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Deutsch-türkischer Schriftsteller: Zafer Senocak: „Der Islam braucht eine Aufklärung“

Von Der deutsch-türkische Schriftsteller Zafer Senocak sucht Brücken von der Tradition des Islam in die Moderne und erkennt die Not junger Muslime. Mit seinem Buch liefert er den Anfang zu einer "Dialektik der Aufklärung" des Islam.
Gläubige bereiten sich in einer Moschee auf das Freitagsgebet vor. Foto: Roland Weihrauch (dpa) Gläubige bereiten sich in einer Moschee auf das Freitagsgebet vor.
Frankfurt. 

Vor Jahren diskutierte ich einmal mit Zafer Senocak auf einem Podium. Es ging um die oft mangelnde Toleranz von Muslimen gegenüber anderen Religionen. Gleich mit seinem ersten Satz setzte Senocak ein Zeichen und den etwas lavierenden Vertreter der staatlichen türkischen Religionsbehörde DITIB unter Druck: „Der Islam braucht eine Aufklärung.“

Dieser Standpunkt zieht sich ohne Wenn und Aber durch Senocaks politische und journalistische Beiträge. Er macht deutlich, dass die Muslime nicht besser oder schlechter sind als die Christenmenschen. Aber im Gegensatz zum Islam ist der europäische Westen eben durch die Aufklärung hindurchgegangen. Und die Kirchenvertreter wurden quasi von Politik und Gesellschaft zur Toleranz gezwungen, die sie von sich aus ebenso wenig entwickelt hätten wie viele islamische Theologen. Bei Kirchenvertretern wie Papst Benedikt oder dem ehemaligen Limburger Bischof Tebartz-van Elst sind Reste des dogmatischen alten Religionsverständnisses immer noch spürbar.

Im Mittelalter galt schließlich auch im Christentum: „Die Philosophie ist die Magd der Theologie.“ Das heißt, die Vernunft musste sich dem Glauben unterordnen, sie stand in seinem Dienste. Aber indem der Glaube möglichst vernünftig begründet wurde, gab es auch Ansätze, die zu Aufklärung und Freiheit hinführten.

Liebeserklärung und Kritik

In seinem neuen Buch „In deinen Worten. Mutmaßungen über den Glauben meines Vaters“ sieht Senocak ähnliche Potentiale im Islam. Es ist Liebeserklärung, aber noch mehr Kritik an der aktuellen Verfassung dieser Religion. Zwar habe der Islam, so Senocak, ganz ähnliche Möglichkeiten der Reflexion und Toleranz wie seine abrahamitischen Brüder Christentum und Judentum, aber diese Stränge seien eben nicht fortgeführt worden. Sie wurden vielmehr durch einen dogmatischen und dumpfen Buchstabenglauben unterdrückt. Senocak versucht in seinem Buch den Zugang zu jenen Ansätzen zurückzugewinnen und mögliche Brücken aus der Tradition in die Moderne zu erkunden. Ihm ist dabei der Kunstgriff gelungen, auf erhellende Weise zwei Genres gleichzeitig zu bedienen: Er hat einen hochinteressanten religiös-philosophischen Essay geschrieben und zugleich eine Art Biographie seines kürzlich verstorbenen Vaters, der in den 1960er Jahren mit seiner Familie und dem kleinen Zafer von der Türkei nach Deutschland ausgewandert ist.

Senocak junior zitiert aus Briefen des Vaters, zeichnet liebevoll Gespräche mit dem Senior nach, der sich als tiefgläubiger Verleger islamischer Literatur und letztlich erfolgloser Autor zeit seines Lebens bemühte, den Anschluss an die Seele des Islam wiederherzustellen. Unveröffentlichte Gedichte und Gedanken des Vaters, eigene Lyrik und Koranverse gehen dabei eine höchst interessante Einheit ein. Senocak wagt damit das im strenggläubigen Islam Undenkbare: eine Art Dialog mit dem Koran, der doch unmittelbar von Gott diktiert worden sein soll. Letztlich konfrontiert Senocak den Islam mit dem, was ihm in gegenwärtiger Gestalt am meisten fehlt: dem produktiven Zweifel. Juden- und Christentum wissen, dass selbst der Zweifel an Gott, den Menschen nicht nur klüger, sondern auch den Glauben fester machen kann, wenn auch nicht im dogmatischen Sinne. Es ist ja gerade die fehlende Bereitschaft zur Auslegung und Gespräch, das Interpretationsverbot, das den Islam im Gegensatz zum aufgeklärten Juden- und Christentum von heute so geistlos und manchmal gefährlich macht. Senocak schreibt: „Wenn der heutige Islam … auf die Stacheln der Zweifler und Gottessucher, die nicht gefunden haben, weil sie die Hoffnung zu finden, nicht aufgeben wollen, verzichtet, so mutiert er zur Chimäre.“ In einem vertrockneten Garten wachse keine echte Rose mehr. „Wer an dieser Kunstblume riecht und sich dann betört zeigt von ihrem Duft, verrät sich selbst als Heuchler.“

Der Autor beschreibt sehr anschaulich und tiefgründig, wie sein Vater ein zwar vom Glauben erfülltes, aber sehr melancholisches Leben führte, weil er merkte, dass sein Glaube außerhalb der eigenen Seele und der Bücher aus der mystischen Sufi-Tradition fast nur noch in verdörrter Form existierte. Deshalb war er religiöser Außenseiter, in der Türkei fast noch mehr als in Deutschland, weil es noch schlimmer ist, in der Heimat nicht verstanden zu werden als in der Fremde, wo er sich, wie Senocak hervorhebt, in den 1960er und 70er Jahren als Türke gut aufgenommen fühlte.

