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TV-Kritik: "Die Tchibo-Story": Fast wie ein Krimi

Von Die Doku beleuchtet nicht nur den geheimnisvollen Gründer der Marke, sondern auch ein wildes Kapitel aus dem Deutschland der Nachkriegszeit.
So entspannte sich der Tchibo-Gründer Max Herz (Ulrich Schmissat, 2. v. r.) gerne: in einer Kneipe am Kartentisch mit Freunden. Foto: ZDF/Marcus Simaitis So entspannte sich der Tchibo-Gründer Max Herz (Ulrich Schmissat, 2. v. r.) gerne: in einer Kneipe am Kartentisch mit Freunden.

Die Schmuggelware ist knapp und heiß begehrt im Nachkriegsdeutschland. Sie kommt per Auto oder mit dem Schiff aus dem Nahen Osten, aus afrikanischen Ländern und vor allem aus Südamerika. Der Zoll geht mit allen Mitteln gegen die Schmugglerbanden vor. Zöllner legen Nagelketten über die Straßen, um Autos zu stoppen. Sie jagen fliehende Männer durch das dichte Gebüsch neben der Straße. Ein gefährlicher Job, den die Schmuggler sind oft bewaffnet. Manchmal gibt es auch Tote bei dem Geschäft.

 

Und was wurde damals in Deutschland unter dermaßen heißen Umständen geschmuggelt? Haschisch, Morphium, Gold? Nein, das schwarze Gold – Kaffeebohnen! Die alliierten Besatzer hatten den Import streng reglementiert, was den Schwarzmarkt blühen ließ. Rund fünfzehn Markt kostet ein Pfund Kaffee, mehr als der Tageslohn eines Arbeiters. Wer also heimlich Kaffeebohnen schmuggelte, konnte schnell sehr viel Geld verdienen. Wohl erstmals im TV verdeutlicht eine Dokumentation auch, wie abenteuerlich es auf dem Kaffee-Markt im Nachkriegsdeutschland zuging.

 

Benannt nach einem Lebemann

 

Max Herz, Kaffee-Kaufmann aus Hamburg, bevorzugt allerdings andere Methoden. Mit dem gebürtigen Armenier Carl Tchilling-Hiryan hat er 1949 einen Versandhandel für Kaffee gegründet. Tchilling-Hiryan gibt dem Unternehmen auch den Namen: Die ersten vier Buchstaben seines Familiennamens und die ersten beiden Buchstaben des Wortes "Bohne" ergeben "Tchibo". Tchilling-Hiryan handelt mit Trockenfrüchten und beschafft Max Herz über diverse Querverbindungen die für den Import von Kaffee notwendigen Devisen. Ansonsten gilt er als Lebemann, mehr am Geldausgeben als am Geldverdienen interessiert.

 

Max Herz ist aus anderem Holz geschnitzt. Er bevorzugt es unauffällig. Kaum jemand kennt ihn, wenn er zum Kartenspielen in Hamburger Kneipen geht. Die Dokumentation zeigt Filmaufnahmen von ihm aus dem Privatarchiv der Familie. Es ist nur wenig, was von dem Multimillionär und Unternehmensgründer bekannt ist. Selbst in der Wikipedia finden sich nur ein paar dürre Sätze. Er wurde zwar im Jahr 1905 ins Kaffeegeschäft hineingeboren, erlebte aber auch die Not der Weltwirtschaftskrise mit. Und er hat etwas Unbezahlbares: Sinn fürs Geschäft.

 

Sparsam trotz Luxus

 

Im Nachkriegsdeutschland ist Kaffee begehrt, als die Importschranken fallen, wird Kaffee zu Statussymbol. Jährlich steigt der Kaffeeverbrauch in Westdeutschland um zehn bis zwanzig Prozent. Bald beschränkt sich Max Herz nicht mehr nur auf den Versandhandel, sondern eröffnet Läden. Obwohl er das Scheinwerferlicht meidet und zu Recht als sparsam gilt, genießt er durchaus die Annehmlichkeiten seines Erfolgs, etwa eine Villa am Elbufer oder Urlaub an der Côte d’Azur. Und teure Autos wie einen großen Borgward.

 

Eine Aufnahme zeigt Ingeburg Herz, die Ehefrau von Max, sogar am Steuer eines Mercedes Ponton Cabriolets. Ein solcher Wagen kostete neu ungefähr so viel wie sechs VW Käfer. Daneben leistet sich Max Herz sogar eine Rennbahn und ein Gestüt für Pferde. Doch er zeigt sich auch als Arbeitgeber überaus großzügig. Und statt offizielle Anlässe und rote Teppiche bevorzugt er Feiern mit seinen Arbeitern und Angestellten. Doch seine Vorlieben für üppige Mahlzeiten haben ihren Preis: Am 12. Mai 1965 stirbt der Unternehmer noch nicht sechzigjährig in Hamburg an Herzversagen.

 

Schon zu seinen Lebzeiten hat Herz die Konkurrenz unter seinen vier Söhnen offenbar systematisch gefördert. Wobei die Streitereien der Erben des Kaffeebarons in der zweiten Tschibo-Generation aber bei weitem nicht so spannend sind als die Gründerjahre.  Dennoch bleibt die Doku nicht nur für Kaffee-Fans sehr unterhaltsam.

 

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