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TV-Kritik: "Boris Becker, der Spieler": Keine Hofberichtserstattung zum Geburtstag

Ein Jahr lang begleitete ein Kamerateam das einstige Sportidol. Das schillernde Portrait gibt intime Einblicke in Boris Beckers Leben und zeigt einen Mann auf der schwierigen Selbstsuche.
Boris Becker und seine Ehefrau Lilly zu Hause in Wimbledon. Seit April 2009 ist das Paar verheiratet, hat den gemeinsamen Sohn Amadeus. Bild: SWR Foto: (SWR-Presse/Bildkommunikation) Boris Becker und seine Ehefrau Lilly zu Hause in Wimbledon. Seit April 2009 ist das Paar verheiratet, hat den gemeinsamen Sohn Amadeus. Bild: SWR

Boris Becker gehörte zu den achtziger Jahren wie Nena oder die TV-Serie Miami Vice. Am 3. Juli 1985 wird er zum jüngsten Wimbledon-Sieger aller Zeiten. Die Begeisterung  für ihn gleicht anschließend der einer Sekte für einen charismatischen Guru: Im deutschen Fernsehen ist er präsenter als der damalige US-Präsident Ronald Reagan. Becker hat viel dazu beigetragen, dass sich Tennis vom Sport der Eliten zum Volkssport entwickelt hat.

Morgen am 22. November feiert das Idol seinen 50. Geburtstag. Die Dokumentarfilmer Michael Wech und Hans-Bruno Kammertöns haben ihn ein Jahr lang mit der Kamera begleitet. Als sie damit anfingen, waren Beckers finanzielle Probleme noch nicht in den medien präsent  Boris Becker ließ sie ziemlich nah ran an sich: Becker in der Küche seines Hauses in Wimbledon und am Steuer seines Porsche Cayenne mit Sohn Amadeus auf dem Rücksitz.

Flucht in den Urlaub

Becker, wie er eingepackt wie eine Mumie in den OP-Saal gerollt wird und dabei den Daumen nach oben reckt. Oder Becker mit Ehefrau Lillie im Urlaub in Ibiza. Ein Ort, wo es Becker offenbar besonders gut gelingt, die Negativ-Schlagzeilen über sich zu verdrängen. Was wiederum gut zu dem Becker vom Anfang des Films passt, wie er müde mit qualmendem Zigarillo im Mund auf einem Gehweg humpelt und dabei im Off kommentierend darauf beharrt, mehr richtig als falsch gemacht zu haben.

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Mit anderen Worten: Becker, wie er der Öffentlichkeit wieder einmal Vollbedienung gibt. "Seit über dreißig Jahren lebe ich öffentlich. Dafür zahlt man einen Preis!" Seine eigene Beziehung zu eben dieser Öffentlichkeit gleicht wohl deshalb auch einer bizarren Hassliebe. Es mutet irgendwie schräg an, wenn er am Ende sagt: "Ich war noch nie Euer Boris, noch nie. Ich war immer bei mir". Als wolle er viele seiner Fans nahe heranlassen, um sie anschließend umso treffsicherer abzuwatschen. Heiß und kalt, hart und weich.

Der Superstar der Achtziger

Wech und Kammertöns haben eine Dokumentation gedreht, die natürlich viele alte Weggefährten wie Ion Tiriac oder Günther Bosch zu Wort kommen lässt und die glänzenden sportlichen Höhepunkte im Leben Beckers samt der "Beckermania" der Achtziger noch einmal ausgiebig in Erinnerung ruft. Wie eine Hofberichterstattung kommt der Film aber nicht rüber. Er zeigt auch Beckers Leben vor seinem großen Durchbruch und wie mühsam und zäh er sich auf dem Tenniscourt nach oben gebissen hat.

Eine Karriere, die Narben und Wunden hinterlassen hat. Becker, der Schmerzensmann mit Krücken. Alte Aufnahmen zeigen ihn als schmächtigen Jungen mit seinem ersten Tennisschläger, die Filmer lassen seine Schwester Sabine Becker-Schorp zu Wort kommen, die sich daran erinnert, wie sie sich um ihren kleinen Bruder kümmerte. Das Tennis hat ihn großgemacht und für Becker, so der naheliegende Schluss, gab es kein richtiges Leben danach.

Dass er heute in Wimbledon lebt, spricht Bände: Nur möglichst nahe am Ort seiner früheren Triumphe. Was danach kam, entpuppte sich als Selbstdemontage, so krachend wie seine Karriere zuvor. Becker ließ sich treiben, machte Schlagzeilen mit Sex in der Besenkammer. Boris Becker, der Spieler“ heißt die Doku, und dieses Attribut "Spieler" beschreibt ihn wohl am treffendsten. Mittlerweile ist es nämlich der Pokertisch, der ihn fasziniert, und es klingt durchaus  nachvollziehbar, wenn er Pokern mit Tennis vergleicht.

 

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