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Der Historiker Michael Wolffsohn über den Kampfbegriff: Was ist Populismus?

Mit dem Historiker Michael Wolffsohn sprach unser Autor Dieter Hintermeier über den inflationär benutzten Begriff „Populismus“ und wie dieser in der politischen Diskussion immer wirkungsloser wird.
Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer ist für viele der Inbegriff eines Populisten. Aber er sieht die Bezeichnung eher als Ehrentitel. Foto: Peter Kneffel (dpa) Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer ist für viele der Inbegriff eines Populisten. Aber er sieht die Bezeichnung eher als Ehrentitel.

Herr Professor Wolffsohn, der Begriff „Populismus“ ist in Deutschland in aller Munde. Ist er mittlerweile zum Kampfbegriff in der politischen Diskussion geworden?

MICHAEL WOLFFSOHN: Kampfbegriffe kommen und gehen, gesellschaftliche Kämpfe bleiben. Immer und überall. Einen namentlichen Erfinder des Begriffs gibt es, wie so oft bei Schlagworten, aber nicht. Sie bürgern sich ein. Oder auch nicht. Dieser hat sich eingebürgert.

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Michael Wolffsohn

Dass der Begriff Populismus bei uns eingebürgert ist, kann man wohl sagen. Was wollen seine „Benutzer“ damit erreichen? Wer soll damit getroffen werden?

WOLFFSOHN: Das ist politisches Boxen. Der jeweilige politische Gegner soll damit nicht nur getroffen, sondern sozusagen k. o. geschlagen werden. Das Schmähwort „Populist“ ist selten Argument und fast immer eine politische Keule.

Können die Begriffe „Populist“ und „Faschist“ synonym verwendet werden, wie es Linke gerne tun? Oder anders gefragt: Wie weit ist der Populist vom Faschisten entfernt?

WOLFFSOHN: Bis vor einigen Jahren war das Schmähwort „Faschist“ die gängige politische Keule. Die hat sich abgenutzt, zumal manche der tatsächlichen oder vermeintlichen Populisten eben keine „Faschisten“ sind, womit man in Deutschland vor allem Nazis meint.

Aber warum ist Populismus in Deutschland nur negativ besetzt? Die Historie verbindet mit diesem Begriff doch auch positive Aspekte.

WOLFFSOHN: Ja, Populismus ist im politischen Vokabular negativ besetzt. Der Wortbedeutung nach besagt „Populist“ eigentlich nichts Anderes als „Demokrat“, nämlich eine Person, die Wünsche aus dem Volk beziehungsweise des Volkes aufgreift. „Populus“ bedeutet im Lateinischen Volk. Das griechische Wort für Volk heißt „demos“. Daraus folgt: Wenn ein Demokrat jemanden als Populisten beschimpft, beschimpft er eigentlich sich selbst und gibt zu: Ich widerspreche dir, aber habe keine Argumente. Das wiederum heißt: Er oder sie setzt sich nicht mit den Inhalten seines Gegners auseinander, seien sie richtig oder falsch. Und daraus folgt wiederum: Durch die Dummheit von Demokraten bekommen sogenannte Populisten Oberwasser.

Gab es in früheren Zeiten der Bundesrepublik schon Populisten beziehungsweise populistische Parteien?

WOLFFSOHN: Die ersten Populisten der Geschichte waren die Demokraten im antiken Athen, denn sie nahmen Volkes Willen ernst. Womit wir einmal mehr erkennen, dass dieser Kampfbegriff unsinnig ist. Man vergesse aber nicht, dass Volkes Wille nicht automatisch Freiheit bedeutet. Volkes Wille brachte jüngst in Österreich die FPÖ an die Tore, Erdogan und Putin sowie vor gar nicht so langer Zeit Adolf Hitler direkt an die Macht. Schrecklich, aber wahr: Es gibt auch demokratisch abgesicherte Diktaturen.

Was macht nun den Populisten von heute aus?

WOLFFSOHN: Dass er oder sie beschimpft wird. Ob zurecht oder nicht hängt von sachlicher Prüfung ab.

Offenbar hat der Begriff „Populist“ die „Auschwitzkeule“ in unseren Breiten als Totschlag-Argument abgelöst?

WOLFFSOHN: Nicht immer, aber oft. Übrigens war ich 1988 sozusagen der Erfinder des Begriffs Auschwitzkeule. Damit wollte ich ausdrücken: Nutzt Argumente, nicht Worthülsen.

Zählen die Populisten zum Pöbel der Bevölkerung, im Gegensatz zu den „guten Demokraten“?

WOLFFSOHN: Zum Demos, also Volk, zählen immer alle. Die Guten, Dummen, der Pöbel und so weiter. Doch wer bestimmt, wer in welche Gruppe gehört? Das ist oft verdammt dünkelhaft.

Glauben Sie, dass der Kampfbegriff „Populist“ in der politischen Auseinandersetzung die Menschen überhaupt noch beeindruckt?

WOLFFSOHN: Begriffe sind wie Geld: Je mehr im Umlauf, desto wertloser. Man nennt das Inflation.

Koalition mit dem Volk?

Der Begriff Populismus ist, wie Michael Wolffsohn sagt, wirklich ein Kampfbegriff und Schmähwort in der politischen Arena, was strenggenommen in einer Demokratie gar nicht nachvollziehbar ist.

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Michael Wolffsohn, Zivilcourage: Wie der Staat seine Bürger im Stich lässt, dtv Sachbuch, 96 Seiten, 2. Auflage 2016, 7,90 Euro
Das Buch ist auch als E-Book erhältlich
 
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