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Skandal bei Hilfsorganisation: World Vision unter Druck

Von Schock in der Deutschland-Zentrale von World Vision in Friedrichsdorf: Ein Mitarbeiter der international agierenden Organisation soll Millionen an Spendengeldern veruntreut haben - für kriegerische Zwecke, sagt der israelische Geheimdienst. Die Geschichte spielt im Mittelmeer, beteiligt sind Islamisten und Geheimdienstler. Wie konnte so etwas passieren?
Die Deutschland-Zentrale von World Vision in Friedrichsdorf. Foto: Jochen Reichwein Die Deutschland-Zentrale von World Vision in Friedrichsdorf.
Friedrichsdorf.  Im beschaulichen Hochtaunus-Städtchen Oberursel gründete der Theologe Manfred Kohl mit seinen Mitstreitern vor fast 40 Jahren ein Büro von World Vision International. Das ist eine weltweit operierende christliche Organisation, die Kinder und Familien bei Armut und Ungerechtigkeit unterstützt. Aus dem anfangs kleinen "Office" wuchs in wenigen Jahren ein schlagkräftiger Verband, der dank großen Spendenaufkommens zehntausende Patenkinder unterstützen kann. World Vision Deutschland residiert heute mitten in Friedrichsdorf in einem schicken viergeschossigen Gebäude, das man sich 2012 für 4,7 Millionen Euro hat errichten lassen.

Jetzt sind die Mitarbeiter dort zutiefst geschockt: Ein Angestellter ihrer globalen Organisation soll bis zu 45 Millionen Dollar beiseite geschafft haben. Er hat sich nicht selbst bereichert – es ist viel schlimmer: Er soll das Geld der Hamas zugespielt haben, der Palästinenser-Organisation, deren erklärtes Ziel es ist, den Staat Israel mit militärischen Mitteln zu beseitigen und einen islamischen Staat zu errichten. Die Hamas soll die Gelder von World Vision für ihre kriegerischen Zwecke verwandt haben. Das alles will der israelische Geheimdienst herausgefunden haben. Wie World Vision mitteilt, habe das Budget der Gaza-Niederlassung in den letzten zehn Jahren bei 22,5 Millionen US-Dollar gelegen.

Spendengelder zu Waffen

Einen vergleichbaren kriminellen Vorgang in einem solch gigantischen Ausmaß hat es in einer international hochangesehenen Hilfsorganisation wohl noch nicht gegeben!

Mohammed El Halabi, der für den Gazastreifen zuständige World-Vision-Direktor, bei einer Gerichtsanhörung im israelischen Beersheva. Bild-Zoom Foto: afp
Mohammed El Halabi, der für den Gazastreifen zuständige World-Vision-Direktor, bei einer Gerichtsanhörung im israelischen Beersheva.
Der Name des mutmaßlichen Täters ist bekannt: Mohammad El Halabi leitete die Zweigstelle Gaza von World Vision. Der Bauingenieur war Mitte Juni am Grenzübergang Erez vom israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet festgenommen worden. Jetzt wurde vorm Bezirksgericht Beer Scheva Anklage gegen ihn erhoben.

Die Vorwürfe haben es in sich. Angeblich soll El Halabi seit zwölf Jahren ein Mitglied der radikalislamischen Hamas sein. Auf äußerst raffinierte Weise habe er Hamas-Kämpfer zu unterstützungswürdigen Bauern umdeklariert. Er habe behinderte Kinder und arme Familien erfunden und die Bargeldspenden an die Islamisten weitergeleitet. Er habe Nahrungsmittelpakete, die zu Tausenden aus dem Ausland an die Armen geschickt werden, an die Hamas-Kämpfer weitergeleitet. Von Anfang an habe Mohammed El Halabi geplant, World Vision zu unterwandern, um Spendengelder in Hamas-Kanäle zu leiten.
 

Schock sitzt tief

Reaktionen auf diese Anschuldigungen ließen nicht lange auf sich warten. Zuerst stoppte Australien die Zahlungen für das Gaza-Projekt von World Vision.  Dann zog Deutschland nach: Auch aus der Bundesrepublik gibt es vorläufig kein Geld mehr für das Gaza-Projekt der Organisation.

In Friedrichsdorf ist man nicht nur geschockt über die ungeheuerlichen Vorwürfe. Die Mitarbeiter sind auch in größter Sorge: Wissen sie doch nur zu gut, dass solche Skandalgeschichten dazu führen, dass die Spendenbereitschaft der Bevölkerung meist umgehend versiegt.

Hintergrund Das ist World Vision

World Vision ist eine christliche Hilfsorganisation mit den Arbeitsschwerpunkten nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit, humanitäre Hilfe und entwicklungspolitische Anwaltschaft.

clearing

Was weiß man inzwischen in der Deutschland-Zentrale von den Vorfällen in Gaza? "Wir wussten, dass er verhaftet worden ist. Aber wir hatten und haben keinen Zugang zu ihm", sagt World-Vision-Sprecherin Silvia Holten im Gespräch mit dieser Zeitung. Was Mohammad El Halabi konkret vorgeworfen werde, das habe man erst aus der Presse erfahren. Silvia Holten sagt auch: Sie habe von El Halabi bisher nur Positives gehört. "Er wird als gewissenhafter Mensch beschrieben, der das Wohl der Kinder im Auge hat."

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