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Filmkritik: Der neue "Winnetou": Realistischer und dreckiger als der Vorgänger

Der Wildwestfilm enthält zwar nur Spuren der Vorlage von Karl May, wird ihrer abenteuerlichen Atmosphäre aber durchaus gerecht. So hat unser Filmkritiker Ulrich Feld den RTL-Winnetou erlebt.
Die Verhandlungen über den Verlauf der Eisenbahnline sind außer Kontrolle geraten, Apachen-Häuptling Intschu Tschuna (Gojko Mitic, l.) wurde angeschossen. Winnetou (Nik Xhelilaj) sorgt sich um das Leben seines Vaters. Foto: RTL/Nikola Predovic Die Verhandlungen über den Verlauf der Eisenbahnline sind außer Kontrolle geraten, Apachen-Häuptling Intschu Tschuna (Gojko Mitic, l.) wurde angeschossen. Winnetou (Nik Xhelilaj) sorgt sich um das Leben seines Vaters.
Frankfurt.  Winnetou neu verfilmen? Einige Details verhießen schon vorher nichts Gutes. Es gab Streit um die Titel, da die Drehbücher noch wesentlich freier mit Karl Mays Romanen umgingen als die Verfilmungen aus den sechziger Jahren. Ja, mit dem ersten Winnetou-Band hat der Film bestenfalls rudimentär zu tun. So gibt es weder den Henry-Stutzen noch den Bärentöter, mit dem May seinen Protagonisten und Ich-Erzähler zu Beginn ausstattet, und auch von dem im Roman so wichtigen Alt-Revolutionär Klekih-petra  und den Kiowas keine Spur.
 
Selbst die Blutsbrüderschaft fehlt. Ein männlich-festes Händedruck-Ritual vor der Indianerversammlung muss reichen. Andererseits tritt Rattler aus dem Roman auf, den es in der Fassung mit Lex Barker und Pierre Brice nicht gab. Der Film greift ein wesentliches Handlungsmotiv des May-Romans auf: den Bau der Eisenbahn durch den Wilden Westen. Dort findet Karl May (Wotan Wilke Möhring) in den 1860er Jahren Arbeit als Landvermesser, angestellt von Manager Bancroft (Rainer Bock).
 

Zwischen Eisenbahnern und Indianern

 Als die Arbeiter einen Berg durchstoßen und auf das Gebiet der Apachen stoßen, wird ein Trupp unter Rattlers Führung auf einem indianischen Friedhof von den Apachen angegriffen und Karl May durch einen Pfeilschuss verwundet. Als Winnetou (Nik Xhelilaj) ihn skalpieren will, wehrt sich May mit einem Faustschlag. Er wird von den Apachen gesundgepflegt, bekommt den Namen Old Shatterhand verliehen und versucht zwischen den Indianern und der Eisenbahngesellschaft zu vermitteln.
 
Rattler ermordet aber Winnetous Vater Intschu tschuna (Gojko Mitic) und beschwört damit blutige Kämpfe zwischen den Eisenbahnern und den Apachen herauf. May schlägt sich am Ende auf die Seite der Apachen. Woher kennt man das? Klaro, "Der mit dem Wolf tanzt" lässt grüßen. Gemacht ist das Ganze mit erstaunlich viel Liebe. Eine Riesenmenge Statisten und Kostüme holen recht glaubwürdig das Amerika des 19. Jahrhunderts zurück. Im Vergleich zu der Fassung der sechziger Jahre wirkt die Neufassung realistischer und dreckiger.
 

Reinls Filme waren actionreicher

Dennoch verzichtet der Film nicht auf für viele Western obligatorische Szenen wie etwa eine Saloon-Schlägerei. Wobei die Filme von Harald Reinl in Sachen Action allerdings deutlich mehr zu bieten hatten: Die Prügelei fällt bei RTL vergleichsweise kurz und statisch aus. Dafür kommt ein Maschinengewehr zum Einsatz. Es stellt im Western meist waffentechnisch den Einzug der Moderne dar. Eine erste herausragende Rolle im Westernfilm bekam die Waffe vermutlich in "Vera Cruz" von Robert Aldrich und besonders im allerdings bereits im 20. Jahrhundert angesiedelten "The Wild Bunch" von Sam Peckinpah.
 
Historisch spielte die Waffe erstmals im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) eine gewisse Rolle. Zwar nur sehr begrenzt, aber dass eine solche Waffe in den Besitz einer Eisenbahngesellschaft geriet, ist dennoch nachvollziehbar. Sie wirkt im Winnetou-Film deswegen auch nicht deplatziert. Die Handlung mischt gekonnt etwas Tiefsinn hinein und überzeugt besonders mit ihrem schön eingefädelten Showdown. Der Kampf samt waghalsigen Kletterszenen an der Holzbrücke erinnert an "Die Brücke am Kwai" und Buster Keatons Stummfilmklassiker "Der General".
 

Bösewichter zu plakativ

Alles in Butter also? Nicht ganz, leider. Die Bösewichter stellen hier, obwohl prominent besetzt, einen Schwachpunkt dar und tragen vor allem optisch zu dick auf. Jürgen Vogel agiert als Rattler zwar ähnlich dem literarischen Vorbild, aber warum hat er plötzlich mehr Macht als Bancroft und kann sogar May feuern? Und Rattlers Gehilfe, verkörpert von Oliver Masucci, hätte auch nicht "Ugly Joe" heißen und dem Namen gerecht werden müssen. Jemand mit einem so entstellten Gesicht hätte viel besser dazu getaugt, Mitgefühl zu wecken. Manchmal hapert es auch an der Logik: Warum lässt Rattler den Tunnel nicht auch auf der Indianerseite bewachen?
 
Positiv dagegen: Wotan Wilke Möhring trifft gut den Ton zwischen dem schüchternen gehemmten Greenhorn und tatkräftigen Helden. Mit angeklebten Haaren und Bart bringt er es außerdem fertig, dem historischen May trotz rund zwanzig Jahren Altersunterschied ziemlich ähnlich zu sehen. Nik Xhelilaj gibt einen markanten Winnetou. Und dafür, dass der Film so wenig mit der Buchvorlage gemein hat, fängt er ihre abenteuerliche Atmosphäre recht gut ein. Mit anderen Worten: "Winnetou" bietet spannende Familienunterhaltung und ist einer der TV-Höhepunkte des Jahres.
 
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