Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 13°C

Interview mit einem Datenexperten: Was künstliche Intelligenz mit uns macht

Von Viele Menschen können es sich kaum mehr vorstellen, ohne ihr Smartphone zu leben. Aber auch andere sind nicht davor gefeit, zunehmend von technischen Systemen erfasst zu werden. Der Datenexperte Joachim Jakobs schildert in einem neuen Buch, was alles möglich ist. Sein Werk, „Vernetzte Gesellschaft. Vernetzte Bedrohungen“, erscheint morgen.
Die biometrische Erfassung eines Auges ist möglich, aber auch der Diebstahl dieser Daten. Bilder > Foto: (69502341) Die biometrische Erfassung eines Auges ist möglich, aber auch der Diebstahl dieser Daten.

Als ich Ihr Buch las, war ich erschrocken, wie leicht Hacker computergesteuerte Technik übernehmen können, beispielsweise Autos oder die Geräte in einem Haus. Richtig schockiert war ich über folgende Aussage: Sie schreiben, Bürger müssten in Zukunft überhaupt keine Smartphones mehr besitzen, damit Fremde ein Bewegungsprofil von ihnen erstellen könnten. Denn sie könnten anhand biometrischer Merkmale erkannt werden. Wie funktioniert das?

<span></span>
Zur Person: Joachim Jakobs

Joachim Jakobs ist Industriekaufmann und Diplom-Betriebswirt und arbeitet als freier Journalist. Er war zuvor als Pressesprecher tätig, und zwar für verschiedene Institute der

clearing

JOACHIM JAKOBS: Wir sprechen gerade per Telefon. Die Worte lassen sich durch Computer in ihre Lautbestandteile zerlegen. Die Inhalte werden erkannt, in einen Kontext gestellt. Das ergibt ein Sprachprofil von Ihnen und mir. Das heißt, Sie können künftig anhand Ihrer Sprechweise erkannt werden, wenn es jemand darauf anlegt. Technisch ist das möglich. Dasselbe gilt für Ihr Antlitz: Wer Überwachungskameras unter seine Kontrolle bringt und sie miteinander vernetzt, kann Sie theoretisch überall wiedererkennen. So gibt es alle möglichen Merkmale, auch Geruchssensoren, die einen Menschen anhand seiner Ausdünstung erkennen können.

Ist das wirklich so genau möglich?

JAKOBS: Die Detailtiefe dieser Sensoren steigt ständig, die Technik schreitet voran. Wir müssen uns also Gedanken machen, wohin das führen kann. Bislang kann ich aber nicht erkennen, dass sich jemand damit befasst: Die Industrie will verkaufen, die Banken wollen effizient Geschäfte abwickeln, und der Staat will überwachen. Jeder dieser Interessenten versucht, das Profil eines Menschen so weit es geht zu nutzen, auch Arbeitgeber und Einzelhändler.

Ist das alles Zukunftsmusik oder wird die biometrische Erkennung heute schon genutzt?

JAKOBS: In den USA werden in den Bussen Mikrofone aufgehängt – neben den Überwachungskameras. Das ist nicht nur möglich, es wird getan. Vor allem, wenn wieder einmal etwas passiert ist.

Sie sprechen von einem terroristischen Anschlag?

JAKOBS: Ja. Wir diskutieren hierzulande ja über die Vorratsdatenspeicherung, also das Erfassen von Telekommunikationsdaten. Aber warum sollen denn nur diese Daten gespeichert werden?

Sie sprechen in Ihren Buch dem Staat generell die Fähigkeit ab, Datensicherheit zu gewährleisten.

JAKOBS: Der Staat müsste eigentlich als Anwalt der Bürger auftreten. Aber de facto meint der Staat kein Interesse daran zu haben, denn er will ja überwachen.

Gibt es einen Ausweg aus dieser Situation? Das hat sich ja sehr pessimistisch an.

JAKOBS: Wir müssten darüber diskutieren, wo die Grenze zwischen Freiheit und Sicherheit ist. Wir schauen immer nur von einer Wasserstandsmeldung auf die nächste. Auf diese Weise werden wir weiter in diese Entwicklung hinein stolpern. Wir brauchen eine Diskussion darüber, welche Verantwortung die Beteiligten tragen. Die Beteiligten sind die Menschen, welche die Entscheidung in Politik und Wirtschaft fällen, aber auch diejenigen, die auf Basis dieser Entscheidung anschließend Software entwickeln, implementieren, administrieren oder nutzen, um vernetzte Geräte zu steuern oder personenbezogene Daten damit zu verarbeiten.

In Ihrem Buch kritisieren Sie die Gesundheitskarte, die jeder Versicherte zum Arztbesuch braucht. Sie fordern, dass diese Karten wieder eingestampft werden. Warum?

JAKOBS: Es gibt einen Arzt und Informatiker, Ralph Heydenbluth, der fürchtet, dass die Patientenakten eines Tages im Internet herumgeistern werden und abgefragt werden könnten. Das wäre der GAU für das Gesundheitswesen und die Versicherten. Diese Daten ließen sich dann nicht mehr zurückholen, sie wären veröffentlicht. Es gab keine Diskussion darüber, welches Sicherheitsniveau wir brauchen und wie verschlüsselt wird. Ich fürchte auch, dass die Menschen einfach von der Technik überfordert sind.

Das System der Gesundheitskarte ist also unsicher?

JAKOBS: Über die Technik kann ich kein Urteil abgeben, ich bin kein Techniker. Aber mir scheint, dass Kritiker wir Herr Heydenbluth nicht genug gehört werden. Angesicht der Risiken, die damit verbunden sind, müssen wir hier ein höheres Sicherheitsniveau haben als bei einer stinknormalen Handy-App. Immerhin werden Millionen von Versicherten dazu verpflichtet, die Karte zu nutzen.

Auch der neue Personalausweis mit der Online-Funktion kommt bei Ihnen nicht gut weg.

JAKOBS: Beim Personalausweis ist nicht klar, ob er ein Werkzeug sein soll, das den Menschen oder der Überwachung dient. Technisch ist es möglich, jeden Mausklick und jeden Tastaturanschlag zu verfolgen. Der Staat hat nicht gesagt, dass er das nicht tun wird. Die Software zum Personalausweis ist proprietär, das heißt, kein unabhängiger Experte kann überprüfen, was sie tut.

Was gehen Sie persönlich mit der fortschreitenden Technik und der Entwicklung der künstlichen Intelligenz um? Wie versuchen Sie sich zu schützen?

JAKOBS: Ich versuche, wann immer es geht, von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Ich nutze ein uraltes Handy. Ein Smartphone nehme ich nur, wenn ich unterwegs bin und mobil aufs Internet zugreifen möchte. Das ist dann aber eines, auf dem keine Telefonnummern gespeichert sind. Ich nutze freie Software, weil diese von Dritten geprüft werden kann, ob eine Hintertür eingebaut ist. Aber ich gebe zu, das ist im Verhältnis zu den Möglichkeiten, die gegeben sind, nicht besonders wirksam. Ich müsste ja auch schauen, wie meine Dienstleister mit meinen Daten umgehen. Das kann ich nicht prüfen. Ich hoffe halt, dass ich weniger auffalle als meine Mitmenschen, die auf alles klicken, was ihnen vor die Maus kommt.

Joachim Jakobs, „Vernetzte Gesellschaft. Vernetzte Bedrohungen. Wie uns die künstliche Intelligenz herausfordert“, Cividale-Verlag, 350 Seiten, 21,90 Euro (erscheint am 30. September). Das E-Book kostet 11,99 Euro.

Zur Startseite Mehr aus Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse