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TV-Kritik: "Bausünden": Der göttliche Marquis stand Pate

Von Bizarrer Ledersex unter der Dusche ist nur der Anfang. Was im neuesten Kölner "Tatort" noch zusätzlich an gleich zwei berüchtigte Romane von de Sade erinnert.
Daniele Mertens (Jana Palleske) sorgt sich um ihren Schwager und Ex-Freund Lars Baumann (Hanno Koffler). Foto: (WDR Presse und Information/Redak) Daniele Mertens (Jana Palleske) sorgt sich um ihren Schwager und Ex-Freund Lars Baumann (Hanno Koffler).

Der neueste "Tatort" aus Köln gefällt schon mal durch intensives Lokalkolorit. Womit Ballauf und Schenk diesmal sonst noch punkten konnten:

Zum einem richtigen Lagerfeuer gehört ein gepflegtes Bierchen. Das gilt auch für den "Tatort", bekanntermaßen der Deutschen TV-Zuschauer liebstes Lagerfeuer. Und wenn am Ende Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) sich am Rhein ihr Bierchen zum gelösten Fall schmecken lassen, wird endgültig klar, dass ihr neuer Fall "Bausünden" vor allem schnörkellos heruntererzählte Krimi-Kost sein will.

Das nicht heißt, dass dergleichen langweilig sein muss, im Gegenteil: "Bausünden" zeigt durchweg, wie man 90 Minuten geschickt füllt: Zum Auftakt wird eine Frau in einer Dusche von einem Mann bedrängt. Offenbar mit ihrem Einverständnis: Zuvor schwenkte die Kamera über allerlei Utensilien für gepflegten Sadomaso-Sex, und unter der Dusche tragen die Beteiligten Lederhalsband und Maske. Blöd nur, dass dann wohl was schiefgeht.

Krieger sind sportlich

Dann springt die Geschichte auf eine Tote zu einem ganz anderen Schauplatz: Eine Frau ist vom Balkon ihrer Wohnung in den Tod gestürzt. Kampfspuren an ihren Armen weißen darauf hin, dass es kein Selbstmord war. Die Tote arbeitete in einem Kölner Luxushotel. Bald ergeben sich Anhaltspunkte, dass Afghanistan-Veteran Lars Baumann etwas mit ihrem Tod zu tun haben könnte. Der hat aus seinem Kriegseinsatz ein handfestes Trauma mitgebracht.

Aber ebenso militärische Fähigkeiten, die auch in der Heimat nützlich sein können: etwa die Fenster von Freddys Mercedes 126 einschlagen, die Tür von außen öffnen, aus dem fahrenden Auto herausspringen, abrollen und dann mit Schwung über die nächste Mauer. Was nicht nur eine schöne Actionszene ergibt, sondern auch als Abschluss noch einen feinen Gag: "Den Bericht dazu schreibt du!" wirft Freddy Schenk seinem Kollegen Ballauf hin, der dem Flüchtenden nur noch ein ehrliches "Fuck ey!" hinterherbrüllen kann.

Zwei Schwestern bei de Sade abgeschaut

Der Rest des Krimis zeigt ein besonders pikantes Vorbild: Da gibt es nämlich eine promiskuitive Ehefrau, ganz offensichtlich ein perfekt skrupelloses Luxusweibchen, zu der Baumann eine Beziehung pflegte, wie man sie in einigen Geschichten von Dostojewski findet. Als Gegenpart existiert aber zusätzlich deren idealistische Schwester, die Jana Pallaske überzeugend als Baumanns liebevoll besorgte, fürsorgliche und einfühlsame Ex-Freundin gibt. 

Und genau das erinnert schon sehr und gewiss nicht zufällig an de Sades Roman "Justine oder vom Missgeschick der Tugend" und dessen Nachfolger "Juliette oder die Vorteile des Lasters" mit den Schwestern Juliette und Justine, die eine lasterhaft und reich, die andere tugendhaft und leidend. Was der Geschichte eine faszinierende erotisch-emotionale Doppelbödigkeit verleiht, besonders in Verbindung zu der luxuriösen Verruchtheit mit Ledersex am Anfang und einem Maserati Quattroporte zum Schluss..

Unterfüttert hat das Drehbuch diese Konstellation noch mit ein paar Sätzen über die WM in Katar. Die dortigen Bedingungen und das Elend der Arbeiter sind zwar nicht das Hauptthema, aber als eine Prise Sozialkritik macht sich das im Krimi trotzdem nicht schlecht. Die Auflösung fällt so überraschend aus, dass sich ihre etwas holprige Hinführung kaum unangenehm bemerkbar macht. So sind es am Ende nur ein paar wenig stimmige Details, die stören: Wie passen ausgerechnet Veteranen aus Afghanistan zu verantwortungsvollen Jobs in einer internationalen Baufirma?

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