niemals hinter sich lassen, wenn man keinen Frieden damit gemacht habe.

Schulz, so Scally weiter, habe zwar den „Anspruch“, Kanzler zu werden, aber „Anspruchsmentalität“ reiche für diesen Job nicht aus. Aber warum, so fragt er weiter, sollten deutsche Wähler die Führung austauschen? Schulz kämpfe um die politische Mitte, die bereits von einer „Mitte-Kanzlerin“ besetzt sei. Die Antwort gibt Scally gleich selbst: „Why change a winning team?“ („Warum ein Gewinnerteam auswechseln?“)

Derek Scally ist politischer Korrespondent der Zeitung „The Irish Times“ in Berlin. Bild-Zoom
Derek Scally ist politischer Korrespondent der Zeitung „The Irish Times“ in Berlin.

Auch Scallys Kollege Neff vermisst an Schulz die „politischen Inhalte“, die ihn von Merkel unterscheiden würden. „Kein Mensch in Deutschland weiß, wieso er Kanzler werden will, wo er Merkels Politik doch mehrheitlich gut findet“, sagt Neff und kommt zu dem Schluss: Bei aller rhetorischen Begabung von Schulz, schlechter könne ein Wahlkämpfer fast nicht sein.

„Schulz verließ sich im Wahlkampf zu lange auf seine Biografie als Unterscheidungsmerkmal: Buchhändler aus Würselen, Ex-Alkoholiker, schlechter Schüler, einfacher Mann – das allein reicht nicht aus, um Kanzler zu werden“, so Neff. Merkel sei zwar keine gute Rednerin, aber sie agiere geschickt. Bisher habe sie in diesem Wahlkampf keinen Fehler gemacht. „Sie hat es nicht einmal nötig, mitreißende Reden zu halten“, so Neff.

In der Opposition erholen

Folglich werde die Union die große Siegerin sein. Sie sei wie ein Schwamm, der alles aufsauge. Das lasse sich etwa an Merkels Flüchtlingspolitik zeigen. „Wer diese gut findet, wählt die Union. Wer sie nicht gut findet, wählt vermutlich auch die Union.

Merkel ist im deutschen Spektrum Flüchtlingskanzlerin und Asylhardlinerin gleichzeitig“, sagt der Korrespondent der „NZZ“. Die SPD habe dagegen „einen mutlosen Wahlkampf“ geführt und könne sich nur noch in der Opposition regenerieren.

Neben der CDU heißen für Neff die Gewinner: AfD und FDP. „Beide kämpfen um Platz drei und werden den Einzug in den Bundestag sehr wahrscheinlich schaffen. Damit dürfte der Mitte-Rechts-Block im Bundestag generell zulegen“, vermutet er. Die Grünen dürften am Ende noch froh sein, „wenn sie die Fünf-Prozent-Hürde packen“. Ihre moralistische Politik auf den Nebenschauplätzen des täglichen Lebens scheine etwas an Konjunktur verloren zu haben.

Im Gegensatz zu Angela Merkel. Sie habe eine enorme Bedeutung – in Irland. „Frau Merkel wird bei uns als die letzte erwachsene Führungspersönlichkeit betrachtet. Deshalb sehen die Iren die Wahl eher als Volksabstimmung über Ihr weiteres Wirken“, stellt Scally fest.

Er spüre aber auch wie viele Leute Frau Merkel eher aus Resignation als Begeisterung wiederwählen wollen. „In einer großen, lebendigen Demokratie wie Deutschland scheint mir so ein Zustand mehr als bedenklich“, macht sich Scally Sorgen.

Im Gegensatz zu Neff, der meint, dass die Welt der Bundestagswahl entspannt entgegenblicken kann. „Denn wie sie auch ausgeht, es wird sich nicht viel verändern“, so die Einschätzung von Neff.

Dabei denkt Scally noch einmal an das „Kanzlerduell“. Dabei fällt ihm wieder Schulz ein. Dessen Drogen hätte er auch gerne, wünscht er sich: „I’ll have whatever drugs he’s having . . .“

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