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Zum Verrücktwerden

Seit sieben Jahren sitzt Gustl Mollath in der geschlossenen Psychiatrie - weil seine Ex-Frau ihn fertigmachen wollte, sagt er. Weil er mundtot gemacht werden soll, sagen seine Unterstützer. Weil er Wahnvorstellungen hat, sagt der Gutachter. Mollaths Geschichte über systematische Steuerhinterziehung bei der Hypo-Vereinsbank klang ja auch arg spinnert. Doch sie stimmte.
Gustl Mollath ist derzeit der wohl prominenteste Psychiatrieinsasse Deutschlands.	Foto: dpa Gustl Mollath ist derzeit der wohl prominenteste Psychiatrieinsasse Deutschlands. Foto: dpa
Frankfurt. 

Die Geschichte von Gustl Mollath könnte den Stoff für einen Thriller liefern - oder den letzten Beleg, den ein Verschwörungstheoretiker noch braucht, um sicherzugehen, dass wir in einem kompletten Unrechtsstaat leben.

Es klingt auch viel zu schrecklich, um nicht wahr zu sein: Der ehemals erfolgreiche Ferrari-Spezialist Gustav Mollath sitzt seit sieben Jahren unschuldig in der geschlossenen Psychiatrie. Seine Ex-Frau Petra ließ ihn für geisteskrank erklären, weil er sie wegen Geldverschiebungen ins Ausland für die HypoVereinsbank angezeigt hatte. Geholfen haben ein Gutachter, der rein nach Aktenlage - ergo den Lügen der Ex-Frau - urteilte, und ein Richter, der einst Handballtrainer des neuen Lebensgefährten der Frau war. Richter wie Gutachter glaubten, dass die Schwarzgeldvorwürfe Teil eines paranoiden Gedankensystems waren. Das Problem: Sie waren wahr. Das kam aber erst Jahre später raus. Nun will sich die Justiz keine Blöße geben. Deshalb sitzt Gustl Mollath immer noch in der Forensischen Klinik Bayreuth.

 

Unschuldig eingesperrt

 

Das ist die Version, die Gustl Mollath und sein Unterstützerkreis verbreiten. Das ist die Vision, die mittlerweile die meisten Anhänger in Deutschland hat. Das ist auch die Vision, die die Bayerische Landesregierung, namentlich Justizministerin Beate Merk (CSU), am meisten fürchtet - und das Volk wohl auch. Unschuldig eingesperrt, in der Psychiatrie! Allein der Gedanke lässt einen erschaudern. Noch schauerlicher wird es, wenn man sich die Begründung dafür ansieht, warum Mollath auch nach mehreren Prüfungen nicht wieder die Freiheit erlangte: Da er sich weigert, seine Krankheit anzuerkennen, lässt er sich nicht therapieren, was dazu führt, dass er weiterhin krank ist . . .

Die Version der Ehefrau ist eine andere - nur, dass sie diese selten erzählt. Vor Gericht schon, einmal den „Nürnberger Nachrichten“ und auch der „Spiegel“ beruft sich auf Petra Mollath. Sie berichtet demnach von einem zunehmend seltsamen und zunehmend aggressiven Mann, dem sein Leben Stück für Stück entgleitet. Ständig habe er einen neuen Rechtsstreit geführt, angebliche Beweise hätten sich überall im Haus gestapelt, sein Geschäft lief nicht. Sie habe 200 000 Euro in die Firma gesteckt, als sie den Geldfluss stoppte, sei das Unternehmen pleite gewesen. Die Schwarzgeldvorwürfe habe er erst erhoben, als sie sich weigerte, zurückzukommen.

 

Mehrere Wahrheiten

 

Es gibt, wie so oft, mehrere Wahrheiten in diesem Fall, der so verworren ist wie ein Wollknäuel. Unstrittig ist: Gustl und Petra Mollath heirateten 1991. Die Ehe kriselt. Mollaths Unternehmen kriselt. Im Mai 2002 trennt sich Petra Mollath. Von da an ist nichts mehr unumstritten.

So soll Gustl Mollath seine Frau am 31. Mai 2002 im gemeinsamen Haus gegen ihren Willen festgehalten haben, als sie noch ein paar Sachen holen wollte. Erst als eine Freundin klingelte, habe sie fliehen können. Dieser Tag wird später im Wiederaufnahmeantrag eine entscheidende Rolle spielen.

