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TV-Kritik: "Dunkelfeld": Kaum zu glauben

Wie machen die das? Gerade durch die Fehler der Vorgänger-Filme funktioniert der vierte "Tatort" um Rubin und Karow erstaunlich gut.
Gleich drückt ein Killer ab: Der Kronzeuge Andreas Berger (Robert Gallinowski) überlebt seine Überführung zum Haftrichter nicht. Foto: rbb/Oliver Vaccaro Gleich drückt ein Killer ab: Der Kronzeuge Andreas Berger (Robert Gallinowski) überlebt seine Überführung zum Haftrichter nicht.
Mit der Plausibilität von Krimi-Plots ist das so eine Sache. Es gibt da die Geschichte, dass Hollywood-Veteran Howard Hawks bei den Dreharbeiten zu "Tote schlafen fest" aus dem Drehbuch nicht schlau wurde. Als ihm die Autoren keine befriedigende Antwort auf seine Frage liefern konnten, fuhr er zu Raymond Chandler, dem Schöpfer der Romanvorlage. Doch er verließ den Schriftsteller unverrichteter Dinge wieder, denn Chandler konnte ihm seine Frage nach einem Täter auch nicht beantworten.
 
Ähnlich wie Hawks dürfte es auch manchen Zuschauer dieses mittlerweile vierten Berliner "Tatort"-Krimis um Rubin und Karow ergangen sein. Wie war das nochmal mit Karow? Und wie hängt das alles genau zusammen? Angefangen hatte ja alles im März 2015 mit "Das Muli", und in der Zwischenzeit ist im Berliner "Tatort" doch viel passiert. Neben der Verbrecherjagd hatte Kommissarin Nina Rubin aufgrund ihrer freizügigen Gunst Stress mit Ehemann Dr. Viktor Rubin (Aleksandr Tesla) und ihr Kollege Robert Karow (Mark Waschke) machte als erster offiziell bisexueller Kommissar Schlagzeilen.
 

Stress durch eine Bar-Mizwa-Feier

 
Zu Beginn dieses Fims wird Andi Berger (Robert Gallinowski) erschossen. Er sollte für Karow aussagen und anschließend in ein Zeugenschutzprogramm gehen. Er kann Karow nicht mehr sagen, wo sich das Video befindet, das ihn entlasten soll: Karow steht im Verdacht, etwas mit dem Tod seines Partners Gregor Maihack zu tun gehabt zu haben. Als Karow einen Alleingang startet, gerät er in tödliche Gefahr. Seine Kollegin hat alle Hände voll zu tun, seinen Spuren zu folgen, um ihn zu retten. Und dabei verpasst sie glatt noch die Bar-Mizwa-Feier ihres Sohnes, mit der im Judentum Knaben in die religiöse Mündigkeit entlassen werden.
 
Eine Menge Stoff also für einen Krimi, und zeitweise gerät die Geschichte in Gefahr, sich an ihrer riesigen Stoffmenge zu verschlucken. Zudem kommt die Auflösung, in die auch hochrangige Beamte und ein Baulöwe verstrickt sind, angesichts der endlosen Vorgeschichte eher simpel. Auch an etlichen Details könnte man herumnörgeln: Warum ist Karow etwa nach einer Folter noch so gut in Schuss, obwohl er mit voller Wucht ein Eisenrohr zu spüren bekam? Aber genau wie der Film von Hawks trotz seiner Unübersichtlichkeit zum Klassiker wurde, so schaden auch seine Fehler diesem "Tatort" nicht wirklich.
 

Die Figuren sind wichtiger als der Plot

 
Denn erstaunlicherweise profitiert "Dunkelfeld" ausgerechnet aus den Schwächen der Vorgänger. Das Privatleben der Ermittler nahm dort einen großen Raum ein, ohne dass etwa das Judentum in Nina Rubins Familie in den Krimi-Plots eine echte Rolle gespielt hätte. Doch diesmal gerät Nina Rubin gleich doppelt unter Druck: Wenn sie Karow helfen will, muss sie sofort die Feier ihres Sohnes verlassen, obwohl der Frieden in ihrer Familie und mit ihren Söhnen schon lange brüchig ist. Und man glaubt es kaum, wie gut diese Masche funktioniert!
 
Schon bald gerät nämlich die ohnehin kaum übersichtliche Vorgeschichte völlig an den Rand: Man interessiert sich nur noch dafür, ob Nina Rubin noch etwas von der Feier mitbekommt und ob Karow überlebt. Die sehr kurze Laufzeit der Filmhandlung und die Regie gehen zudem eine höchst geglückte Verbindung ein: Die Aktionen folgen dicht auf dicht, die Kamera bleibt in vielen Szenen hautnah dabei, und die Schauspieler zeigen sich auch durch die vielen spannenden und dramatischen Szenen in Hochform. Der gekonnte Einsatz filmischer Mittel findet seine Entsprechung in einem spannungsgeladenen Klangteppich. Genauso sieht gutes Krimi-Handwerk im TV aus.
 
Ein Hammer, wenn das der direkte Nachfolger von "Das Muli" geworden wäre. So zeigt der Vierteiler immerhin klar die Grenzen horizontalen Erzählens auf: Mit einem Zweiteiler hätte das perfekt funktioniert oder Autor Stefan Kolditz, der "Das Muli" schrieb, hätte auch für den zweiten und dritten Krimi um Rubin und Karow die Vorlagen liefern  müssen. So gelang aber dennoch ein befriedigender Abschluss der ersten vier Teile und einer der besten Beiträge der laufenden Saison. „Dunkelfeld“ hätte sich auch als 1000. "Tatort" gut gemacht. Künftig geht es in Berlin mit Rubin und Karow und abgeschlossenen Fällen weiter – zumindest besteht Hoffnung.
 

 

 
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