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Frankfurter Buchmesse 2016: Wutbürger, Vorurteilsverbreiter, Merkel-Mobber

Von Lesen bildet – auch politisch. Passend zur Wirklichkeit lassen sich in der aktuellen Saison per Lektüre der rechte Rand ergründen und auch die Strategien seiner Gegner. Zudem kann man lernen, Dumpfbackigkeit mit Fakten zu schlagen.
Hans-Olaf Henkel Foto: Patrick Seeger (epa) Hans-Olaf Henkel
Frankfurt. 

Falls der Jahrgang 2016 des politischen Buchs ein Mega-Thema hat – dann hat der Berliner Politologe und Extremismusforscher Hajo Funke die zugleich treffendste und am meisten Leselust erzeugende Zusammenfassung dafür gefunden. „Von Wutbürgern und Brandstiftern“ hat er sein Buch betitelt, das „AfD – Pegida – Gewaltnetze“ untersucht – und was sie attraktiv macht für immer mehr Menschen.

Funke und sein Mitarbeiter Ralph Gabriel konstatieren: „Die AfD macht mit der Angst Politik.“ Und: „Dabei dient sie in keiner Weise denen, die sie angeblich vertritt.“ Auf knapp 200 Seiten führen die beiden Experten durch die fremdenfeindliche und rechtspopulistische bis rechtsradikale Szene der Republik und erläutern mit konkreten Beispielen, weshalb sie Teilen der AfD und der Dresdner Bewegung „Pegida“ in toto vorhalten, sie würden „von etablierten neonazistischen und terroraffinen Netzwerken gestützt“.

Das Buch, als Analyse konzipiert, wenn auch mit den klaren Ziel, „ausdrücklich vor der Wahl der rechtsradikalen AfD“ zu warnen, ist ein Kompendium der jüngsten Entwicklungen im rechten politischen Sektor, eine Warnung vor Gleichgültigkeit, ein Aufruf zur Stärkung der Demokratie – und liest sich dennoch über weite Strecken spannend wie eine Reportage.

Hajo Funke: Von Wutbürgern und Brandstiftern. 184 Seiten. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin, 2016. 16 Euro

 

Intelligente Argumente von 14 Demokraten verspricht der Untertitel eines Buches, dessen Hauptzeile sich schon Tage nach seinem Erscheinen Anfang September überholte. Die Frage „AfD – Bekämpfen oder Ignorieren?“ war allerspätestens mit den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin beantwortet. Das Bändchen ist dennoch lesenswert – auch wenn es nach dem Patentrezept sucht, das es nicht gibt.

Die Autoren – Politiker, Journalisten, Spitzenvertreter der muslimischen und jüdischen Gemeinden – sind durchweg für Bekämpfen. Die Spanne der Konzepte aber ist weit: Entzaubern durch Regierungsbeteiligung empfiehlt Peter Radunski, der einstige Wahlkampfmanager Helmut Kohls. Charlotte Knobloch, ehemalige Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, fordert: „Ehrlich, offen und ernsthaft über den Zustand unserer Demokratie . . . zu diskutieren. . . und wer ,wir’ in Zukunft sein wollen.“

Ein Fünf-Punkte-Programm skizzieren der Chef der Grünen-Fraktion im Bundestag, Anton Hofreiter, und Gesine Agena, Mitglied im Grünen-Bundesvorstand: „1. Die AfD stellen. 2. Die politische Debatte schützen. 3. Alternativen bieten. 4. Den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft sichern. 5. Mut statt Wut.“

Am Ende hat man tatsächlich viel Richtiges gelesen, auch klar Durchdachtes und sehr Vernünftiges. Und ahnt: Es ist doch zu wenig. Denn es fehlt die Idee, wie die Wutbürger bei ihrem schlechten Gefühl zu packen sind.

Christian Nawrocki, Armin Fuhrer (Hrsg.): AfD – Bekämpfen oder ignorieren? 140 Seiten. KellnerVerlag, Bremen, 2016. 14,90 Euro.

Zwei, die die AfD erst mit angeführt und dann geflüchtet sind, sehen die Republik schon als Komplett-Rettungsfall. In Hans-Olaf Henkels und Joachim Starbattys „Deutschland gehört auf die Couch! Warum Angela Merkel die Welt rettet und unser Land ruiniert“ kommt die AfD so gut wie gar nicht vor. Dafür erst sehr viel Angela Merkel – und am Schluss ein bisschen Friedrich Merz. Der sollte, am besten von ihr „Parteivorsitz und Kanzlerschaft“ dargereicht kriegen – und, so darf man die Herren verstehen, Deutschland dürfte von der Couch hüpfen. Schwups – geheilt. Tatsächlich freilich genesen, keine Frage, bei der vorgeschlagenen Kur allenfalls die Konten der Autoren.

Für Merkel-Mobber ist die Therapie-Inszenierung ein Muss – für alle anderen aber vollkommen verzichtbar.

Hans-Olaf Henkel, Joachim Starbatty: Deutschland gehört auf die Couch! 262 Seiten. EuropaVerlag, München, 2016. 19,90 Euro.

Sehr zu empfehlen indes, obwohl schon aus dem vergangenen Jahr, ist und bleibt, gerade im Kontext AfD und Pegida, Wut und Ressentiment, ein Bändchen aus Österreich, das eigentlich für Jugendliche gedacht ist – aber auch Erwachsene bereichert. „Gegen Vorurteile. Wie du dich mit guten Argumenten gegen dumme Behauptungen wehrst“ ist eine – auch im Layout – grenzgeniale Mischung aus Fakten, Erklärungen, Beispielen, klugen Antworten auf wichtige Fragen, ein Lesebuch und Nachschlagewerk in einem. Es ist, zuallererst, zu erfahren, wieso Vorurteile blöd machen. Und dann werden 21 der aktuell gängigsten benannt und auseinandergenommen, bis ihr hässliches und falsches oder falsch interpretiertes Inneres sichtbar wird: von „Ausländer kosten uns mehr, als sie bringen“ über „Der Islam ist eine kriegerische Religion“ und „Homosexualität ist eine Krankheit“ bis „Bei den Nazis war nicht alles schlecht“.

Die Journalistin Nina Horaczek und der Jurist Sebastian Wiese haben nicht nur Studien und Statistiken aus Österreich ausgewertet, sondern auch über die damals noch nicht wieder bewachte Grenze geschaut – weshalb auch Leserinnen und Leser aus Deutschland bei der Lektüre klüger und klug werden können. Am gescheitesten legt man sich das Büchlein griffbereit – denn der nächste Vorurteilsverbreiter kommt ganz bestimmt.

Nina Horaczek, Sebastian Wiese: Gegen Vorurteile. 192 Seiten. Czernin, Wien 2015. 17,90 Euro.

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