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TV-Kritik: "Brüder": Der Weg in die Hölle

Ein zielloser Student konvertiert zum Islam und zieht nach Syrien in den Kampf gegen Assad. Der TV-Zweiteiler beeindruckt besonders durch seine Kriegsszenen.
Gemeinsam mit seinen neuen Brüdern verbrennt Jan (Edin Hasanovic) seinen Reisepass und bricht damit die Brücken hinter sich ab. Foto: (SWR-Presse/Bildkommunikation) Gemeinsam mit seinen neuen Brüdern verbrennt Jan (Edin Hasanovic) seinen Reisepass und bricht damit die Brücken hinter sich ab.

Was bringt junge Menschen dazu, sich dem IS anzuschließen? Dieser Film versucht durch seine Hauptfigur, eine Antwort darauf zu geben. Jan Welke (Edin Hasanovic) trudelt ziemlich ziellos durch sein Informatik-Studium, tanzt die Nächte durch Discotheken, sucht und findet schnellen Sex. Es sieht nicht so aus, als würde ihm dieses Leben sonderlich viel bedeuten. Oder als würde ihm überhaupt irgendwas viel bedeuten: Mit seinen Eltern, gespielt von Karoline Eichhorn und Thorsten Merten, lebt er im Zwist.

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Warum, erklärt "Brüder" nicht wirklich. Überhaupt tut er sich mit seiner Hauptfigur anfangs ziemlich schwer. Gibt es so etwas wie den typischen IS-Kandidaten und wenn ja, entspricht Jan diesem Muster? Jans Probleme erscheinen nicht nachvollziehbar. Er ist offensichtlich hochintelligent und den Anforderungen seines Studiums so mühelos gewachsen, dass er seine Vorlesungen ziemlich gelangweilt verfolgt. Auch mit dem anderen Geschlecht hat er erkennbar keine Probleme: Auch von einer Kommilitonin bekommt Jan ein Angebot, nachdem er ihr etwas repariert hat.

Der Bruch mit der Familie

Doch in ihm brodelt eine extreme Aggressivität: Seinen Vater versucht er ernsthaft (?), mit einem Kissen zu ersticken, zu seinem Großvater, der ihm ein Sparbuch vererbte, hatte Jan keinen Kontakt mehr. Sein offensichtlicher Hass gegen seine Familie soll wohl plausibel machen, warum Jan sich mit dem bosnischen Salafisten  Abadin Hasanovic (Tamer Yigit) und seinen Glaubensbrüdern eine Art Ersatzfamilie sucht und schließlich zum Islam konvertiert.

Hasanovic erzählt Jan vom Holocaust an den Muslimen und fragt ihn, ob der Holocaust nur für Juden gelten würde. Und da ist noch Tariq al-Jabari (Erol Afsin), Jans Mitbewohner, ein angehender Arzt, dessen Familie im Syrischen Bürgerkrieg von Assads Regime bedroht wird. Tariqs Schwester  Saima (Zainab Alsawah) hat es bis nach Deutschland geschafft, soll aber wieder ausreisen und begeht, von den Auswirkungen des Bürgerkriegs an Leib und Seele gezeichnet, einen Selbstmordversuch.  

Suche nach Sinn und Gemeinschaft

Während Jan Tariq und dessen Schwester zu helfen versucht, beschäftigt er sich immer intensiver mit Hasanovic und dessen Predigten. Diese allmähliche Radikalisierung zeigt der Film zumindest recht anschaulich und findet auch für den Anfang passende Bilder: Wenn Jan etwa Hasanovic beim Fußball zuschaut, wird bereits deutlich, dass Jan sich danach sehnt, einer Gemeinschaft anzugehören, was den weiteren Verlauf des Films auch glaubhaft gestaltet.

Wie auch Edin Hasanovic trotz der doch bisweilen grob geschnitzten Persönlichkeit Jans die Phase spätpubertärer Unsicherheit sehr gut verkörpert. Bei seiner Familie löst seine Konvertierung Entsetzen aus. "Das Wort Allahs hat mir die Augen geöffnet und mir einen Weg gezeigt!" Mit Hasanovics Verbindungen reisen die beiden nach Syrien, wo Jan von Anhängern des IS zum Schein entführt und zum Kämpfer ausgebildet wird.

Kamera als großer Pluspunkt

Jan verbrennt seinen Reisepass und bricht alle Verbindungen hinter sich ab. Der zweite Teil des TV-Films konzentriert sich auf Jans Kriegserlebnisse, die Regisseur Züli Aladag (auch Buch zusammen mit Kristin Derfler) in Nordafrika gedreht hat. Dabei geht Aladag ziemlich weit, schafft aber auch ein fesselndes Kriegsdrama. Roland Stuprich läuft an der Kamera zu Hochform auf und gibt dem Geschehen eine starke Dynamik.

Die intensive Recherche verhilft dem zweiten Teil zu großer Eindringlichkeit, wenn etwa die IS-Kämpfer sich mit rhythmischen arabischen Versen in Kampfesstimmung versetzen.  Wenn Jan schließlich als angeblicher IS-Gefangener befreit wird und nach Deutschland zurückkehrt, schlägt das Drehbuch gekonnt eine Brücke zum Anfang des Films: Der Verfassungsschutz setzt Tariq, dessen Familie im Gegenzug eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland erhält, auf Jan an. Wie gefährlich sind IS-Rückkehrer? Hier eine eindeutige Aussage zu treffen ist unmöglich.

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