Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Grenzmauer und Autobahnzaun: Westjordanland: „Eine Schule wie ein Gefängnis“

Von Eingezwängt zwischen Mauern und Zäunen harren Schüler und Lehrer einer High School im Westjordanland aus. Deutschland hilft, damit zumindest die Kinder nicht unter der „großen Politik“ leiden müssen.
Obaida Majed (16, links), Schüler der 11. Klasse aus At Tira, und seine Klassenkameraden. Foto: Rüdiger Nehmzow Obaida Majed (16, links), Schüler der 11. Klasse aus At Tira, und seine Klassenkameraden.
Westjordanland. 

Als die Schule 1954 fünf Kilometer von der Grenze zu Israel entfernt errichtet wurde, lag sie noch idyllisch zwischen Olivenhainen und zwei palästinensischen Dörfern, At Tira und Beit Ur al-Fauqa, und gehörte zu Jordanien. Seit 1967 ist das Westjordanland von Israel besetzt, nebenan entstand von 1977 an die – zunächst überschaubare – Siedlung Beit Horon. Doch dann wurde direkt unterhalb der Schule – abgetrennt durch einen hohen, von Kameras überwachten Stacheldrahtzaun – die Autobahn zwischen Jerusalem und Tel Aviv gebaut. Benutzen dürfen die Straße, die nur über vom Militär kontrollierte Checkpoints zugänglich ist, lediglich Israelis, Siedler und Ausländer – nicht aber die einheimischen Palästinenser. Und mittlerweile ist Beit Horon zu einer Kleinstadt von 1250 Einwohnern herangewachsen; Israel schützt sie und eine benachbarte Kaserne mit seiner Grenzmauer, die 2006, an dieser Stelle weit über die ehemalige Grenze nach Norden vorgeschoben, errichtet worden ist und die „At Tira High School“ von den anderen drei Seiten einmauert. „Eine Schule wie ein Gefängnis“, sagt Schulleiter Samer dar Bader.

Nur eine schmale Straße zwängt sich zwischen Grenzmauer (dahinter die jüdische Siedlung Beit Horon) und Autobahnzaun hindurch zur Schule. Bild-Zoom Foto: Rüdiger Nehmzow
Nur eine schmale Straße zwängt sich zwischen Grenzmauer (dahinter die jüdische Siedlung Beit Horon) und Autobahnzaun hindurch zur Schule.

Die 200 Schülerinnen und Schüler haben seit Jahren enorme Probleme, überhaupt noch zum Unterricht zu kommen. Nur eine schmale einspurige Ortsstraße ohne Fußweg zwängt sich zwischen Autobahnzaun und Grenzmauer hindurch zum neuen Schultor (der alte Haupteingang ist nicht mehr zugänglich). Einen Tunnel unter der Autobahn hindurch gibt es nur kilometerweit entfernt, so dass der einzige Weg für die Kinder und Jugendlichen in eines der Dörfer durch einen unbeleuchteten und unbefestigten Abwassertunnel verläuft. Vor allem im Winter ein feuchter und dunkler Alptraum.

Viele Schüler müssen schon um 6.45 Uhr oder früher los, damit sie rechtzeitig in die Schule kommen – falls es keine Probleme gibt. Wenn es Probleme gibt, fehlt häufig ein Viertel der Schüler. Und es gibt oft Probleme.

Architektonisch ansprechend: Der Neubau-Flügel der Schlule At Tira mit seinen schattenspendenden Laubengängen. Bild-Zoom
Architektonisch ansprechend: Der Neubau-Flügel der Schlule At Tira mit seinen schattenspendenden Laubengängen.

Denn die Schüler lösen am Trampelpfad entlang des Autobahn-Zauns regelmäßig Alarm aus. Dann fangen israelische Soldaten oder bewaffnete Siedler sie ab. Für die Mädchen bedeutet das in der Regel Taschenkontrollen und verlorene Zeit, für ältere Schüler sind die Folgen weit dramatischer: Stundenlang sei er schon festgehalten worden, berichtet Obaida Majed (16), Schüler der 11. Klasse aus At Tira. Die Jungen müssen sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden legen, sie werden durchsucht und verhört. Wer nicht spurt, muss mit dem Einsatz des Tasers (einer Elektroschockpistole) rechnen. Und anschließend wird bei Razzien die ganze Schule auf den Kopf gestellt.

