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TV-Kritik: "Das Leben danach": Ein herausragendes Werk

Von Das Drama über die Folgen der Loveparade-Katastrophe von 2010 zeigt sich als schmerzhaft intensive Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung.
Auch sieben Jahre nach der Katastrophe ist Antonia (Jella Haase) immer noch unfähig, ein normales Leben zu führen. Bild: WDR/Alexander Fischerkoesen Foto: (WDR Presse und Information/Redak) Auch sieben Jahre nach der Katastrophe ist Antonia (Jella Haase) immer noch unfähig, ein normales Leben zu führen. Bild: WDR/Alexander Fischerkoesen
Es war gegen 17 Uhr am 24. Juli 2010, als sich die Loveparade in Duisburg zu einer mörderischen Katastrophe entwickelte. 21 Tote und über 500 Schwerverletzte lautete die schreckliche Bilanz. Mittendrin dabei: Antonia Schneider (Jella Haase), fiktive Hauptfigur dieses Dramas. Zum Zeitpunkt der Loveparade stand sie kurz voir dem Abitur und wollte einfach mal abfeiern, wie so viele Tausende andere Besucher auch.  
 
Es entwickelte sich zu einem Horrortrip, der auch Jahre danach noch nicht zu Ende ist. Das Unglück hat Antonia aus der Bahn geworfen, sie zum lebensunfähigen nervlichen Wrack gemacht. Die Farbe Pink kann sie ebenso wenig ertragen wie Blaulicht. Sie trinkt und treibt sich herum. Und verwüstet Orte, an denen an die Opfer des Unglücks erinnert werden soll, obwohl sie gleichzeitig zu einer Selbsthilfegruppe geht.

Taxifahrer mit dunkler Vergangenheit

Wenn sie neben dem Sarg eines Selbstmörders steht, bangt der Zuschauer, ob sie nicht im Handlungsverlauf sich ebenfalls das Leben nehmen will. Auf einer Flucht vor der Polizei steigt sie in ein Taxi ein. Der Fahrer heißt Sascha (Carlo Ljubek) und auch er ist von der Loveparade traumatisiert. Er war ebenfalls dabei. Sagt er. Das stimmt nicht, zumindest nicht so, wie es sich anhört. Denn Sascha war Mathematiker an der Uni und hat ein Gutachten erstellt, nachdem auf der Loveparade keine Gefahr drohen würde.

Hier können Sie den ganzen Film in der Mediathek sehen

 
Ein Gutachten, für das er den stolzen Betrag von 30.000 Euro kassiert hat. Über weite Strecken begleitet der Film Antonia auf ihrem langsamen und qualvollen Weg in die Selbstzerstörung. Jella Haase, wie immer herausragend, wenn es um sperrige Frauen geht, verkörpert diese Antonia mit eindrucksvollem Mut zur Hässlichkeit. Zusammen mit Martin Brambach als Vater Thomas und Christina Große als Stiefmutter Kati  gelingt hier ein schmerzhaft intensives Portrait einer Familie, die kurz vor der Selbstaufgabe steht.

Zur Schuld korrumpiert

"Die, die überlebt haben, wir sind die Kaputten, die Arschlöcher, die nichts auf die Reihe kriegen." Aber das Drama von Nicole Weegmann (Regie) und Eva und Volker A. Zahn (Drehbuch) bleibt nicht bei dem Portrait einer traumatisierten jungen Frau stehen: Er setzt sich zugleich intensiv mit dem Thema Verantwortung auseinander. Denn Sascha, so wird angedeutet, hat seine Berechnung als Mathematiker nicht mit der erforderlichen Sorgfalt durchgeführt. Und nicht nur das.

Weit schlimmer noch: Er hat sich sogar kaufen lassen und ein Gefälligkeitsgutachten abgeliefert, um sein Haus bezahlen zu können. "Das Leben danach“ erzählt viel vom Verlust von Sicherheit und Halt. Sascha kann nach der Katastrophe durch den Schock seine Karriere an der Uni nicht fortsetzen und hat zusätzlich seine Familie verloren. Auch seinen Sohn wird er zumindest teilweise verlieren, nachdem der die Verstrickung seines Vaters erkannt hat.

Hoffnung am Ende?

Und auch Antonia wird viel verlieren durch ihr Handeln: Die Unterstützung der Selbsthilfegruppe ebenso wie den letzten Halt durch ihre Familie, nachdem sie eiskalt Saschas minderjährigen Sohn verführt hat. Die Art und Weise, wie dieser Film diese emotionalen Faustschläge mit fein abgestuften und grandios gespielten Charakterportraits verbindet, macht ihn zu einem herausragenden Drama. Da stimmt eigentlich alles, und da wirkt selbst die Andeutung von Hoffnung und Vergebung am Ende nicht aufgesetzt.
 
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