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TV-Kritik: "Der Kommissar, der Mord und das Kind": Eine Geschichte, die berührt

Von Authentischer Hintergrund: Ein Opferschutzkommissar kümmert sich um ein schwer traumatisiertes Kind und wird zum Ersatzvater für Jugendliche ohne echtes Zuhause.
Opferschutzkommissar Carlos Benede (Matthias Koeberlin, r.) nimmt Kontakt zu Alexander (Joshio Marlon, l.) auf und bespricht mit ihm das weitere Vorgehen. Foto: Barbara Bauriedl Opferschutzkommissar Carlos Benede (Matthias Koeberlin, r.) nimmt Kontakt zu Alexander (Joshio Marlon, l.) auf und bespricht mit ihm das weitere Vorgehen.

Der Titel ist nicht nur sperrig, er führt auch ein wenig in die Irre. Auf diesem Sendeplatz gibt es sonst den ZDF-Montagskrimi. Hauptdarsteller Matthias Koeberlin kennt man als Kommissar Micha Oberländer aus der Krimireihe "Die Toten vom Bodensee" und zugleich aus mittlerweile fünf Filmen als Kommissar Robert Marthaler, der in Frankfurt und Umgebung auf Verbrecherjagd geht. Und wenn Koeberlin hier wieder den Kriminaler gibt, denkt sicher so mancher Zuschauer an einen Plot im Stil von "Der einzige Zeuge".

Tatsächlich gibt es keinen Krimi, jedoch einen Mord: Die Mutter des erst elfjährigen Alexanders (Joshio Marlon) wird von ihrem aggressiven Mann in ihrer Küche totgestochen. Kurz zuvor hat sie noch die Polizei um Hilfe gerufen, aber ihr Mann kam ungesehen durch die Tiefgarage. Alexander kommt in die Obhut Carlos Benedes (Matthias Koeberlin), eines Opferschutzkommissars, der sich um schwer traumatisierte Jugendliche kümmert: um Fälle wie Alexander.

Die Begegnung mit dem mörderischen Vater

Statt Ermittlungen schildert der Film das behutsame Vorgehen Benedes, wie er allmählich zu dem Jungen vordringt und ihm hilft, die Konfrontation mit seinem gewalttätigen Vater und dem schrecklichen Tod seiner Mutter zu überstehen. Eine große Hilfe ist ihm dabei, dass Alexander sich für sein Alter schon sehr erwachsen und selbstbewusst zeigt: etwa, als er von sich aus den Kontakt zu seinem Vater sucht, der im Gefängnis auf seinen Prozess wartet.

Alexander will zudem getauft werden, da ihm Religion im Gegensatz zu seinem Vater etwas bedeutet. Was in Benede etwas berührt, denn der Kommissar ist selbst in einem von Nonnen geleiteten Waisenhaus aufgewachsen. Erst nimmt der alleinstehende Polizist mit Freundin (Stefanie Stappenbeck) den Jungen in Pflege, später adoptiert er ihn. Und trennt sich schließlich sogar von seiner Freundin, als sich eine Konkurrenz zwischen ihr und dem Jungen zu entwickeln droht.

Koeberlin als Glücksgriff

Was sich nach einer melodramatischen Geschichte anhört, beruht durchgehend auf Tatsachen: Carlos Benede, Sohn einer Spanierin und eines unbekannten Vaters, hat alles, was im Film gezeigt wird, auch selbst erlebt. Den Weg Benede vom Fahnder über den Opferschutzkommissar bis zum Ersatzvater für Jugendliche, die sonst niemanden haben, kann man im Netz unter anderem in Youtube-Videos nachvollziehen.

Es ist ein spannender Weg. Und es ist ein wenig schade, dass der Film gerade aus seiner Hauptfigur nicht wirklich Kapital schlägt. Als Glücksfall entpuppt sich die Besetzung mit Koeberlin: Zwar nimmt man dem Schauspieler einen Mann mit spanischen Wurzeln zuerst nicht ab. Aber Koeberlin schafft es durch sein zurückhaltendes und leises Spiel, eine gewisse Authentizität herzustellen: So oder zumindest so ähnlich stellt man sich auch den echten Benedes vor.

Woran es Benede (im Film!) mangelt

Der Film wäre als Spielfilm(!) aber besser geworden, hätten die Macher etwas mehr Mut zur Fiktionalisierung aufgebracht. Ein Benede mit Ecken und Kanten, dem man noch ein wenig seine Vergangenheit als Drogenfahnder angemerkt hätte, ein Mann, der nicht einfach von sich aus seiner Freundin den Laufpass gibt, sondern langsam an einen Punkt gerät, wo er sich  schmerzhaft zwischen seiner Rolle als Ersatzvater und seinem Bedürfnis nach einer Frau entscheiden muss: Ein solcher Benede hätte nicht nur eine deutlich spannendere Hauptfigur ergeben, sondern auch aus Matthias Koeberlin noch wesentlich mehr herausgeholt.

Allerdings macht das Drehbuch, das nach Benedes Autobiographie "Meine Jungs, mein Leben, unser Weg" entstand, auch den Charakter des echten glaubwürdig deutlich: Wenn er mit dem elfjährigen Alexander zu den Nonnen fährt, die ihn großgezogen haben, lässt Koeberlin viel von der Empathie, der Freundlichkeit und der Nächstenliebe spüren, die  Benede in dieser Umgebung gespürt und verinnerlicht haben muss.

So haben Drehbuch und Regie immerhin das einfühlsame Portrait eines Mannes geschaffen, dem Helfen ein Grundbedürfnis ist und der auf diese Weise sicher mehr Verbrechen verhindert hat, als er zuvor aufklärte. Denn wie lassen sich kriminelle Karrieren besser verhindern, als wenn Jugendliche rechtzeitig guten Einfluss erfahren? Der echte Benede ist deswegen noch viel zu wenig in den Medien präsent.

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