In den folgenden Monaten soll Mollath nach Angaben seiner Ehefrau das Fax ihres Bruders mit seitenlangen Tiraden lahmgelegt haben. Zudem drang er in das Haus seines Schwagers ein, stöberte in Briefen und wurde handgreiflich. Anfang Dezember 2002 macht Gustl Mollath seine vorherigen Drohungen wahr und berichtet der Hypo-Vereinsbank von den Geschäftspraktiken seiner Frau.

Am 2. Januar 2003 erfährt Petra Mollath von der Revisionsabteilung der Hypo-Vereinsbank, dass gegen sie ermittelt wird. Am gleichen Tag ruft sie bei der Polizei an und meldet, dass ihr Mann eine Waffe habe. Bei der folgenden Durchsuchung findet die Polizei ein legales Luftgewehr.

Knapp zwei Wochen später geht Petra Mollath persönlich zur Wache. Sie legt den Polizisten ein eineinhalb Jahre altes Attest vor. Demnach hat Mollath seine Frau mit Faustschlägen, Bissen und Fußtritten traktiert sowie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt.

Daraufhin kommt es zu einem Prozess wegen Körperverletzung. Zu diesem Zeitpunkt ist Petra Mollath bereits arbeitslos: Die HypoVereinsbank hat mit ihr einen Aufhebungsvertrag geschlossen.

 

Seltsamer Auftritt

 

In der Verhandlung erscheint Mollath dem Amtsrichter ein wenig seltsam. So übergibt er einen Schnellhefter mit Schriftsätzen zu seiner Verteidigung, „die in keinerlei erkennbarem Zusammenhang mit den Anklagevorwürfen stehen“, wie der Richter im Urteil schreibt. Mollath selbst nennt die Schriftstücke „Verteidigungsschrift mit Anlagen“. Der Hefter habe Details zu Schweizer Banken enthalten.

Petra Mollath hatte zur Verhandlung die Stellungnahme einer psychiatrischen Gutachterin mitgebracht, die eine ernstzunehmende psychische Erkrankung bei Mollath nahelegt - begründet auf die Erzählungen der Ehefrau.

Der Amtsrichter entscheidet, dass sich Mollath ambulant von einem Psychiater untersuchen lassen muss. Doch der weigert sich. Beim zweiten Prozess im April 2004 ist der Psychiater anwesend - er beobachtet Mollath, vermutet eine Psychose und sagt, es könnte Gefahr für Dritte bestehen.

Der Richter ordnet eine Begutachtung von Mollath an. Im Juni 2004 wird Mollath in das Bezirkskrankenhaus (BKH) am Europakanal in Erlangen gebracht - doch der Psychiater erklärt sich für befangen. Erst im Februar 2005 wird er erneut vorläufig zwangseingewiesen, diesmal ins Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Auch hier ist der Arzt auf Beobachtung angewiesen.

Das Gutachten aus Bayreuth bringt Mollath im Jahr 2006 in die Psychiatrie.

 

„Paranoide Gedanken“

 

Der Psychiater attestiert dem Angeklagten, ein „paranoides Gedankensystem“ entwickelt zu haben. „Hier ist einerseits der Bereich der Schwarzgeldverschiebung zu nennen, in dem der Angeklagte unkorrigierbar der Überzeugung ist, dass eine ganze Reihe von Personen aus dem Geschäftsfeld seiner früheren Ehefrau, diese selbst und beliebige weitere Personen, die sich gegen ihn stellten, (...) in dieses komplexe System der Schwarzgeldverschiebung verwickelt wären.“

Es ist dieser Satz, der das Gutachten angreifbar macht. „Schwarzgeldverschiebung“ in Verbindung mit „paranoidem Gedankensystem“. Für Mollaths Unterstützer ein klarer Beleg für die Untauglichkeit des Gutachters. Und der Richter war einst Handballtrainer des neuen Lebensgefährten von Mollaths Ehefrau. Für viele ist damit klar: Mollath ist ein Opfer der Justiz.

Doch so einfach ist es nicht.

