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TV-Kritik: "Der Sohn": Die Lust an der Beklemmung

Von In dem fesselnden und vielschichtigen Drama will sich Stefan aus der zärtlichen Umklammerung seiner Mutter befreien. Doch sie hält ihn für einen Mörder.
Katharina (Mina Tander) ist es gewohnt, ihren Asthma-kranken Sohn ständig zu überwachen. Doch der Heranwachsende beginnt zu revoltieren. Foto: NDR/Marion von der Mehden Katharina (Mina Tander) ist es gewohnt, ihren Asthma-kranken Sohn ständig zu überwachen. Doch der Heranwachsende beginnt zu revoltieren.
Sigmund Freud wäre von diesem Mutter-Sohn-Verhältnis vermutlich hell begeistert – passt es doch zu seinen Theorien über den Ödipus-Komplex wie die Faust aufs Auge. Die Friseurin Katharina (Mina Tander) lebt alleinerziehend mit ihrem heranwachsenden Sohn Stefan (Nino Böhlau) in einer engen Wohnung zusammen. Sie wäscht ihm die Haare und überwacht ihn auf Schritt und Tritt. Eine andere Frau muss sie mit sanfter Gewalt darauf hinweisen, dass es gar keinen guten Eindruck bei Stefans Kollegen macht, wenn sie ihm das Pausenbrot nachträgt.
 
Wobei das hervorragende Drehbuch von Dagmar Gabler und Peter Andersson sie aber nicht ohne Grund als Helikopter-Mutter angelegt hat. Stefan litt schon als Kleinkind an schwerem Asthma, er war ständig auf ihre Fürsorge zum Überleben angewiesen. Auch jetzt hat er das Inhalationsgerät mit Asthma-Spray stets griffbereit. Aber sein Keuchen hat ihn zum Gespött bei seinen Altersgenossen in der Kleinstadt werden lassen.

Der Sohn als nächtlicher Voyeur

Man kann sich leicht ausmalen, wie sich so jemand gegenüber Mädchen fühlen muss. Nachts geht Stefan mit seinem Fahrrad auf Tour. Er belauert Paare beim Sex und Prostituierte, wovon seine Mutter nichts ahnt. Noch nicht. Eine Reihe von Vorfällen lassen bei Katharina alle Alarmglocken schrillen. Eine junge Frau wird ermordet, während Stefan, der sich einen Ausbildungsplatz als Gärtner ergattert hat, mit seinen Kollegen gerade in der Nähe war.

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Und auf seinem Laptop entdeckt sie durch einen Zufall sadistische Sexfilme. Detlef Schröder (Godehard Giese), den Katharina an der Kasse eines Supermarkts kennenlernt, umwirbt sie sanft, was ihr sichtlich guttut. Aber ihren Sohn feindselig bis eifersüchtig  reagieren lässt. Hier spielt die Geschichte ihre Ambivalenz im Mutter-Sohn-Verhältnis perfekt aus: Es ist einerseits Stefans erwachende Sexualität, die ihn Distanz zu seiner Mutter suchen lässt, die ihn aber ebenso an seine Mutter fesselt.

Mina Tander als zärtlich-attraktive Helikopter-Mutter

Regisseur Urs Egger stand dabei mit Mina Tander eine Schauspielerin zur Verfügung, die Katharina nicht nur mit intensiver Emotionalität und Glaubwürdigkeit verkörpert. Gerade durch Tanders verlockende Attraktivität wirken die beiden auch in manchen Momenten - etwa bei Stefan in der Badewanne - wie eines jener Paare, die nicht miteinander, aber schon gar nicht ohneeinander können. Die sublimierte Erotik der Mutter, perfekt ausgedrückt durch Mina Tanders zartfeminine Ausstrahlung, und die erwachende Sexualität des Sohnes gehen eine hochexplosive Mischung ein.

Womit wir wieder bei Sigmund Freud wären. Aus dieser Konstellation und mehreren Morden in der Stadt ein glückliches Ende zu basteln, wäre unglaubwürdig: Die Geschichte steuert geradewegs auf ihr schreckliches Ende zu und wird dabei immer dichter und spannender. Urs Eggers Regie zeichnet sich dabei durch die präzise Führung der Schauspieler aus, wobei Nino Böhlaus explosive, aber nicht übertriebene Aggressivität dem Verhältnis zwischen Mutter und Sohn eine starke Authentizität verleiht.

Gelungen auch die Kamera von Konstantin Kröning und der Einsatz von Licht und Schatten: Die Atmosphäre in dem Streifen zeigt sich schon in den ersten Momenten in den Straßen der Kleinstadt zum Schneiden dicht. Erst der gelungene "Tatort"-Einstieg „Virus“, dann der sehr gute "Ich gehöre ihm" und jetzt dieses beklemmend gute Drama: Die ARD legt für die kommende TV-Saison ja schon mal sehr ordentlich vor!
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