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TV-Kritik: "Der 90-Minuten-Krieg": Fußball ist auch keine Lösung

Eine bitterböse Farce: Ein Fußballspiel soll entscheiden, wer sich aus dem Heiligen Land zurückziehen muss und wer bleiben darf. Palästinenser oder Israelis?
Foto: (ZDF)
Eine herrlich absurde Idee, so absurd wie der Krieg in Nahost und überhaupt jeder Krieg: Der Premierminister von Israel und der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde kommen überein, den Nahostkonflikt auf sportliche Weise zu beenden: Wer gewinnt, darf bleiben, wer verliert, muss sich eine neue Heimat suchen. Es geht also um alles oder nichts für Millionen Menschen, was sich im Verlauf eines Fußballspiels entscheiden soll.
 
Aber die Vorstellung, dass sowas auf friedliche Art geschieht, ist natürlich illusorisch. Der Streit geht gleich zu Anfang los, oder man könnte auch sagen, weiter. Wo soll das Spiel stattfinden? Ein deutsches oder englisches Fußballstadion fällt ja schon mal gleich aus. Welche Nation soll den Schiedsrichter stellen? Doch nicht etwa einer aus Schweden oder dieser Belgier, dessen Tochter mal freiwillig  in einem Kibbuz gearbeitet hat? 

Fußball war immer schon mehr als nur Spiel

 Historische, nationale Empfindlichkeiten gibt es auf allen Seiten. Auch in der Bevölkerung kommt die Idee nicht bei allen gleichermaßen gut an. Es gibt Demonstrationen und Schikanen von israelischen Soldaten gegen die gegnerische Mannschaft, deren Bus angehalten wird. Immer mehr entwickeln sich die Vorbereitungen zu einem Spiegelbild des Konflikts selbst. Und wird dabei auch der Geschichte des Fußballs selbst gerecht.
 
Fußball statt Krieg? Ach, wenn das so einfach wäre. Fußball war immer schon ein bisschen wie Krieg. Das Spiel diente schon vor 4000 Jahren in China dem militärischen Training. Im England des Mittelalters spielten oft zwei benachbarte Ortschaften gegeneinander, und wenn es da irgendwelche Feindseligkeiten gab, entwickelte sich das Spiel schnell zur blutigen Schlacht. Im Ersten Weltkrieg ist von der Westfront zum Weihnachtsfest 1914 mindestens ein wildes Gekicke zwischen deutschen und englischen Soldaten an den Schützengräben überliefert. 

Deutscher Trainer für Israel

 Die selbstverständliche Lässigkeit, mit welcher der im Stil einer Mockumentary  gedrehte Spielfilm sich dem historischen und politischen Kontext des Nahost-Konflikts nähert, erscheint darum auch nicht aufgesetzt. Dazu haben sich die Macher viele stimmige Figuren und Details einfallen lassen. So gibt es Funktionäre mit Magenproblemen oder ausgerechnet einen deutschen Trainer für die israelische Mannschaft, gespielt von Detlev Buck mit wunderbar unbehaglicher Miene. 

Der Sportwagen ist wichtiger

 Zur Einstimmung findet unter anderem ein Ausflug zu den historischen Ruinen von Masada als Symbol des nationalen Selbstbehauptungswillens statt. Und ein Spieler soll vor den Ruinen eines palästinensischen Dorfes eine ausführliche Erklärung liefern und dabei gleich im Jahr 1948 anfangen, "die Nakba, die Vertreibung, alles was ‘48 passiert ist". Dummerweise sorgt sich der Fußballer mehr um seinen neuen Sportwagen, der von ein paar Straßenjungen umlagert wird, als um die emotionale Wirkung von dem, was er sagen soll.
 
Die Vielzahl der agierenden Charaktere gestaltet die Satire mitunter allerdings verwirrend und wer keine genaueren geographischen Kenntnisse von Israel und Palästina besitzt, könnte auch mal den Überblick verlieren. Hier hätte eine stärkere Verdichtung viel bewirkt. Dennoch zeigt sich "Der 90-Minuten-Krieg" als erfrischend freche und mit viel Witz gestaltete Satire.
 
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