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TV-Kritik: "Die Stille danach": Qualvolle Fragen

Von Warum wurde Felix zum Massenmörder? In dem TV-Film versuchen die Eltern eines Amokläufers, mit der Tat ihres Kindes fertig zu werden.
Die Tat, nach der alles zerbricht und nichts mehr so ist, wie es vorher war: Felix (Enzo Gaier) wird in seiner Schule zum Amokläufer. Bild: MDR/ORF/Petro Domenigg Foto: MDR/ORF/Petro Domenigg Die Tat, nach der alles zerbricht und nichts mehr so ist, wie es vorher war: Felix (Enzo Gaier) wird in seiner Schule zum Amokläufer. Bild: MDR/ORF/Petro Domenigg
Es ist der ultimative Alptraum: Das eigene Kind ein Amokläufer, ein Massenmörder. Einer wie Tim Kretschmer in Winnenden, wie Robert Steinhäuser in Erfurt. In diesem Film ist es Felix Rom, 14 Jahre alt, Sohn von Paula (Ursula Strauss) und Michael Rom (Peter Schneider), der eine Waffe mit in seine Schule bringt und damit tötet. Erst fünf andere, dann sich selbst. Der Film lässt den Zuschauer nur den ersten Schuss hören. Und dann die Folgen spüren. Den Schock, das Entsetzen, das Begreifen, dass nichts mehr so ist und jemals wieder so wird, wie es vorher war.

 Es ist das wohl schwierigste Filmthema überhaupt, etwas über die Familie eines solchen Täters zu drehen – auch wenn dieser Täter rein fiktiv ist, so wie hier. Denn diesem Thema kann man im Grunde gar nicht gerecht werden. Das Suchen nach Ursachen? Felix‘ Mutter Paula versucht es, aber sein Vater Michael will diese einfache Erklärung nicht gelten lassen. Ja, Felix wurde gemobbt, wie sie später recherchiert, massiv gedemütigt in der Toilette, und darüber drehten seine feixenden Schulkollegen ein Video und stellten es ins Netz.

Das Nicht-Begreifen-Können

Ja, dieses Video wäre widerlich, gibt der Vater zu, als er es sieht, aber deswegen würde man doch nicht töten. Als Erwachsener sicher nicht. Aber weiß man als Erwachsener eigentlich noch, wie es im Kopf eines Vierzehnjährigen aussieht? Kann man sich noch daran erinnern, wie man selbst in diesem Alter war? Dass es eben auch viele Dinge gab, mit denen man mit seinen Eltern einfach nicht reden wollte? Felix‘ Eltern wussten vieles nicht über ihren Sohn. So dass er zu seinem Schulfreund, von dem er seinen Eltern regelmäßig erzählte, in Wirklichkeit längst keinen Kontakt mehr hatte.
 
Aber, und hier legt der Film wirklich den Finger in die Wunde: Hat nicht auch ein Junge in dem Alter schon ein Recht auf seine eigene Welt, einen Bereich, in dem seine Eltern ihn nicht kontrollieren? Felix hatte ihn und nutzte ihn – aber mit entsetzlichen Folgen. Auch anderen Mitgliedern der Familie war ihr eigener Bereich schließlich wichtig. Den Eltern der jeweilige Beruf, der Tochter (Sophie Stockinger) ihre Musik. Aber was erklärt das? So läuft das schließlich in endlos vielen Familien ab, auch ohne dass dort ein Kind zum Amokläufer, zum Massenmörder wird.

Maischberger im Anschluss

Der Film von Nikolaus Leytner (Drehbuch und Regie) zeigt hautnah die Versuche von Eltern und Schwester eines Amokläufers, nach der unfassbaren Tat einen letzten Rest Normalität zu bewahren – Paula, die zuerst die Täterschaft ihres Sohnes mit allen Mitteln verdrängt – und dann wieder in die Normalität zurückzufinden. Auch im Wissen, dass die Versuche letztendlich zum Scheitern verurteilt sind, weil es so etwas wie Normalität einfach nicht mehr geben wird. Die Zweifel betreffen plötzlich auch alltägliche Dinge. Selbst die Antwort auf die Frage, ob ihr Sohn noch ein kirchliches Begräbnis bekommt, ist plötzlich nicht mehr selbstverständlich.
 
Ähnlich wie im Film „Vater Mutter Mörder“ mit Heino Ferch erweist sich auch hier der Vater des Täters mitschuldig: Er ist verantwortlich dafür, dass es eine Waffe im Haushalt gegeben hat. Eine kleine Schwäche des Films am Ende, weil nicht gerade glaubwürdig, ist das Video der Tochter. Seine Stärke dafür ist der Mut, Fragen zu stellen, auf die niemand wirklich eine Antworten geben kann. Im Anschluss versuchte es Maischberger dennoch mit ihren Gästen zum Thema "Die Amokläufer: Warum wird aus Hass Mord?"
 
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