Doch die religiöse Sehnsucht nach dem alten, nach seiner Meinung friedlichen und toleranten Islam hatte sich in den Vater eingegraben. Von ihm seien keine Impulse für einen modernen aufgeklärten Islam ausgegangen, befindet Senocak. Der Vater habe sich gewissermaßen aus der Geschichte in die Kultur geflüchtet, „seine Trauer über die Zustände in der Gemeinschaft der Muslime und auch seinen Zorn gegen die Glaubensbrüder mit ins Grab genommen, in die Stille“. Der noch in der Türkei geborene, aber seit der Kindheit in Deutschland lebende Zafer Senocak versucht dagegen, die Fäden zu finden, die ähnlich wie im Juden- und Christentum von der Tradition des Islam in die in die Moderne führen könnten. Die meisten Moslems seien hilflos im Widerspruch zwischen geheiligter Vergangenheit und hochtechnisierter Gegenwart gefangen. Sie müssten einen Spagat leben, der sie überfordere. Terror mit modernen Waffen ist die extremste Antwort auf diesen unbewältigten Widerspruch. Aber letztlich haben auch die barbarischen Zustände in arabischen Diktaturen und selbst die politische Rückwärtsentwicklung in der Türkei damit zu tun.

Senocaks Analyse bringt es auf den Punkt: „Der Islamgläubige ist heute mit einem Fuß im siebenten, mit dem andern im einundzwanzigsten Jahrhundert verwurzelt. Daraus resultieren zahlreiche Konflikte, die sich weder geistig noch sozial lösen lassen. Wie lebt man in einer Gemeinschaft mit gleichgestellten Menschen, die nicht Muslime sind, die weder ein sakrales Buch noch einen Gottesglauben besitzen? Wie respektiert man aus der Position der letzten, ewig gültigen Offenbarung heraus andere Ansichten? Auf diese Fragen gibt es aus der islamischen Tradition heraus keine befriedigenden Antworten. Der nötige Respekt steht im Widerspruch mit der Degradierung der Frau im Koran, mit der Degradierung der Ungläubigen, ja mit der Aberkennung des Lebensrechts für bestimmte Personen.“

Laut Senocak gefallen sich gerade auch viele junge Muslime, die ihre Benachteiligung beklagen, in ihrem Außenseiterdasein: „Anderssein und ausgegrenzt zu werden kann auch Kultcharakter bekommen. Mit dem Islam lassen sich schlechte Schulleistungen nicht ausgleichen, aber ausblenden. Der Islam stärkt den Rücken des Rechthabers. Er ist wie ein Tweet, eine Abkürzung in einem kompliziert gewordenen, oftmals mit Umwegen und Kurven versehenen Weg des Lebens. Schlag den Koran auf und du weißt Bescheid, über dein Leben, über deine Aufgaben, deine Stellung in einer von Gott vorgesehenen und offenbarten Ordnung.“

Letztlich hat der Islam bis heute nicht mal Ansätze für tragfähige Antworten auf die Fragen, Konflikte und Widersprüche der Muslime in der Welt von heute.

Auch wenn pazifistische und offene Gelehrte wie sein Vater die Poesie und Schönheit des Koran beschworen haben, hätten sich doch die grobschlächtigen Lautsprecher durchgesetzt, die die Suren im Befehlston brüllen und die Gemeinde zum stumpfen Wiederholen und Gehorsam zwingen.

Verwässerter Glaube

Bei vielen gemäßigten Islamvertretern sieht Senocak wiederum das Problem, dass sie den Glauben zu sehr verwässern, als dass sie damit bei der gefährdeten Jugend gegen die Gewaltprediger punkten. Letztlich gibt es im Islam also mal zu viel, mal zu wenig Emotionen, aber fast immer zu wenig religiöse Vernunft. Dem Islam fehlen, so Senocaks interessanter Erklärungsansatz, letztlich auch große Kunstwerke wie etwa die Romane von Franz Kafka, Robert Musil und Joseph Roth. Sie leisteten im jüdisch-christlichen Horizont die Trauerarbeit für vergangene Epochen. Diese Zeiten wurden in den Werken nicht verherrlicht, aber ihre Ideen und Gefühle von der Kunst gleichsam in die Moderne hineingetragen. Zafer Senocak hat mit seinem zunächst unprätentiös daherkommenden Buch einen Anfang zu einer „Dialektik der Aufklärung“ für den Islam geliefert.

 

Zafer Senocak: „In deinen Worten. Mutmaßungen über den Glauben meines Vaters“, 166 Seiten, Babel-Verlag, 15,80 Euro

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