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Sogar die Folterwerkzeuge wurden knapp

Über 100 Hexenprozesse gab es zwischen 1603 und 1660 im damaligen Amt Homburg. 76 Personen starben auf grausame Weise.

Das Amt Homburg und später die Landgrafschaft Hessen-Homburg waren zu beginn des 17. Jahrhunderts in einen Wahn verfallen. Man glaubte sich von bösen Hexen und üblen Zauberern umgeben, die es auszurotten galt.

Der Hexenwahn rollte seinerzeit in drei Wellen über das Amt Homburg hinweg und nahm 1603 seinen Anfang. Obwohl bereits 1584 der erste Hexenprozess im Amt belegt ist. Doch 1603 wurde eine Bäckersfrau aus dem zum Amt Homburg gehörenden Köppern der Zauberei verdächtig. Ein Kind war überraschend gestorben, nachdem die Frau ihm über den Kopf gestreichelt hatte. Angeblich seien danach Würmer aus dem Kopf des Kindes gekrochen.

Die Staatsmacht – nicht die Kirche – schlug zu. Die Frau wurde verhört und gefoltert. Dabei wurden ihr die Arme auf den Rücken gebunden und mit Ketten zur Decke hochgezogen. Zusätzlich wurde ein schwerer Stein an ihre Füße gebunden. Eine unvorstellbar schmerzhafte Tortur, denn fast immer wurden dabei die Arme ausgerenkt. Außerdem wurden der Frau noch Beinschrauben angelegt. Kein Wunder, dass die Frau danach zugab, vom Teufel besessen zu sein. Und entsprechend befragt, auch noch weitere "Hexen und Zauberer" benannte. Und so brannten bis 1605 mehrfach die Scheiterhaufen auf dem Platzenberg bei Oberstedten.

Von Truppen befreit

1634 ging der Irrsinn von neuem los. Die Landgrafschaft Hessen-Homburg war durch Kriegswirren verwüstet, die Pest ging um. So viel Unglück – da mussten dunkle Mächte am Werk sein. 14 Frauen wurden deswegen verhaftet und verhört. Einige hatten Glück, sie wurden von marodierenden Truppen aus dem alten Rathausturm befreit und verschwanden mit den Soldaten aus der Landgrafschaft.

Ihren schaurigen Höhepunkt erreichte die Hexenverfolgung zwischen 1652 und 1656. Dabei spielt der Seulberger Pfarrer Christian Zahn eine unrühmliche Rolle. Ausgelöst wurde diese Welle durch einen Streit zwischen Nachbarinnen. In der daraufhin angeordneten Untersuchung erzählte ein fünfjähriges Mädchen, dass die eine Nachbarin und ihre Mutter "Mäuse, Schlangen und Ottern" hervorgezaubert hätten.

Pfarrer Zahn verhörte weitere Kinder und fragte so lange, bis diese die absurdesten Hirngespnste ausplauderten, denen aber geglaubt wurde. Zumal die Beschuldigten unter der Folter – wen wundert‘s – tatsächlich gestanden. Fast alle benannten weitere Verdächtige. Die Lawine war nicht mehr aufzuhalten.

Landgräfin Margarethe Elisabeth hätte möglicherweise diese Prozesse stoppen können, aber sie selbst glaubte offenbar an die Existenz von Hexen und Zauberern, nachdem mehrere ihrer Kinder im Kindbett gestorben waren.

15 Menschen gelähmt

Immer neue Listen förderte Pfarrer Zahn aufgrund seiner Verhöre mit Kindern zutage. Selbst als ein Beschuldigter unter der Folter behauptete, 15 Menschen in Ober-Erlenbach durch Zauberei gelähmt zu haben, kam niemand auf die Idee, diese Aussage zu überprüfen. Das Geständnis genügte für sein Todesurteil.

Wegen der Vielzahl der Verhöre kamen die Handwerker nicht mehr nach, Hexenstühle, auf denen die Sitzfläche mit spitzen Dornen gespickt waren, herzustellen.

Die Massenhinrichtungen wurden zu einem Spektakel für die Bevölkerung. Sogar eine Art Tourismus setzte ein, die Gästezimmer im "Ochsen" wurden an diesen Tagen von auswärtigen Herrschaften belegt. Erst 1656 erlahmte der Hexenwahn im Amt Homburg.

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