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TV-Kritik: Der neue Tatort aus Bremen hat dramaturgische Schwächen

Von Der neue "Tatort" aus Bremen greift zwar ein brandheißes Thema auf und erschüttert durch Bilder jenseits der Schmerzgrenze. Dramaturgisch zeigen sich aber Schwächen.
Tatort im toten Winkel: Horst Claasen (Dieter Schadt) informiert die Polizei, dass er seine pflegebedürftige Frau getötet hat. Foto: Radio Bremen/Christine Schröder Tatort im toten Winkel: Horst Claasen (Dieter Schadt) informiert die Polizei, dass er seine pflegebedürftige Frau getötet hat.

Der Tod ist im "Tatort" am Sonntagabend stets präsent. Schließlich besitzt Mord einen höheren Spannungsfaktor als Ladendiebstahl. Aber nur selten geht er so unter die Haut wie in den ersten Minuten dieses Films, als der alte Horst Claasen (sehr gut: Dieter Schadt) seine demente Frau mit einem Kissen erstickt. Anschließend nimmt er eine tödliche Dosis Tabletten und ruft die Polizei an, die sich um den Abtransport der Leichen kümmern soll.

Und um den Hund, der wie verrückt vor der Schlafzimmertür tobt. Die Tötung geschieht so unspektakulär, so häuslich, so geordnet: Die Claasens waren genauso, wie sich jeder seinen Nachbarn wünscht. Nur dass der hochbetagte Claaasen einfach keine Kraft mehr hatte. Draußen vor der Tür im Treppenhaus versucht währenddessen Carsten Kühne (Hans Peter Brix), ein medizinischer Gutachter, sich bemerkbar zu machen.

Bilder von Nervenzusammenbrüchen und Elend

Die Szene ist nur eine von etlichen drastischen Momenten, die zeigen, wie die Pflege naher Angehöriger Betroffene bis weit über jede Grenze hinaus belastet. Da gibt es auch noch Akke Jansen (Dörte Lyssewski), von der Pflege ihrer demenzkranken Mutter heillos überfordert. Und Oliver Lessmann (Jan Krauter), dessen Frau seit einem Unfall seit Jahren im Koma liegt und Intensivpflege benötigt. Er will sie nicht ins Heim geben, um seinem Sohn dennoch die Mutter zu erhalten.

Man merkt deutlich, wie intensiv sich Katrin Bühlig (Drehbuch) und Regisseur Philip Koch mit dem Thema beschäftigt haben. Kochs Inszenierung verleiht dem Geschehen dabei einen fast schon dokumentarischen Charakter.Was auch die Betroffenheit der Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) glaubhaft gestaltet. Grotesk dabei: Nun droht Horst Claasen auch noch eine Mordanklage.

Ein Tatort mit Höhen und Tiefen

All das dient allerdings nur als Vorspiel, und hier beginnt die Geschichte schon etwas zu schlingern. Der eigentliche Mord, den die Kommissare diesmal aufklären müssen, geschieht nämlich erst zur Halbzeit des Films, als Kühne tot aus dem Wasser gezogen wird. War der Gutachter bestechlich? Er hatte immer wieder ein Pflegeunternehmen empfohlen, das sich durch fingierte Abrechnungen für nicht erbrachte Leistungen gewaltige Summen ergaunert haben könnte.

Das Zusammenspiel von Sozialdrama und Krimi klappt indessen trotz der problematischen Konstruktion der Handlung nicht schlecht. Die Fäden zwischen den Ermittlungen und den drei vorgeführten Pflegeschicksalen sind ganz passabel gesponnen. Dennoch sind die Schwächen unübersehbar, und sie betreffen vor allem Claasens Sohn Sven (Nils Dörgelo).

Dass etwa Claasen seinem Sohn jahrelang die Krankheit seiner Frau verschwieg, geriet ebenso unglaubwürdig wie die Hilflosigkeit des Sohnes angesichts des Selbstmords seines Vaters. Und die Auflösung am Ende fällt noch einmal stark ab. "Im toten Winkel" entwickelt darum durch seine erschütternden Szenen als Sozialdrama zwar einen starken Sog, kann aber als Krimi nicht wirklich befriedigen.

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