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TV-Kritik: "Am Abend aller Tage": Die hohe Kunst von Sex und Tod

Von Angelehnt an den Fall Gurlitt kommt hier ein hochintelligenter und fesselnd vielschichtiger Film, herausragend gefilmt und gespielt.
Über die Künstlerin Alma (Victoria Sordo) versucht der Sachverständige Philipp Keyser (Friedrich Mücke), an ein Bild heranzukommen. Foto: BR/mementoFilm Berlin GmbH/Hendrik Heiden Über die Künstlerin Alma (Victoria Sordo) versucht der Sachverständige Philipp Keyser (Friedrich Mücke), an ein Bild heranzukommen.
Philipp Keyser (Friedrich Mücke), Kunstsachverständiger, bekommt von einer seltsamen Runde alter Frauen und Männer einen bizarren und hochdotierten Auftrag: Er soll bei Magnus Dutt (Ernst Jacobi), dem Erben einer ganzen Dynastie von Kunstsammlern und Händlern, ein verschollenes Bild des (fiktiven ) und in der NS-Zeit erfolgreichen Malers Ludwig Glaeden  ausfindig machen und den Besitzer dazu überreden, ihnen das Bild zu verkaufen.
 
Keyser beginnt dazu eine Affäre mit der Großnichte Dutts, Alma (Victoria Sordo). Über einen Galeristen hat  er ihre Nummer herausgefunden. Alma ist selbst Künstlerin, scheint jedoch ihren möglichen Erfolgsaussichten völlig gleichgültig gegenüberzustehen. Ihren Lebensunterhalt verdient sie in einer Wäscherei mit vielen weißen Laken, die an Leichentücher oder Leinwände erinnern. Ähnlich anspielungsreich ist der ganze Film geworden.
 

Ein Film mit vielen Themen

 
Es geht um Kunst, NS-Raubkunst, um Leben und Tod, um den Augenblick und die Ewigkeit. Und das ergibt einen überaus bemerkenswerten Film, der trotz seiner Thematik keine Sekunde überladen und bedeutungsschwer daherkommt. In seinem ausgeprägten Subtext, seinem Schauplatz und seiner Verbindung von Kunst und Erotik zeigt "Am Abend aller Tage" leichte Parallelen zu Peter Greenaways "Der Kontrakt des Zeichners", obwohl der von seiner Handlung her einem anderen Genre zuzuordnen ist.

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Mit dem Film von Greenaway hat dieses Werk von Regisseur Dominik Graf dennoch auch die ausgefuchsten Dialoge gemein. Dass Bilder ihren Wert verlieren, sagt der an Cornelius Gurlitt angelehnte Dutt einmal, wenn man sie achtlos betrachte. Und dass das nichts mit ihrem finanziellen Wert zu tun habe, sondern mit ihrer Aussage. Und es ist ein schöner Einfall von Drehbuchautor Ernst Busch, dass er seine Großnichte Alma ihren Onkel ausgerechnet mit Sardanapal vergleichen lässt.

 
Kunst als Gemetzel

 
Jenem König der Assyrer also, der einer Legende nach seine Schätze verbrannte, weil sie nach ihm nicht den Falschen in die Hände fallen sollten. Was denn auch den Maler Eugène Delacroix zu seinem berühmten Schlachtwerk "Der Tod des Sardanapal" inspirierte. Wie ein Gemetzel wirkt es auch, wenn Alma mit ihren Händen die Farbe auf einem Bild verteilt. Am Ende stellt sich heraus, dass sie todkrank ist.
 
Was die intensiven Liebesszenen  im Verlauf der Handlung noch verzweifelter und vitaler erscheinen lässt. Aber vorher wandert Keyser auch einmal in einer Gebirgslandschaft herum ähnlich wie "Der Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich. Dominik Graf hat hier etwas Einzigartiges geschaffen: einen Kunstfilm, der fesselt wie ein Krimi. Und zwar wie ein sehr guter.
 
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