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TV-Kritik: "Aufbruch": Teufelsbraten wird erwachsen

Von Zwischen Rock ’n’ Roll und kleinbürgerlichem Elternhaus: Der Film zeichnet ein spannendes Portrait der späten Adenauer-Zeit.
In der Buchhandlung von Julius Buche lernt Hilla (Anna Fischer) den Fabrikantensohn Godehard van Keuken (Daniel Strässer) kennen. Foto: WDR Presse und Information/Bildk In der Buchhandlung von Julius Buche lernt Hilla (Anna Fischer) den Fabrikantensohn Godehard van Keuken (Daniel Strässer) kennen.

Die deutsche Vergangenheit liegt im Trend. Ob die bundesdeutsche im ZDF-Dreiteiler "Ku’damm 56" oder die DDR im gerade abgedrehten "Honigfrauen", aufwändig ausgestattete Mehrteiler lassen Geschichte lebendig werden oder bemühen sich zumindest redlich darum. Neu ist das nicht: Der Zweiteiler "Teufelsbraten" nach dem autobiographisch geprägten Roman von Ulla Hahn (geb. 1945) die Geschichte von dem Hildegard „Hilla“, ein "Teufelsbraten", weil sie entgegen damaliger Gepflogenheiten und den Ansichten ihres kleinbürgerlichen Elternhauses sich für Literatur interessiert und ihr Abitur machen will.

 

Ihre Eltern sind wenig begeistert. Der Vater (Ulrich Noethen) malocht in der Fabrik, die Mutter (Margarita Broich) arbeitet als Putzfrau. Eine Büroausbildung für die Tochter gilt da als völlig ausreichend. Mit Hilfe des Gemeindepastors hat Hilla es dennoch aufs Gymnasium geschafft und sitzt zwischen den Stühlen: In der Welt ihrer Eltern wirkt sie aufgrund ihres Bildungsdrangs wie ein Fremdkörper, auf dem Gymnasium wegen ihrer ärmlichen Herkunft. Es gehört zu den Pluspunkten des Films, dass er dieses Spannungsverhältnis insgesamt recht greifbar umsetzt.

 

Kontraste sorgen für Spannung

 

Die Dialoge klingen mitunter hölzern, aber Noethen und besonders Broich verkörpern ihre Rollen mit bemerkenswerter Authentizität samt ordentlichen rheinischem Dialekt. Besonders bei dem Buchhändler Julius Buche (Heiko Pinkowski) kann sich Hilla in die Welt der Literatur versenken. Sie trifft Godehard van Keuken (Daniel Sträßer), einen jungen Mann aus reicher Familie. Und sie freundet sich mit Monika Blumental (Saskia Rosendahl) an. Nicht nur die liebevolle Ausstattung, sondern auch die Erzählmuster ähneln somit "Ku’damm 56".

 

Hier wie dort stehen junge Frauen im Mittelpunkt, öffnet ein junger Mann aus reichem Elternhaus und mit schickem Auto die Tür zur großen Welt und gibt es eine Vergewaltigung. Es sind spannende Jahre zwischen Wirtschaftswunder und beginnender 68er-Epoche, rheinländischem Katholizismus und Rock ’n’ Roll, Aufstiegswünschen und Ausschwitz-Prozessen plus der Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit. An die Nazis können sich damals noch die meisten erinnern, und viele wollen sich gar nicht so genau erinnern.

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Literatur und Film nicht als Gegensatz

 

Der Film zeichnet die Vergangenheit in epischer Breite mit vielen Aspekten, ohne aber seine Hauptfigur dabei zu vernachlässigen. Und er idealisiert seine Hauptfigur trotz aller Aufbruchsstimmung nicht, sondern zeichnet sie realistisch durch, samt Problemen in Mathematik, was vielen Zuschauern bekannt vorkommen sollte. Und er leitet geschickt von der Rahmenhandlung, die in der Buchhandlung Buches beginnt, in die Vergangenheit über. Wobei er nebenbei auch eine schöne Brücke zur Literatur schlägt.

 

Wer zuvor „Teufelsbraten“ gesehen hat, sieht sich klar im Vorteil, wenn es darum geht, in die Geschichte einzusteigen. Insgesamt gelang den Machern ein spannendes und dichtes Sittenbild der Epoche. Schön, dass Ulla Hahn mit „Spiel der Zeit“ schon für literarischen Nachschub gesorgt hat. Die Verfilmung dieses Romans dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen.

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