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TV-Kritik: Borowski und das Land zwischen den Meeren: Starker Erotik-Tatort

Christiane Paul brilliert hier als ebenso gefährliche wie gefährdete Femme fatal. Dieser Tatort ist eine Wucht.
Was ist passiert? Famke (Christiane Paul) und Oliver (Beat Marti). Foto: NDR/Christine Schroeder Was ist passiert? Famke (Christiane Paul) und Oliver (Beat Marti).

Das Meer galt schon zu Stummfilmzeiten als Sinnbild für das Reich der Träume. Nicht umsonst kam schon vor fast 100 Jahren Vampirgraf Nosferatu per Schiff ins Land. Und wenn hier Christiane Paul als Famke Oejen zum Auftakt unter grauem Himmel von geheimnisvoll geflüsterten Fersen begleitet aus dem Meer an Land geschwommen kommt und anschließend auf nackten Füßen heimwärts geht, wird schnell klar, worum es in diesem "Tatort" geht: Um tiefere Regionen, um Verdrängtes und Tabuisiertes.

Was für ein genialer Anfang. Mit gutem Grund spielt Wasser im Verlauf der Geschichte auch weiter eine wichtige Rolle. Famke Oejen geht nach Hause und findet ihren Freund Oliver Teuber tot in der Badewanne. Die örtliche Polizei, deren letzter Mordfall schon über 40 Jahre zurückliegt, bittet die Kripo Kiel um Mithilfe. Die schicken Borowski, der seit dem filmischen Totalabsturz "Borowski und das Fest des Nordens" ohne Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) auskommen muss.

Dem fällt schnell allerlei Merkwürdiges auf. Der Tote stand im Zusammenhang mit einem Bestechungsskandal. Famke Oejen hatte zuvor offenbar was mit dem örtlichen Bäcker. Im weiteren Handlungsverlauf entfaltet sich eine Geschichte um Bestechungsgeld, einen ermordeten Schweinezüchter und zwei Männern, die mit Borowski auf der Fähre waren.

Weibliche Erotik im Mittelpunkt

Aber die Krimi-Erzählung ist im Grunde ja nur Beiwerk: Dreh- und Angelpunkt des ganzen Plots ist Famke Oejen und das, was sie auf der Insel, auf der sie lebte, damit auslöste. Es geht um weibliche Sexualität, ihre (selbst)zerstörerische Kraft und die Angst davor. Famkes selbstbestimmte Erotik weckt Sehnsüchte und wirkt wie ein Sprengsatz. Es gibt Männer, die Famkle wollen, und Männer, die sie bekamen. Dazu kommen Frauen, die sie hassen und zugleich beneiden, was sich in angstvoller Bigotterie niederschlägt.

Eine Frau beschwört wie als Abwehrzauber Erinnerungen an den sagenhaften Untergang der Insel Rungholt herauf: Nach der Legende war der Untergang die Strafe für einen grässlichen Frevel, in ihren Augen ebenso frevelhaft wie Famkes Lebensstil. Regisseur und Co-Autor Sven Bohse zieht alle Register, verdrängte Erotik zu thematisieren.

Feierliche Orgelklänge in einer Kirche entwickeln sich zum Symbol für den Prozess der Verdrängung. In dem Bestechungsskandal, in den Teuber verwickelt war, ging es um ein Bordell. Die Art, wie Bohse diese Anlagen umgesetzt hat, macht ihn deswegen trotz der etwas bemühten Auflösung und eines überflüssigen Brecht-Zitats zum bisher besten "Tatort" der Saison.

Gekonnt inszeniert

Visuell und akustisch zeigt sich der Sonntagskrimi hervorragend gestaltet: Bohse lässt sich keine Gelegenheit entgehen, aus der Dünenlandschaft, aus Wellen, Wolken, Gemälden, Sturm samt "Riders on the Storm" von The Doors und vor allem natürlich der furios aufspielenden Christiane Paul wirklich das Letzte herauszuholen.

Dass er dabei darauf verzichtete, die Geschichte mit bis in Letzte ausgefeilter Logik zu erzählen, fällt deswegen kaum negativ ins Gewicht. Schade nur, dass Sarah Brandt nicht mehr mitmacht. Kekilli hätte sich in dieser Geschichte auch noch gut gemacht.

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