„Viele Eltern haben Angst, ihre Kinder zu uns zu schicken, und weichen lieber auf andere Schulen aus“, sagt Schulleiter Bader: „Die israelische Verwaltung will uns hier weghaben“ Sie habe zwar zwei Alternativ-Standorte angeboten, doch wollen die Palästinenser nicht einfach so weichen – schließlich waren sie zuerst da, die internationale Staatengemeinschaft gibt ihnen Rückendeckung und stuft das israelische Vorgehen in den besetzten Gebieten als rechtswidrig ein. „Wir lassen uns nicht vertreiben“, sagt der Schulleiter.

Die Olivenhaine scheinen nah, der Weg ist weit: Zwölftklässlerin Majar (16, links) und ihre Schulkameradin Miryan (16). Bild-Zoom Foto: Rüdiger Nehmzow
Die Olivenhaine scheinen nah, der Weg ist weit: Zwölftklässlerin Majar (16, links) und ihre Schulkameradin Miryan (16).

Auch das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, bedauert die Situation: „Die Kinder erleben Gewalt, die vor allem von den Siedlern ausgehe“, sagt Anne Claire Dufay, die Vize-Sonderbeauftragte der UN-Organisation für Palästina. An manchen Brennpunkten (wie zum Beispiel Hebron) setzt Unicef zum Schutz der Kinder und Jugendlichen bereits auf internationale Aufpasser, eine Art Schülerlotsen. Die Schule At Tira liegt in Zone C, dort wird das besetzte Gebiet nach wie vor allein von Israel kontrolliert und nicht von der palästinensischen Autonomiebehörde. Für 36 Prozent der 532 palästinensischen Wohnsiedlungen in dieser Zone gebe es keine Grundschule, hat Unicef gezählt.

Schulbus finanziert

Das war die Situation in At Tira bis Ende 2016, doch nun ist wenigstens etwas Entspannung in Sicht: Die staatliche Förderbank KfW hat einen Schulbus finanziert, der die Schüler sicher auf den Schulhof und wieder zurück nach Hause bringen soll. Das Projekt ist ein Beispiel dafür, dass deutsche Entwicklungshilfegelder nicht nur in nachhaltige Zukunftsprojekte, Solarparks oder Kläranlagen fließt, sondern auch in unkonventionelle Projekte, die „nur“ aktuelle Notlagen abmildern. Unter anderem finanziert Deutschland 19 Schulbusse, die auf besonders konfliktträchtigen Routen im Westjordanland und in Ost-Jerusalem fahren. Die Bundesregierung hat das palästinensische Bildungsministerium über die KfW seit 2010 mit 45 Millionen Euro unterstützt, weitere Programmphasen für 32 Millionen Euro werden zurzeit vorbereitet. Bisher wurden 18 Schulgebäude neu errichtet, 35 erweitert und mehr als 400 renoviert.

Erinnert an Berlin: ein Wandgemälde in der Schule. Bild-Zoom
Erinnert an Berlin: ein Wandgemälde in der Schule.

In At Tira fährt der weiße Mercedes-Bus nun vier Mal am Morgen die Route zum Schulhof – und am Nachmittag folgen vier Fahrten zurück. Schulleiter Bader hat akribisch Buch geführt: Vorher gab es oft Dutzende von „Zwischenfällen“ jeden Monat, von der Durchsuchung einzelner Schüler bis zur Razzia – aber nur noch zwei in diesem Jahr, seit der Bus verkehrt. Eine Erleichterung auch für Mohammad (14): Der Junge ist gehbehindert und kann keine weiten Wegen ohne Pause laufen. Er freut sich: „Der Bus macht es leichter.“

Keine Kontakte

Klare Zukunftspläne haben nun Miryan Zahram (16), Zwölftklässlerin aus Beit Ur al-Fauqa, und ihre Schulkameradin Majar (16): Sie wollen Abitur machen und Sprachen studieren.

Doch bleibt unklar, wie es jemals Frieden in der Region geben soll. Denn auf die Frage, ob sie denn Israelis kennen, antworten die beiden Mädchen unisono: „Nein – nur Soldaten.“

Zur Startseite Mehr aus Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse