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Interview mit Jeannette Hagen: „Wut wird auf Flüchtlinge projiziert“

Die Flüchtlingskrise könnte eine Chance sein, Probleme in unserem eigenen Land zu erkennen – denn um die geht es dabei eigentlich. Das konstatiert die Autorin Jeannette Hagen, die auch als Dozentin arbeitet, in ihrem neuen Buch „Die leblose Gesellschaft“. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erklärt sie, welche Rolle dabei die Einstellungen in der früheren DDR und die Ängste vor Kontrollverlust spielen.
Buchautorin Jeannette Hagen Foto: Maya Meiners Buchautorin Jeannette Hagen

Warum ist die sogenannte Flüchtlingskrise für Sie im Grunde eine gesellschaftliche Krise?

HAGEN: Ich glaube, dass durch die Flüchtlingskrise etwas ans Licht kommt, was vorher schon da war. Das hat nicht wirklich etwas damit zu tun, dass Menschen ins Land kommen. Beim Jugoslawien-Krieg waren es auch viele, aber niemand sprach von einer Flüchtlingskrise. Vieles, was jetzt an den Geflüchteten festgemacht wird, sind eigentlich unsere eigenen Probleme. Etwa, dass sich in unserem Land viele abgehängt fühlen.

Daraus entsteht auch der Hass?

HAGEN: Ja. Wer Hasskommentare schreibt, für den sind die Flüchtlinge bloß eine Projektionsfläche. Im Grunde sind etwa Menschen in der früheren DDR wütend, weil sie sich als Verlierer fühlen – das sehen wir auch an den Wahlergebnissen in Berlin. In der DDR gab es schon immer das Gefühl: „Die anderen bekommen alles – und wir nicht.“ Das ist immer noch tief in den Köpfen drin. Wenn jetzt neue Menschen ins Land kommen, die nach Ansicht der Ostdeutschen alles in den Hintern geschoben bekommen, richten sie ihre Wut auf die. Eine Wut, die schon vorher da war. Vielleicht ist die Flüchtlingskrise sogar eine Chance, das zu erkennen.

Spielen Ängste vor Kontrollverlust eine Rolle?

HAGEN: Ja, eine sehr große. Das Gefühl, dass alles von oben bestimmt wird, beschleicht ganz viele Menschen – obwohl jeder wählen gehen kann. Das ist Angela Merkel auch auf die Füße gefallen. Sie hätte ihr Vorhaben besser kommunizieren und die Menschen mitnehmen müssen.

Wie zum Beispiel?

HAGEN: Sie hätte die Leute konkret dazu aufrufen müssen, mitzuhelfen, und sie dabei unterstützen müssen. Aber viele haben ja den Flüchtlingen auch schon so geholfen.

Dient die Abwehrhaltung gegenüber Flüchtlingen manchen auch dazu, sich vor sich selbst zu rechtfertigen, warum sie nicht helfen?

HAGEN: Absolut. Wenn ich sage, die sind sowieso alle Terroristen, muss ich ihnen nicht helfen. Damit ist meine Untätigkeit legitimiert. Natürlich führen nicht alle Gutes im Schilde, die zu uns kommen. Aber alle in einen Topf zu werfen, bewahrt mich davor, dass ich bei der Hilfe mit anpacken muss.

In welcher Hinsicht erleben Sie unsere Gesellschaft sonst noch als mitleidlos?

HAGEN: In den sozialen Medien zum Beispiel wird man heute sehr schnell diffamiert und beleidigt. Im Straßenverkehr nimmt die Aggressivität zu, die Menschen gehen überhaupt nicht vernünftig oder empathisch miteinander um. Auch die Art, wie wir mit unserer Umwelt umgehen, ist oft mitleidlos. Es ist manchmal zum Heulen, was um uns herum vorgeht, aber wir machen nichts.

Liegt das vielleicht an einer Überflutung von Informationen und Anforderungen?

HAGEN: Ja. Viele Menschen sind schon durch ihre privaten Dramen am Limit, etwa durch ihre Angst vor der Arbeitslosigkeit oder finanzielle Nöte. Wenn sich dann auf der Welt noch mehr Dramen ereignen, wehren sie das innerlich ab. Abwehr liegt oft in Hilfslosigkeit und Überforderung begründet. Ich habe auch Tage, wo ich die Bilder aus Syrien auf Facebook nicht mehr ertrage.

Sie attestieren unserer Gesellschaft einen Unwillen zum Wandel. Woran lässt sich das festmachen?

HAGEN: Wir wissen oft, dass wir auf dem falschen Weg sind – sowohl global als auch in unserem Privatleben. Aber wir handeln nicht entsprechend, sondern machen Kompromisse. Dabei wäre es oft so leicht, etwas zu ändern – indem ich etwa günstige Kleidung woanders kaufe als bei Primark, weil sie für diesen Konzern unter schrecklichen Bedingungen in der Dritten Welt hergestellt wird. Es geht nicht darum, die Welt zu retten, sondern die Menschen dazu zu bewegen, etwas im Kleinen zu tun.

Sie beklagen einen Mangel an Gefühlen – aber dazu gehört auch die Angst. Gibt es davon nicht schon genug?

HAGEN: Die Angst als solche ist zwar ein Gefühl. Aber die Angst, die wir erleben, ist keine wirkliche existenzielle Furcht wie die vor dem Löwen, sondern ein aufgebauschtes Bedrohungsszenario. Leider werden dadurch andere Emotionen wie das Mitgefühl gelähmt.

Kant definiert Aufklärung als Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Brauchen wir nicht gerade mehr Aufklärung und mehr Verstand, um Phänomene richtig einzuordnen ?

HAGEN: Wenn man mitfühlt und auch seinen Verstand einschaltet, kommt man zu vernünftigen Entscheidungen. Dann kann man dem Terror etwas entgegensetzen und nicht neue Keimzellen für ihn schaffen, indem man etwa die Flüchtlinge isoliert und abschottet.

Sie plädieren für mehr Liebe. Hat diese gegenüber Islamisten oder Rechtsradikalen eine Chance?

HAGEN: Nicht in der Form, dass wir ihnen mit offenen Armen entgegengehen. Aber wenn wir uns selbst ehrlich gegenüber sind und uns selbst lieben, erwächst daraus ein anderer Umgang mit den Mitmenschen und der Welt. Deswegen müssen wir bei uns anfangen.

Jeannette Hagen: Die leblose Gesellschaft – Warum wir nicht mehr fühlen können. Europa Verlag, München 2016, 192 Seiten, 16,99 Euro

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