Der Psychiater schrieb nämlich auch: „Mag sein, dass es Schwarzgeldverschiebungen (...) gegeben hat, wahnhaft ist, dass der Angeklagte fast alle Personen, die mit ihm zu tun haben, völlig undifferenziert mit diesem Skandal in Verbindung bringt.“ Die meisten Personen, die irgendwie am Verfahren gegen Mollath mitwirkten, Rechtsanwälte genauso wie Bekannte des neuen Lebensgefährten, haben eines gemeinsam: Ihnen wurden die Autoreifen zerstochen. Fachmännisch. So, dass die Luft erst während der Fahrt entweicht.

Wahr ist: Mollaths Informationen zu den Geldgeschäften der Hypo-Vereinsbank wurden nie weiter untersucht. Laut Staatsanwaltschaft waren sie für einen Anfangsverdacht nicht konkret genug. Erst im Jahr 2012 kam heraus, dass die Innenrevision der Bank feststellte, dass Mollaths Behauptungen zumindest teilweise wahr waren.

 

Ungereimtheiten

 

Möglicherweise ist Gustl Mollath psychisch krank. Möglich scheint auch, dass im Fall Mollath der deutsche Rechtsstaat nicht die beste Figur gemacht hat. Es gibt einige Ungereimtheiten, die in einem Wideraufnahmeverfahren wichtig werden könnten. Ganz oben steht die Glaubwürdigkeit von Petra Mollath.

 Das Attest aus dem Jahr 2001, das die Körperverletzung Mollaths belegen soll und somit die Basis des ersten Prozesses war, ist formal ungültig, weil der falsche Arzt darauf steht. Damit ist die Körperverletzung nicht mehr belegbar. In der Praxis arbeitet die Lebensgefährtin von Petra Mollaths Bruder.

 Die Freiheitsberaubung am 31. Mai 2002 beruht allein auf der Aussage von Petra Mollath. Mittlerweile ist ein neuer Zeuge aufgetaucht, ein einst mit dem Paar befreundeter Zahnarzt, der von einem Telefonat mit der Frau am selben Tag berichtet. In dem Gespräch habe Petra Mollath nichts von dem Vorfall erzählt - wie sie auch früher nie von Gewalttätigkeit erzählt habe - aber angekündigt: „Wenn Gustl mich und meine Bank anzeigt, mache ich ihn fertig. (...) Den lasse ich auf seinen Geisteszustand prüfen, dann hänge ich ihm was an, ich weiß auch wie.“

Ein Rosenkrieg also, wie es ihn tausendfach gibt in Deutschland, nur perfider? Oder mit einem Protagonisten, der in einer gedanklichen Parallelwelt lebt und handelt? Möglich. Doch was wäre, wenn Mollath gar nicht krank ist, nur sehr emotional, sehr verletzt und sehr irrational? Oder was wäre, wenn er nicht krank genug für eine geschlossene Anstalt wäre? Das wäre ein Justizskandal.

Mit diesem - tatsächlichen oder vermeintlichen - Skandal beschäftigte sich bis gestern der Untersuchungsausschuss des bayerischen Landtags. CDU und FDP wollten keine Fehler bei den Ermittlungsbehörden erkennen, trauen sich aber nicht, diese 100-prozentig reinzuwaschen. Die Entscheidungen hätten auch anders getroffen werden können, seien aber aus damaliger Sicht nachvollziehbar, hieß es. Grüne und SPD sehen das freilich anders, so kurz vor der Wahl.

Justizministerin Merk (CSU) will - so kurz vor der Wahl - nicht als hartherzige Verteidigerin einer Unrechtsjustiz gelten. Sie hat vergangenen November ein Wiederaufnahmeverfahren angeordnet, mit dem die Staatsanwaltschaft Regensburg wohl noch einige Wochen beschäftigt sein wird. Zudem äußerte Frau Merk in einem Schreiben an das Bundesverfassungsgericht, das Mollaths Unterstützer eingeschaltet haben, Zweifel an der langen Unterbringungszeit Mollaths.

Im Untersuchungsausschuss des Landtages sprach Mollath laut „Spiegel“ von weiteren Hinweisen, die er der Staatsanwaltschaft wegen der illegalen Bankgeschäfte hätte geben können. Auf Nachfrage, wo die Belege seien, gab er an, Koffer voller Beweise nach Paris geschickt zu haben - an die berühmte NaziJägerin Beate Klarsfeld.

(Susanne Keeding)
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