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Die CDU bringt mit einem begehbaren Programm Leben in den Bundestagswahlkampf: Wo man "Merkel in echt" trifft

Von Die SPD präsentiert ihren Fernsehspot, die CDU ihr begehbares Programm, Martin Schulz greift die Kanzlerin an, und die bricht alle Regeln des Haustürgesprächs: Langsam kommt ein wenig Leben in den Wahlkampf.
CDU-Generalsekretär Tauber führt Merkel durch den „Cyber Hero“ genannten Raum zur Sicherheit. Foto: Michael Kappeler (dpa) CDU-Generalsekretär Tauber führt Merkel durch den „Cyber Hero“ genannten Raum zur Sicherheit.
Berlin. 

„Alles falsch“, sagt Peter Tauber. Und lacht. „Viel zu großes Team, man geht auch nicht rein – und zu essen nimmt man auch nichts an.“ Es ist der Moment, in dem Angela Merkel in „Taeb’s Falafel Bistro“ steht, in das sich auch bei bestem Willen nicht mehr als 15 Menschen pressen lassen. Also bleibt Tauber draußen auf der Straße und scherzt.

Besser als gerade hier in Berlin-Mitte kann es einer Kanzlerin im Wahlkampf kaum ergehen. Eben hat sie den besten Gag präsentiert, den die CDU wohl jemals hatte seit 1949. „Begehbares Programm“ heißt die Nummer, Kürzel #fedidwgugl Haus. Die Abkürzung steht für den Slogan: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“

Und zum ersten Mal gibt es auf die Frage, wo eigentlich das Mutige bleibt, das die Werber von Jung von Matt für ihre allererste politische Kampagne versprochen hatten, eine Antwort.

Die Reklame-Experten haben die CDU in eines der speziellsten Häuser der Hauptstadt eingemietet, das einstige Warenhaus Jandorf, inzwischen einer der letzten nicht kaputtsanierten Großbauten, der als „Event-Location“ vermarktet wird – und sie haben dort eine Art Installation konzipiert, so etwas wie Politik zum wirklichen Anfassen.

Kann gut sein, dass ein paar Kilometer weiter südlich, in der SPD-Zentrale im zweiten und dritten Stock, jetzt kurz und heftig geschluckt wird. Verglichen mit einer Schwarzlicht-Höhle, in der Besucher ihren Europa-Traum als Sterne in einen künstlichen Himmel schreiben können, muss der Fernsehspot mit Martin Schulz abfallen, den Peter Taubers Kollege Hubertus Heil am Vortag erstmals öffentlich gezeigt hat; auch wenn er modern ist und frisch und anders.

„Es ist Zeit“ als Botschaft

Schnell geschnitten, gute Hintergrundmusik, 75 von 90 Sekunden sind Kinder zu sehen, nur in den letzten 15 Martin Schulz. „Es ist Zeit“ heißt seine Botschaft und „Gerechtigkeit wird immer ein Thema sein“. Aber: Spots gibt es schon sehr, sehr lang.

Schulz selbst hatte zur selben Zeit Phoenix und dem Deutschlandfunk Rede und Antwort gestanden – und die Kanzlerin, etwa für ihre Reaktion auf Donald Trumps Rassismus relativierende Äußerungen, scharf kritisiert. Und Merkel war etwas später auf dem Marktplatz von Annaberg-Buchholz im sächsischen Erzgebirge von AfD- und Pegida-Anhängern ausgepfiffen und -gebuht worden.

Im #fedidwgugl Haus klingt der Wahlkampf statt wütend cool, und er wird auch so inszeniert. Oben Loft- und Lounge-Atmosphäre unter blätterndem Stuck, ein Durcheinander von Sitzgelegenheiten in Schwarz und Rot und meist eher gelbem Gold, vom Plüschfernsehsessel in Senf aus den Siebzigern bis zum Plexiglas-Fauteuil in grelltransparentem Neon. Unten hängt zentral ein riesiges rotes Herz – Körperform, nicht das von der Kanzlerin bevorzugte Emoticon, das sicht- und hörbar pulst. Symbol „für die wirtschaftliche Stärke“, sagt Merkel, und „für die soziale Marktwirtschaft“.

Außer der Europa-Höhle, „Youropa“ genannt, gibt es etwa die „Familienpackung“: ein Raum, deckenhoch vollgestapelt mit Kartons, darin zu entdecken, was CDU-Politik zu tun haben soll mit Lockenwicklern und Gebissen. Und die Roboter namens Emma und Dave, die Wunschzettel schreiben und an die einstigen Schaufensterscheiben von Jandorf kleben. Ab sofort. Geöffnet von zehn bis zehn. Auch am Wahltag noch.

Merkel, die auf Bühnen und Plätzen ganz gut frei reden kann – nicht so wie Schulz, aber sie hat sich entwickelt –, liest hier vom Blatt. Von veränderten Zeiten und „medialen Gewohnheiten“. Wie wichtig sie den Termin nimmt, zeigt ihre Begleitung – außer Tauber auch Eva Christiansen aus dem Kanzleramt, so etwas wie ihre Chef-Imagepflegerin. Und Thomas Strerath, der Zuständige aus dem Jung-von-Matt-Vorstand.

Patzer dabei

Und doch – wer genau hinschaut, entdeckt Patzer. Im Mittelpunkt die Feier der deutschen Wirtschaft – aber Emma und Dave, die Symbole, hat Kuka gebaut, der Roboter-Produzent, den der chinesische Midea-Konzern aufkaufte. Und will jede Oma lesen, dass sie „immer Hilfe beim Suchen braucht“?

Keine Themen für Merkel. Die Kanzlerin findet alles fabelhaft – und für sie ist es das ja auch. Strebt sie über die Straße, stoppt die Polizei jeden Verkehr. Verteilt sie im Eisladen und im Kinderkaufhaus Flyer, sind alle überrascht und erfreut. Da kann sie nach den CDU-Regeln für den Haustürwahlkampf alles falsch machen – es funktioniert trotzdem.

Nur der Mann von der Post, der vor „Taeb’s Falafel Bistro“ auf die Kanzlerin trifft, weiß noch nicht, ob er Zeit haben wird fürs #fedidwgugl Haus. „Aba immahin“, sagt er, „ha ick Frau Merkel ma in echt jeseh’n.“ Was immer das für Folgen hat.

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