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Nur noch hinter vorgehaltener Hand: Was Kommunikationsberater Dirk Metz von Kretschmanns Wutrede auf Youtube hält

Von Auf dem Parteitag der Grünen ließ Baden-Württembergs Ministerpräsident, Winfried Kretschmann, seiner Meinung über einen Beschluss seiner Partei freien Lauf. Dabei entstand ein Videomitschnitt mit Folgen.
Unternehmensberater Dirk Metz, früher hessischer Regierungssprecher, findet die Entwicklungen bedenklich. Foto: Franziska Kraufmann (dpa) Unternehmensberater Dirk Metz, früher hessischer Regierungssprecher, findet die Entwicklungen bedenklich.
Frankfurt. 

Winfried Kretschmann (Grüne), seines Zeichens Ministerpräsident in Baden-Württemberg, avancierte vor einer Woche zum Youtube-Star. Ein Mitschnitt seiner Schimpftirade auf Anton Hofreiter, Fraktionschef der Grünen im Bundestag, und die Bundestagsfraktion der Bündnisgrünen bescherte ihm fast 600 000 Aufrufe in dem Videoportal.

Der Chef des Autolandes Baden-Württemberg hatte über „Schwachsinns-Termine“ für einen Zulassungsstopp für Autos mit Verbrennungsmotoren wortreich abgelästert. Per Videoschnitt landete sein Wutausbruch aber auf Youtube.

Und das findet Dirk Metz äußerst bedenklich. Der gebürtige Siegener Metz war hessischer Regierungssprecher während der Ära von Roland Koch. „Ich finde diesen Vorgang beängstigend. Es besteht die Gefahr, dass ein offenes Wort von führenden Persönlichkeiten in Politik, Wirtschaft und Sport nicht mehr möglich ist“, sagt Metz. Und das hat für ihn auch Auswirkungen. Metz befürchtet nämlich, dass zum Beispiel Wirtschaftsbosse in der Öffentlichkeit unter diesen Umständen nur noch verklausuliert oder hinter vorgehaltener Hand reden. Nach Ansicht von Metz, der heute als Kommunikationsberater Unternehmen und Verbände berät, muss es auch weiterhin möglich sein, unter vier Augen Tacheles zu reden, ohne dass später ein Mitschnitt eines solchen Gespräches öffentlich die Runde macht.

Metz geht nicht davon aus, dass Kretschmann das Youtube-Video geschadet hat. Im Gegenteil. Metz vermutet, dass sich der baden-württembergische Ministerpräsident als Klartextredner und Kämpfer für die Interessen des Autolandes Baden-Württemberg profilieren konnte. Die Grünen stünden allerdings als uneinig da. Ihm geht es in diesem Zusammenhang nicht um Verbote, sondern vielmehr um eine Selbstverpflichtung. „Flapsige Bemerkungen sind doch normal, in jedem Verein, in jeder Schule, in jedem Unternehmen, nicht nur in der Politik. Und dabei sollte nicht jedes Wort unter vier Augen öffentlich werden“, so Metz.

Entlarvungspolitik

Politik müsse ohnehin immer versuchen, sich hinter einer Position zu versammeln, um geschlossen nach Außen aufzutreten. Aber vorher müssten unter vier oder sechs Augen offene und konfrontative Worte möglich sein, ohne Gefahr zu laufen, „geoutet“ zu werden.

Schützenhilfe bekommt Metz von der Politik. So spricht Boris Palmer, Grüner und Bürgermeister von Tübingen, von einem „Skandal, dass jemand so etwas aufnehme“. Dabei gehe es ihm nicht um den wenig aufregenden Inhalt der Wutrede Kretschmanns, sondern Palmer stört vielmehr die Art und Weise der Aufzeichnung. Das stört auch Thomas Strobl, Kretschmanns Stellvertreter als Ministerpräsident und stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender.

Ein Stuttgarter Regierungssprecher sieht in dem Vorfall sogar einen Fall von „medienpolitischer Bedeutung“. Der unerlaubte Mitschnitt habe nichts mehr mit Journalismus zu tun, sondern offenbare Entlarvungspolitik und einen sittenwidrigen Lauschangriff.

Der Hamburger Journalistikprofessor Volker Lilienthal, sagte gegenüber dem Deutschlandfunk, dass die Videoaufnahme Authentizität widerspiegele. Überhaupt, so Lilienthal weiter, sei im Fall Kretschmann „viel Politik drin, sondern weniger Recht“. Und Lilienthal stellt die Frage, ob es auf einem öffentlichen Parteitag ein nicht-öffentliches Gespräch geben kann? Seine Antwort: Es sei bestimmt kein privates Gespräch gewesen. Vielleicht ist es in solchen Fällen auch besser, die Protagonisten nehmen die Hand vor dem Mund.

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